JFK:
«Ish bin ein Bearleener»
26.06.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Als die Amerikaner ihre Stellungen in West-Berlin räumten, herrschte noch einmal eine West-Berlin-typische Mischung aus Bierseligkeit und ehrlicher Dankbarkeit, jene Volksfestsentimentalität also, die zum gemeinsamen Schunkeln bis zum Pupillenstillstand gestimmt macht. Die Schutz- und Besatzungsmacht war den West-Berlinern wie allen Westdeutschen zum Kumpel geworden. Diese Herzenswärme bildete den Kitt einer der engsten Partnerschaften im westlichen Lager, die mit der Rede John. F. Kennedys vor vierzig Jahren in Berlin begonnen hatte.
Amerika, das «Land der unbegrenzten Möglichkeiten», war schon seit der Gründung der USA ein mythischer Fluchtpunkt der Deutschen gewesen, Erfüllungsort eines Traums von Freiheit und Abenteuer als Gegenmodell zu europäischer Enge und Ordnung. Massenhaft brachen Deutsche der unteren Stände im vorletzten Jahrhundert aus dem gesellschaftlichen Gefüge ihres Landes aus, um ihr Glück im Westen zu suchen. Zu Zehntausenden landeten sie in New York an, nach Entfaltung, Selbstverwirklichung und Weite gierend, um endlich ihr Glück zu machen. Viele änderten gleich ihre für anglophone Zungen unaussprechlichen Namen, und schon die zweite Generation hatte sich mit solcher Hingabe im Melting Pot assimiliert, dass ihre deutsche Herkunft vielfach nur noch an Handwerkstraditionen erkennbar blieb, in «German Breweries» und «German Bakeries».
Die auch aus Unkenntnis gewonnene Sehnsucht nach Freiheit und Weite, wie sie bei Karl May exemplarisch Ausdruck fand, konkretisierte sich zwischen den Kriegen und in der Nachkriegszeit in der Assimilierung der Deutschen an die amerikanische Kultur in Deutschland selbst. Während die Emigranten der Dreißigerjahre sich nunmehr weigerten, das ihnen von den Landsleuten abgesprochene Deutschtum in Amerika aufzugeben, wurde Deutschland gemeinsam mit ganz Europa «hipper» und «cooler», als es die USA jemals waren.
Im Berlin der Zwanzigerjahre war der junge Jazz nicht, wie in seinem Ursprungsland, Rand- und Minderheitenprogramm von und für Schwarze gewesen. Amerikanisch und lässig - diese beiden Adjektive gingen eine Ehe ein, die auch das Dritte Reich überstand. Mancher Hitlerjunge legte nachts heimlich das Braunhemd ab und den weißen Schal an, das Erkennungszeichen der «Swing Boys». Die Gestapo verfolgte diese «Dekadenz», während die propagandistischen Musikfilme der UFA mit kaum germanisiertem Swing das Tanzbein animierten und Hitler selbst Privatsoiréen mit Disney-Filmen ausrichtete.
Natürlich war all dies ein kultureller Irrtum, wie umgekehrt der Mythos von «German Wertarbeit» und «German Punktlichkeit» auch. Die deutschen Jünger Amerikas wussten nichts vom ernsten, uncoolen Bible Belt, vom Elend vieler Farmer, von der geistigen Enge und Intoleranz der Provinz, von der Knochenmühle der übervölkerten Städte an der Ostküste, in der die wenigsten den sprichwörtlichen Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär schafften. Doch war es dieses gegenseitige Missverständnis, das das besondere Band zwischen der Besatzer- und Siegermacht und den Besiegten erlaubte und festigte.
Und natürlich der Kalte Krieg.
John F. Kennedy hatte die Verbindung allerdings kurz vor seiner historischen Rede vom Balkon des Schöneberger Rathauses erheblich gestört. Nachdem die USA den Mauerbau übergangen und sich lieber vor ihrer Haustür - in Kuba - mit der Sowjetunion auseinander gesetzt hatten, dämmerte es vielen Deutschen, dass die zur Zeit der Berlin-Blockade liebgewonnene «Schutzmacht» möglicherweise Ziele verfolge, die mit Deutschland allenfalls mittelbar zu tun hatten, und allein Amerikas Stellung in der Welt Washingtons Politik motiviere. Eine Politik, für die es diesseits und jenseits des Atlantiks nur ein hässliches, ein deutsches Wort gibt: Realpolitik.
Als Kennedy in Berlin auftrat, war der Mythos vom jugendlichen, hoffnungsvollen Präsidenten - im übrigen ein von dem chronisch kranken Mann hart erarbeitetes Image - angekratzt. Es hätte nicht viel gefehlt, so die Historiker, und er hätte eine diplomatisch-ausgewogene Rede gehalten, um das fragile Gleichgewicht des Schreckens nicht weiter zu destabilisieren, als mit der Kuba-Krise schon geschehen. Doch Kennedy sah die Mauer, er sprach mit Willy Brandt und Konrad Adenauer, er sah die Hoffnung und das Vertrauen in zehntausenden West-Berliner Gesichtern. Den historischen Satz «Ich bin ein Berliner» hatte er die ganze Zeit sagen wollen, er trug ihn zur Sicherheit in einer phonetischen Transskription, «Ish bin ein Bearleener», auf einem Zettel bei sich. Doch nun bettete er ihn ein in eine Rede, die den Freiheitsanspruch Deutschlands auch gegenüber der sowjetischen Besatzungsmacht klar legitimierte. Als er sein Flugzeug für die Abreise betrat, um nie wieder zurückzukehren, hinterließ er ein Volk, das sich nicht mehr als Spielball der Mächte verstehen musste, sondern das Gefühl gewonnen hatte, vollwertiger Partner der einen, freiheitlichen, hippen und coolen zu sein. Die Sehnsüchte waren erfüllt.
Kennedys früher, gewaltsamer Tod erlaubte es, ihn zur Ikone zu machen, und mit ihm ikonisierte sich auch dies Gefühl der Verbundenheit. Seine Hinterlassenschaft, das vermeintliche Versprechen vom besseren Westen, war der Hintergrund der gerade in Deutschland erbitterten Proteste gegen den Vietnam-Krieg, moralische Legitimation zugleich für die Liebe und den Hass gegenüber den USA. Die Präsidenten Ronald Reagan («Mr. Gorbatschow, tear down this wall»), und der Wiedervereiniger und Golfkrieger Bush sr. («New World Order») zogen beide Gefühle auf sich; Bill Clinton trog die wiederum sehr deutsche Hoffnung auf einen neuen, Kennedy-liken, «weichen» Pan-Amerikanismus, an dem die Welt genesen könnte.
Vierzig Jahre nach der Berliner Rede schließt sich mit George W. Bush, dem Anti-Kennedy, ein Kreis. Wie Kennedy verspricht Bush jr. eine Popikone zu werden, allerdings als das glatte Inverse seines heilig gesprochenen Vorgängers. Seit Kennedy haben die Deutschen viel über die USA gelernt, und Bush verkörpert all das an Amerika, dem die Deutschen übel nehmen, nicht wie Kennedy zu sein. Kennedys jugendliches, Hoffnung machendes Bild war ebenso reproduzierbar und löste dieselben Emotionen aus wie die amerikanischen Heckflossen an den deutschen Autos der frühen Sechzigerjahre. Bush ist der Präsident amerikanischer Größe ohne die amerikanische Großartigkeit jener Zeit. Deshalb schwingt in der Erinnerung der Deutschen an den 26. Juni vor vierzig Jahren beleidigte Liebe und Befremden mit.
Die Zukunft dieser so wunderbaren Freundschaft, ist die bittere Erkenntnis, liegt in der Realpolitik.

