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Hitler-Bilder: 

Hitler, das Monster als Mensch

26. Jun 2003 07:41
Noah Taylor als Hitler
In Großbritannien ist Menno Meyjes' Spielfilm «Max» angelaufen, der Hitler als Person nahe zu kommen versucht. Er zeigt ihn als scheiternden Künstler im Dialog mit einem jüdischen Galeristen.

Von Ulrich Gutmair

Max sei kein schlechter Film, hat Andrian Kreye geschrieben, und es gibt natürlich kein vernichtenderes Urteil als eben das: Nicht schlecht ist expressis verbis eben gerade nicht gut. Andererseits kann man über «Max» auch nichts Präziseres sagen, wenn man wohlwollend an das Projekt herangeht: Denn Regisseur Menno Meyjes hat immerhin versucht, die Figur des Adolf Hitler der Mythologisierung zu entreißen und das «Monster» als Menschen zu porträtieren. «Wenn wir Hitler nicht wieder in den Bereich des Menschlichen zurückholen, dann positionieren wir ihn außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft. Dann ist er lediglich das Monster, das aus einer Schwefelwolke geboren wird, fünfzehn schreckliche Jahre lang in Europa wütet, um schließlich in einer Benzinwolke wieder zu verschwinden», hat der Regisseur erklärt.

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  • Er versucht damit nichts anderes als die seriöse Geschichtswissenschaft, die Hitler, den Nationalsozialismus und dessen Vernichtungspolitik nicht moralisch zu verurteilen, sondern zu erklären sucht: Wie war das möglich, fragt der Historiker. Eine möglichst genaue Antwort wird er bekommen, wenn er die Persönlichkeit Hitlers vor dem Hintergrund der historischen Bedingungen untersucht, die seine Diktatur erst möglich machten.

    Modernisten gegen Reaktionäre

    «Max» widmet sich in diesem Sinn den Monaten nach dem Ersten Weltkrieg, die der Gefreite und Meldegänger Hitler, der sich selbst am liebsten als großen Künstler und Baumeister imaginiert, in München verbringt. Der Film verdankt seinen Titel der fiktiven Figur des jüdischen Galeristen Max Rothman, der wie Hitler in Ypern an der Front war. Er, der früher Maler war, hat seinen rechten Arm verloren und widmet sich nun der Vermittlung moderner Kunst, unter anderem der Bilder von George Grosz, der ebenfalls immer wieder am Rande als grobschlächtiger Kerl mit einer Metzgerschürze zu sehen ist.

    John Cusack als Max Rothman
    Es ist natürlich ein grober Anachronismus, wenn Rothmans Galerie in einer Fabrikhalle angesiedelt ist, wo die Bilder von der Decke hängen, so wie man das bestenfalls in den Achtzigern gemacht haben könnte. Deutlich wird schnell, dass Meyjes' Idee von Realismus nicht als Historienfilm oder Dokudrama seinen Ausdruck finden kann, sondern immer wieder auf Allegorisches zurückgreifen muss. Rothman steht dabei für die Verfechter der Moderne, die – allen voran die Dadaisten – den Ersten Weltkrieg als Skandal und Verbrechen empfanden, für den in erster Linie die konservativen Eliten des Deutschen Reichs verantwortlich zu machen waren. Sie unterstützten größtenteils die Revolution, die Bayern für kurze Zeit in eine sozialistische Räterepublik transformierte.

    Keine Revolution

    Rothman-Darsteller John Cusack versteht den Galeristen als perfektes Gegenstück zu Hitler, Rothman will laut Cusack «die imperialistische Welt dekonstruieren, die zum barbarischen Krieg geführt hat, Hitler will diese alte Welt rekonstruieren, um einen neuen Krieg zu führen.» Beide Figuren spiegeln so die Zerrissenheit Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg wider: Einerseits wurde das Bild geprägt von der nationalistischen und zunehmend antisemitischen Rechten, die Sozialisten, Kriegsgewinnler und Juden für den «Dolchstoß» und damit den verlorenen Krieg verantwortlich machten, andererseits strömten zunehmend verarmte Handwerker und andere Angehörige des unteren Mittelstands in die revolutionären Organisationen.

    Von Revolution und Räterepublik, die Hitler zutiefst erschüttert und geprägt haben, ist in «Max» aber nichts zu sehen außer einer roten Fahne und Hammer-und-Sichel-Graffitis auf Münchner Parkbänken. Überhaupt ist dieses «München» (gedreht wurde in Budapest) gespenstisch leer, eine Bühne für kurze Szenen im Nirgendwo. Stattdessen inszeniert Meyjes, der sich bis dato als Drehbuchschreiber, unter anderem für Spielberg, einen Namen gemacht hat, vor allem den Gegensatz zwischen der elenden Kaserne Hitlers und der großbürgerlichen Wohnung Rothmans.

    Vor der leeren Leinwand

    Rothman wurde durch den Krieg von Frau, Familie und Tradition entfremdet und tritt der überkommenen bürgerlichen Sitte und Moral mit einem müden Zynismus gegenüber, der seinen modernistisch-utopischen Romantizismus bestens ergänzt. Er erkennt in dem mageren, fahlgesichtigen und verschlossenen Frontkameraden Hitler ein Potenzial, das künstlerisch nutzbar zu machen wäre. Hitler solle sein Inneres nach Außen kehren und seine «authentische Stimme» hören lassen, fordert er ihn immer wieder auf.

    Moment des Scheiterns
    Obwohl Hitler im Film wie im Leben die Moderne verabscheut und die imperial-klassizistische Ästhetik des 19. Jahrhunderts verherrlicht, versucht er, diese Stimme zu finden – und scheitert vor der leeren Leinwand, auf der nur ein schwarzer Strich zu sehen ist. Stattdessen kritzelt er an Entwürfen von Standarten, die er wenig später tatsächlich entworfen hat, als es um die Corporate Identity seiner Partei ging. Auch hier wirkt es allzu plakativ, wenn der wenig kreative Hitler im Gestus moderner Creativer auf seinen Block kritzelt: «Art + Politics = Power».

    Propagandist der Reichswehr

    Die allegorische Figur der leeren Leinwand hingegen spricht natürlich Bände. Hitler hatte sich vor dem Krieg zweimal vergeblich um Aufnahme in die Kunstakademie in Wien beworben und das Leben eines Bohemien geführt. Der Mann, der sich selbst für ein wagnerianisches Genie hielt, war aber faul und sprunghaft. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, produzierte er vor dem Krieg in Wien und München lediglich biedere Aquarelle, von denen der spätere Reichskanzler Hitler sagte, sie seien von ziemlich gewöhnlicher Qualität gewesen.

    Wo Galerist Rothman in diesem Zusammenhang als Platzhalter für das revolutionär-modernistische Deutschland erscheint, tritt als sein Gegenspieler eine Figur auf, die es in Hitlers Leben wirklich gab. Am 11. Mai 1919 wurde das Bayerische Reichswehr Gruppenkommando Nr. 4 aus Einheiten gebildet, die an der Zerschlagung der Räterepublik mitgewirkt hatten. In ihm wirkte die Nachrichtenabteilung Ib/P, deren Aufgabe darin bestand, die Truppe auf einen antibolschewistischen und nationalistischen Kurs zu bringen. In Kursen bildete Hauptmann Karl Mayr Soldaten aus, die Progandaarbeit leisten sollten. Mayr entdeckte Hitlers Talent, sorgte für seine Ausbildung und führte ihn als V-Mann, der schon bald Soldaten agitieren durfte. Ohne die freundliche Förderung der Reichswehr wäre Hitlers demagogisches Talent womöglich nie zum Vorschein gekommen.

    Wie die Kanalisation

    Mayr, der sich später zu einem Gegner Hitlers wandelte, erklärte, dieser habe damals einem «müden streunenden Hund» geglichen, «der nach einem Herrn suchte.» Auch als Hitler bereits als Propagandaredner für die rechtsradikale und antisemitische Deutsche Arbeiter Partei tätig war, unterstützte ihn die konterrevolutionär gesinnte Reichswehr noch, nämlich bis zum März 1920. Mayr ist auch in «Max» der Mann, der Hitlers propagandistisches Talent erkennt und fördert. Der an der Kunst scheiternde Hitler folgt schließlich diesem Ruf, um gegen «Novemberverbrecher» und Juden zu hetzen. Schon 1919 war Hitler davon überzeugt, der wahre Antisemitismus sei keine emotionale, sondern eine wissenschaftliche Angelegenheit. Dessen letztes Ziel müsse «unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein.» Meyjes lässt seinen Hitler in diesem Sinn vor sich hin murmeln, die Judenfrage sei so wichtig, dass sich die Regierung ihrer annehmen müsse – «so, wie der Kanalisation».

    Noah Taylor zeigt diesen Hitler als verbitterten, in seinen Vorurteilen gefestigten wie dennoch unsicheren Mann. Taylor presst die Worte so aus sich heraus, dass der spätere Duktus des Führers zu erahnen ist, ohne ihn vorwegzunehmen. Taylor gibt sein Bestes, zeigt den inneren Überdruck eines Gescheiterten und libidinös Gehemmten und überzeugt so an manchen Stellen durchaus. Doch seine Performance hat dagegen anzukämpfen, dass sie unwillkürlich an den überlieferten Filmdokumenten gemessen wird.

    Hitler ohne Bart

    Was dem Australier Taylor notwendigerweise abgehen muss, und auch die Dialoge weitgehend nicht herzustellen vermögen, ist das Verständnis einer Mentalität und einer Denkweise. Warum dieser Hitler so denkt, wie er es tut, und in welchem größeren Kontext seine wenig originellen Gedanken angesiedelt sind, bleibt in diesem Film weitgehend ein Rätsel.

    So driftet Taylors Spiel konsequenterweise immer wieder in eine Überzeichnung ab, die an Chaplins «Großen Diktator» erinnert. Der wäre wiederum nie entstanden, hätte Chaplin um das wahre Ausmaß der Vernichtungspolitik der Nazis gewusst, wie er einmal erklärt hat. In die Filmgeschichte eingehen wird womöglich aber Meyjes' Entscheidung, seinen Hitler ohne Bart auftreten zu lassen. Diese produktive Verfremdung macht seinem Faible fürs Moderne alle Ehre.

     
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