Alltag im Nahen Osten:
Rückzug von den Ungläubigen
Samir Khalil Samir: Er erlebt ein Comeback seiner traditionellen, verschlossenen Variante. In seiner Glanzzeit, im 9. und 10. Jahrhundert der sogenannten «Renaissance des Islam» herrschte das Primat der Vernunft. «Was ist logisch?» Diese Frage brachte eine ungeheure Offenheit in die Diskussion zwischen den Muslimen und dem Westen. Seit geraumer Zeit und besonders in unseren Tagen bedient man sich aber wieder der Religion als Fundament für Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Das Credo lautet nun: «Islam ist die Lösung!» An diesem Punkt wird es irrational und fundamentalistisch.
Netzeitung: Wie kann der Islam als universelle Lösung fungieren? Mit welchen Argumenten überzeugen die Islamisten andere von der Stärke dieses Konzepts?
Netzeitung: Diese Strategie funktioniert offenbar, obwohl die Organisation der Muslim-Brüder überall in der arabischen Welt verboten ist.
Samir: Je strenger man sie verfolgt, desto stärker werden sie. Nicht dank ihrer Argumente, sondern dank ihrer Verfolger: Den arabischen Führern und dem Westen. Denn jede Seite unterdrückt die Araber, anstatt nach den an sich wertvollen Prinzipien des Korans zu handeln. Sayyed Qutb Ibrahim Husain Shadhili, einstiger Anführer der Muslim-Brüder, verfasste Mitte der Fünfzigerjahre einen sechsbändigen Koran-Kommentar mit dem Titel «Im Schatten des Islam». Er schrieb ihn, nachdem er anderthalb Jahre in den USA studiert hatte. Es war die traumatische Erfahrung seines Lebens. Für ihn waren die USA seither der Teufel. Er konnte nicht fassen, dass die stärkste Nation der Welt darauf aus ist, andere politisch und wirtschaftlich zu unterdrücken.
So entstand seine Theorie der «Neo-Jahiliia». «Jahiliia» ist die Bezeichnung für jene vorislamische Zeit, in der die Araber Heiden waren und sich dem Islam verweigerten. Laut Sayyed Qutb leben wir also in einer neuheidnischen Zeit, die nicht den guten islamischen Weg befolgen will.
Netzeitung: Und da sich die Muslim-Brüder an dieser Vergangenheit orientieren, müssen sie gegen die Heiden so vorgehen, wie einst Mohammed vorging mit Waffengewalt?
Samir: Ja. Mit «Takfir wa al-Hijra» «Sie zu Heiden erklären und sich zurückziehen». Was heißt das? Selbst Araber verstehen diesen Begriff oft nicht: Als Mohammed mit den Heiden Mekkas konfrontiert war, erklärte er sie zu Ungläubigen, zog sich von ihnen zurück und ging nach Medina. Dort sammelte er Kraft und kehrte bewaffnet nach Mekka zurück. Ehe er die Heiden angriff, fragte er sie dreimal, ob sie sich zum Islam bekennen wollten. Erst nach dreimaliger Verneinung griff er an. Damit gab er dem Islam strenge Kriegsregeln vor: Im ersten Schritt beginnt der Rückzug, der dem Gläubigen Zeit gibt, sich gegen den Ungläubigen zu wappnen, sprich: sich zu bewaffnen. Anschließend wird der Ungläubige dreimal aufgefordert, gläubig zu werden. Nach dreimaliger Ablehnung erfolgt der Angriff.
Eine Untergruppe der extremistischen «Jemaah al-Islamiyah» nennt sich tatsächlich «Takfir wa al-Hijra». Natürlich befolgt sie nicht diese Kriegsregeln. Aber es ist wichtig zu verstehen, was hinter diesem Rückzugs-Gedanken einst steckte und dass er derzeit flächendeckend auflebt.
Netzeitung: Ich habe zumindest in Damaskus noch nie so viele verschleierte Frauen gesehen. Syrien war diesbezüglich immer liberal, viel offener als etwa Ägypten. Aber seit einem Jahr scheint sich etwas verändert oder verstärkt zu haben: Viele Musliminen tragen nicht nur ein Kopftuch, sie verschwinden regelrecht unter langen, blickdichten Schleiern. Sie tragen sogar schwarze Handschuhe, damit kein Stückchen Haut sichtbar ist. Gehört dieses Verhalten zu dem Rückzug, den sie beschreiben?
Samir: Ja.
Netzeitung: Heißt das, dass in der Logik, die sie beschrieben haben, nun ein Angriff bevorsteht?
Samir: Nein, die Zeit eines geballten Angriffes auf sogenannte Ungläubige ist nicht gekommen. Momentan befinden wir uns in der Etappe des Rückzuges. Zunächst haben die Islamisten ihre eigenen Regierungen zu Ungläubigen erklärt. Von den Christen den arabischen Christen wissen sie, dass sie an Gott glauben. Also gelten sie als Gläubige, auch wenn ihr Glauben unvollständig ist. Wer aber von sich behauptet, Muslim zu sein und nicht nach der Scharia, dem islamischen Gesetz auf Basis des Korans, lebt, ist der Schlimmste von allen.
Dieser Sorte Muslim haben die Muslim-Brüder schon vor Jahrzehnten den Krieg erklärt. In Ägypten ermordeten sie den Ministerpräsidenten Mahmud Fahmi an-Nuqrashi und verübten das Attentat auf Nasser. In Syrien bäumten sie sich Anfang der Achtziger gegen den Diktator Assad auf, der sie 1982 in Hama ausrotten ließ. Aber sie formierten sich neu. Und schleppen seit Jahrzehnten ihre Theorien nach Algerien ein. Alle arabischen Regime, ausnahmslos alle, sind in ihren Augen «Munafikun» Heuchler.
Netzeitung: Die jüngsten Anschläge in Riad erfolgten zu einem Zeitpunkt, da die USA den Rückzug ihrer Truppen ankündigten. Als ob nun die Zeit gekommen sei, gegen das mit den USA kollaborierende Regime vorzugehen.
Samir: Das saudi-arabische Regime wäre das erste, das fallen würde, wenn die Extremisten das Ruder übernehmen. Diese Monarchie wurde unglaublich reich nach der Ölpreisexplosion 1973. Fortan verschwendete sie Milliarden von Öl-Dollars für ihre privaten, moralisch höchst fragwürdigen Vergnügungen. Zugleich wollte sie sich ein hehres muslimisches Gesicht verleihen, indem sie Millionen für religiöse Zwecke spendete. Allen voran für die «Da'ua», die Verbreitung des Islams in Koranschulen. Tatsächlich aber kam ihr Geld den wahabitischen Fundamentalisten zugute, prominentester Vertreter ist Osama bin Laden. Sie kontrollieren seit Jahrzehnten die Lehrpläne, trichtern der Jugend Ausländerfeindlichkeit und Fanatismus ein und suchen eine Rückkehr zum «ursprünglichen» Islam. Darin entspricht ihre Vision derjenigen der Muslim-Brüder aber diesmal mit sehr viel Geld im Hintergrund. Das saudi-arabische Regime, das im eigenen Interesse gegen allen Terrorismus ist, hat sich eine terroristische Riesenkrake herangezüchtet, die ihm selbst am feindlichsten gesonnen ist.
Netzeitung: Die Anschläge in Riad erfolgten in Ausländervierteln. Dass die Fundamentalisten in sämtlichen Ausländern eine Bedrohung ihrer Religion wittern, ist klar. Aber wie sehen sie die arabischen Christen? Als Handlanger Washingtons?
Samir: Im Libanon sicher nicht. Auch in Syrien und Ägypten ist bislang alles ruhig. Die Christen der arabischen Welt haben sehr deutlich gegen den Irak-Krieg Stellung bezogen. Auch die Haltung des Papstes hat ihnen den Rücken gestärkt, zumal er sich nicht nur gegen den Irak-Krieg, sondern gegen den Krieg an sich aussprach.
Netzeitung: Und wie sieht die islamische nicht die islamistische Welt die westlichen Christen? Sie haben einmal gesagt, die Bewunderung der Araber für den Westen habe sich gründlich gelegt?
Samir: Ja, weil sie im Westen keine Prinzipien erkennen können. Die USA beispielsweise wollen uns ja bekanntlich die Demokratie lehren. So, so, fragt sich da der Araber, und was ist mit Kyoto? Warum dürft nur ihr die Umwelt verschmutzen, ohne dafür zu zahlen? Und warum dürft nur ihr eine Atombombe haben und sonst keiner? Und warum dürft ihr euer Veto ständig einlegen, macht aber regelrechten Terror, wenn Frankreich sein Veto einmal einlegen will? Und warum darf Israel UNO-Resolutionen ohne Ende brechen, aber wehe Syrien hüstelt einmal laut?
Die Araber verstehen nicht viel von der westlichen Lebensweise, weil sie sie nicht kennen. Die meisten lernen sie «dank» Satellitenschüsseln über «Sex & Crime»-Filme kennen, die ihnen ein endgültig verzerrtes Bild vom Westen aufdrängen: Das Bild einer Gesellschaft ohne Ehre und Werte, das die Fundamentalisten noch weiter dämonisieren. Bestärkt dann noch das Gebaren des Westens, zum Beispiel das der US-Regierung, dieses dämonische Bild, kommt es zum «Takfir», zur Überzeugung, es mit einer ungläubigen westlichen Gesellschaft zu tun zu haben, von der man sich zurückziehen muss. Und dieser Rückzug hat leider schon längst begonnen.
1938 in Kairo geboren, studierte Samir Khalil Samir Philosophie und Theologie in Frankreich. Seine erste Dissertation schrieb er über Islamistik, seine zweite über christlich-arabische Theologie. 1986 kam er nach Beirut und verbrachte den Bürgerkrieg vorwiegend in Bunkern, was dem Autor von 30 Büchern und über 500 wissenschaftlichen Arbeiten die Zeit zum Schreiben gab. An der Beiruter Saint-Joseph-Universität begründete er das Centre de Documentation et de Recherches Arabes Chrétiennes, ein Forschungsinstitut für arabisch-christliche und arabisch-islamische Studien. Denn ohne das eine, glaubt der Jesuitenpater, kann man das andere nicht verstehen. Mit ihm sprach Mona Sarkis.

