Nahost: 

netzeitung.deAnnäherung in Auschwitz

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Rabbiner Avi Giesser (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Rabbiner Avi Giesser
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Parallel zu den jüngsten Nahost-Gesprächen lud die arabisch-isralische Initiative «Erinnerung für den Frieden» zu einer gemeinsamen Gruppenreise nach Auschwitz. Unter den Reisenden war der in einer Siedlung lebende Rabbiner Avi Giesser.

Von Igal Avidan

Der Zgodyplatz in Krakau dient als Busbahnhof. Gerade vom Flughafen angekommen verzehren müde Israelis aller Religionen, Juden und Araber, auf der verstaubten kleinen Wiese direkt nebenan ihre Lunch-Pakete. Sie sitzen zwar nebeneinander, unterhalten sich aber erst einmal nur mit Angehörigen ihres eigenen Volkes. Erst nach dem Essen werden sie erfahren, dass auf diesem Platz an einem einzigen Tag des Jahres 1943 1.000 Juden ermordet und die übrigen 6.000 deportiert wurden. Das bedeutete das Ende jüdischen Lebens in Krakau.

Avi Giesser, Rabbiner der Westbank-Siedlung Ofra, folgte der Einladung der arabisch-isralischen Initiative «Erinnerung für den Frieden» zu einer Gruppenreise nach Auschwitz erst, nachdem er sich sicher war, dass diese Reise nicht politisch dazu benutzt werden würde, um Aussagen über die israelische Politik gegenüber den Palästinensern zu machen.

«Ich sehe es als meine Pflicht an, den arabischen Freunden Respekt zu zollen, die eine ungewöhnliche und sehr mutige Initiative ergriffen haben. Sie wollen sich dem Schmerz der Juden über den Holocaust öffnen. Dieser Ausdruck der gegenseitigen Empathie kann Menschen verändern, und Empathie ist ein sehr gefragte Ware in dieser Zeit. Ich erwarte, dass jeder Teilnehmer neue Erfahrungen sammelt, die sein Leben verändern wird.»

Haben Sie eine persönliche Verbindung zum Holocaust?

«Nein, aber als Rabbiner und Lehrer setzte ich mich damit oft auseinander. Ich bin mehrmals mit Schulklassen nach Polen gefahren und gerade deswegen war es für mich wichtig, diese Reise mit Menschen zu teilen, die ganz andere Ansichten haben.»

Gab es Menschen in Ihrer Umgebung, denen es lieber gewesen wäre, sie würden an dieser Reise nicht teilnehmen?

«Nein. Aber ich bin sicher, dass einige meiner Freunde sich fragen, ob sie überhaupt Sinn hat oder auf irgend eine Weise nützlich sein kann. Ich finde es sehr wichtig, an einer solchen menschlichen Initiative teilzunehmen.»

Frieden für alle
Szenenwechsel: Das größte Todeslager Europas, Auschwitz-Birkenau. In einem kleinen Birkenwäldchen unweit des Krematoriums Nr. 5 spricht Giesser mit gebrochener Stimme und Tränen in den Augen das jüdische Totengebet Kaddisch. «Möge Sein großer Name», trägt er gerade vor, als seine tiefe Stimme stockt. Für einen langen Moment überwindet er seine Tränen, bevor er das Gebet fortsetzt: «Gesegnet sei Er für alle Ewigkeiten.» Im letzten Absatz erweitert er die traditionelle Bitte an Gott, dem Volk Israel den himmlischen Frieden zu schenken, auf alle Menschen der Welt. «Amen», antwortet die ungewöhnliche Betergemeinde.

Denn hier, unter diesen Birken, beten Moslems, Juden und Christen gemeinsam. Anschließend blicken sie einige Minuten still auf den kleinen Teich, in den vor 60 Jahren die Asche vergaster Juden geschüttet wurde. Die Männer beißen ihre Lippen zusammen, die Frauen trocknen ihre Tränen, die Vögel zwitschern. Dann legt ein Beduine seine Hand auf die Schulter des jüdischen Siedlers Giesser, eine Palästinenserin streichelt zärtlich den Rücken einer Jüdin, die in ihr Taschentuch weint.

Die Religion und ihr Fehlen
Einige Minuten später erklärt Rabbiner Giesser seine spontane Geste folgendermaßen: «Die letzten Sätze des Kaddisch, die die Hoffnung des Betenden ausdrücken, der Himmel möge den Frieden auf die Erde bringen, dieser sehr jüdisch geformte Wunsch in Bezug auf die jüdischen Mitbeter und auf das Volk Israel ist sehr wichtig für uns. Aber da ich mich an einem solchen Ort zusammen mit Menschen aus anderen Völkern und Religionen befand, die an dem Schmerz, der Trauer und dem Trost teilhaben wollten, fand ich es richtig, die Hoffnung auf Frieden auf alle Menschen der Welt zu erweitern, was nach jüdischem Glauben auch erlaubt ist. Das kam natürlich aus der Tiefe meines Herzens und bedarf keiner weiteren Diskussion.»

Im Westen glauben viele, dass erst die Religion den israelisch-palästinensischen Konflikt entflammt. Sie sind anderer Meinung.

«Ich widersetze mich der These, wonach die Religionen die Quelle des Krieges seien. Sie wurden vielmehr durch herzlose Menschen ausgenutzt, um zu morden, zu zerstören und Hass zu verbreiten. Gerade das 20. Jahrhundert hat einen mörderischen Atheismus gesehen. Das begann mit den kommunistischen Revolutionen und setzte sich mit dem mörderischen Stalinismus und Nationalsozialismus fort. Gerade diese Katastrophen waren die Folge eines Bruchs mit Gott. Die Menschen entschieden plötzlich selber, als seien sie Gott, was gut und was schlecht ist auf dieser Welt, und sie begingen Mordtaten. Die Religionen erlauben das Morden niemals, nur in bestimmten Situationen die Selbstverteidigung. Niemals waren sie der Ursprung systematischer Ermordung, denn sie halten jeden Mensch für heilig, da er als Abbild Gottes geboren wurde. Diese absolute Wahrheit gilt aber den Ungläubigen nichts: Jeder entscheidet nach Gutdünken und je nach Weltanschauung, was gut und was böse ist.»

Erwarten Sie von den jüdischen Israelis Verständnis für das Leiden der Palästinenser?

«Ein großes Verständnis für das palästinensische Leiden. Andererseits entsteht eine neue Denkschule unter Kriminologen, die fast jeden Täter als Opfer sieht. Wohin führt das? Alle müssen der Tatsache zustimmen, dass der Holocaust historisch einzigartig und unvergleichbar ist. Andererseits muss auch jeder das palästinensische Leiden verstehen. Aber die Verantwortung, diesem Leiden ein Ende zu setzten, liegt bei denjenigen, die es verursachen.»

Mehr Verständnis
Die Reise nach Auschwitz ist zu Ende. Auf dem Marktplatz in Krakow versucht Rabbiner Giesser, seine Eindrücke zusammenzufassen und erlaubt sich auch einige politische Aussagen. Gerade erzählte eine arabische Mitreisende, wie verletzend sie die Aufteilung der gemeinsamen Reisegruppe in Juden und Araber bei den Sicherheitskontrollen auf dem Flughafen in Israel empfunden hat. Rabbiner Giesser kann ihren Schmerz verstehen: «Ich kann mich damit identifizieren, da mich als Israeli die totale Isolierung auf ausländischen Flughäfen auch verletzt hat, obwohl man mich wahrscheinlich nicht so gründlich untersucht hat. Das ist menschlich.»

Warum sind kaum Siedler mit auf dieser Reise?

«Unsere Leute – die Rechten, die Religiösen, die Siedler – werden in der Regel nicht eingeladen, an solchen Projekten teilzunehmen. Wenn mehr solche Einladungen kämen, würde man überrascht sein, wie viele solchen Einladung folgen würden. Dazu kommt eine Zurückhaltung vor jüdisch-arabischen Begegnungen, weil man misstrauisch ist, dass sie dazu dienen könnten, anhand der Lehren aus dem Holocaust eine Art Anklageschrift gegen sie vorzubereiten.»

Ist dieses Misstrauen eine späte Folge des Holocausts?

«Nein, sie ist nur das Ergebnis des 100-jährigen israelisch-arabischen Konfliktes.»

Was nehmen Sie von der Reise mit?

«Ich habe jetzt eine bessere Meinung über die arabischen Teilnehmer und ich bin noch mehr davon überzeugt, dass wir miteinander als Menschen reden und jede Form von Gewalt einstellen sollen. Dennoch bin ich kaum optimistisch, weil an der Reise keine Politiker teilgenommen haben, die als einzige der palästinensischen Gewalt ein Ende bereiten könnten. Ich wünsche mir außerdem mehr Empfindlichkeit bei unseren Soldaten. Aber auch sie können den Graben zwischen den Völkern, die der Terror auslöst, nicht allein dadurch überwinden, dass sie die Sicherheitskontrollen mit einem Lächeln durchführen.»

Ich erzähle Giesser eine Geschichte, die mir ein wohlhabender arabischer Geschäftsmann in Auschwitz berichtet hat. Der Mann suchte vier Monate lang eine Wohnung in einem guten Stadtteil Jerusalems für seine frisch verheiratete Tochter, vergeblich. Nicht einmal seine zahlreichen jüdischen Freunde konnten ihm dabei helfen. Kann die Gründung eines Palästinenserstaates das tiefe Misstrauen zwischen Juden und Arabern beseitigen?

«Wäre der Vermieter aus dem jüdischen Stadtteil Jerusalems ein Teilnehmer dieser Gruppe gewesen und der arabische Mieter ebenso, dann bin ich sicher, dass die Vermietung schon morgen früh stattfinden würde. Wir haben auf dieser Reise zumindest diesen bescheidenen Erfolg erzielt. Aber ein anderer Jude sieht einen anderen Araber womöglich nicht als Einzelnen, sondern als Angehörigen einer Gruppe, die den Terror zumindest gleichgültig hinnimmt. Dann wird er seine Wohnung nicht vermieten.»