Google:
Ist Google Gott?
In den letzten Wochen fragten sich viele, wo denn die vielbeschworenen Massenvernichtungswaffen im Irak wohl abgeblieben sind. Wer mit der Suchmaschine Google nach «weapons of mass destruction» suchte, erhielt auf Platz eins der Suchergebnisse lange eine satirische Seite, die inzwischen auf Platz zwei abgerutscht ist. Auf der im Stil einer Fehlermeldung designten Seite ist unter anderem zu lesen: «Die Waffen, nach denen sie suchen, sind derzeit nicht verfügbar. Das Land leidet derzeit möglicherweise unter technischen Schwierigkeiten, unter Umständen müssen Sie Ihr Mandat für Waffeninspektionen korrigieren.»
Demgegenüber formuliert Google eine Politik der Transparenz und der Objektivität: «Im Gegensatz zu anderen Suchmaschinen kann von Google keine höhere Listung oder eine kommerzielle Veränderung der Ergebnisse gekauft werden. Eine Google-Suche ist ein einfacher, ehrlicher und objektiver Weg, qualitativ hochwertige Websites zu finden.» Allerdings mussten allzu gewitzte Optimierer bereits erleben, dass ihre Manipulationen mit gezieltem Ausschluss seitens Googles bestraft wurden.
In all diesen Debatten, die nicht erst mit den nicht auffindbaren Massenvernichtungswaffen begonnen haben, steckt natürlich das Bewusstsein, dass Google sich zu einer medialen Macht entwickelt hat, die erstens nicht zu unterschätzen, zweitens kaum zu kontrollieren und drittens von gut informierten Optimierern missbraucht werden kann. Derzeit wacht Sergey Brin, einer der Gründer des Unternehmens über die moralische Integrität Googles, das derzeit monatlich 28 Millionen Nutzer, das sind 69 Prozent aller Suchmaschinennutzer, ansteuern. «Man kann Geld verdienen, ohne Böses zu tun», lautet eine der selbst auferlegten Maximen, die man auf Googles Website nachlesen kann.
Google kommt aber auch demokratischen Regierungen entgegen, diesmal mit Hilfe der eigenen Server. Da es etwa in Deutschland verboten ist, verfassungsfeindliche Symbole zu zeigen oder Material zu veröffentlichen, das als Volksverhetzung gilt, hat man bei Google offenbar im letzten Jahr damit begonnen, bestimmte Seiten für User aus Deutschland zu blockieren, wie amerikanische Forscher herausgefunden haben. Ähnliche Maßnahmen wurden für User aus Frankreich und der Schweiz ergriffen. Nicht nur solche Selbstzensur hat Google negative Schlagzeilen eingebracht.
Darüber hinaus kritisiert Google Watch die fragwürdige Politik des Unternehmens, wenn es um den Datenschutz geht: Google war die erste Suchmaschine, die einen mehr oder weniger «unsterblichen» Cookie auf den Festplatten seiner User implantierte: Google-Cookies schalten sich erst im Jahr 2038 ab. Bei jeder Suche speichert Google die Identität des Cookie, die IP-Adresse, Datum und Uhrzeit, die Suchbegriffe und die Browser-Konfiguration. Google hat allem Anschein nach jederzeit schnellen Zugriff auf diese gespeicherten Daten, hat sich diesbezüglich zu keinerlei Datenschutzpolitik bekannt und weigert sich außerdem darüber Auskunft zu geben, wofür diese Daten benutzt werden. Google sei daher eine «Datenschutz-Zeitbombe» angesichts der neuen Vollmachten für staatliche Datensammler nach dem 11. September.
Auch in Bezug auf optimisierende Webmaster hat Google keinerlei Richtlinien formuliert. Einerseits werden Webmaster gezwungen, sich auf das PageRank-Spiel einzulassen, andererseits können sie jederzeit für «Missbrauch» bestraft werden, der von Google willkürlich festgestellt wird. Google müsse also auf das intensive Datensammeln verzichten und außerdem den Einfluß der PageRank-Algorithmen minimieren, glaubt man bei Google Watch.
Die Stiftung ist damit aber immerhin schon einen Schritt weiter als Pulitzer-Preisträger und «New York Times»-Kolumnist Thomas Friedman. Der überschrieb einen naiven und alles andere als Google-kritischen Kommentar mit der Frage: «Ist Google Gott?»
In zweierlei Hinsicht ist diese Vorstellung gar nicht einmal so absurd, sowohl in Bezug auf die Frage des Gemeinnutzes und der Verplichtungen, die sich aus staatlichen Forschungsgeldern ergeben, als auch in Hinblick auf den staatlichen Zugriff auf sensible Daten. Zum einen hätte Google womöglich nie existiert, hätten staatliche Einrichtungen in den USA, unter anderem die National Science Foundation, Darpa und Nasa das Forschungsprojekt der späteren Firmengründer nicht gefördert. Zum anderen gibt es bereits heute Verbindungen von Google zur Bush-Regierung, ihr Weg führt unter anderem über die Risikokapitalfirmen Kleiner Perkins und Sequoia Capital zur «Technical Advisory Group» George Bushs und zum Verteidigungsministerium.

