Generalplan Ost:
Mit Karl May zum Generalplan Ost
20. Mai 2003 07:57, ergänzt 08:03
 | Hitler, porträtiert vom Hof-Fotografen Heinrich Hoffmann | Foto: calvin.edu |
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Ein Siegener Literaturwissenschaftler glaubt, das Vorbild für Hitlers Russland-Pläne gefunden zu haben: Im Amerika der Reiseromane Karl Mays.
Von Sebastian SusteckUnterwürfig begrüßte der Gast die Hausfrau. Dann legte er ab. An den Garderobenhaken wanderten Trenchcoat, Hut und Reitpeitsche. Es folgte ein Gürtel mit Revolver. «Das sah kurios aus und erinnerte an Karl May», resümiert Karl Alexander von Müller einen Auftritt des jungen Adolf Hitler auf einer Abendgesellschaft. Der künftige Diktator wähnte sich offenbar in einem «Saloon» Mayscher Phantasie.
Dass der Autor von «Winnetou» und «Old Surehand» den Massenmörder Hitler stark beeindruckt hat, ist nichts Neues. Hitler selbst, seine Getreuen und seine Gegner haben es immer wieder betont: Der Journalist und Schriftsteller Oskar Achenbach entdeckte 1933 voll Freude May-Schriften bei Hitler auf dem Obersalzberg. Sie stehen neben Büchern zur Zucht des deutschen Schäferhundes. «F. [='Führer'] sagt, man muss Karl May lesen, um sich in ihn hineinzufinden», hielt die Sekretärin eines Hitler-Gehilfen Jahre später die sorgfältig inszenierte Botschaft für die Nachwelt fest. Unter entgegen gesetzten Vorzeichen beschwor der Flüchtling Klaus Mann den «bösen Einfluss» Karl Mays auf Deutschland.
Karl Mays Amerika als Hitlers Russland
Wie weit die Beeinflussung Hitlers durch May reicht, bleibt jedoch umstritten. Der Siegener Literaturwissenschaftler Marcus Hahn vermutet nun, dass Hitlers Pläne für den Russland-Feldzug und die anschließende «Neuordnung» des Landes Bilder spiegeln, die Karl Mays Romane von Amerika zeichnen. Hitlers Monologe aus dem Führerhauptquartier zwischen 1941 und 1944, so Hahn in der aktuellen Ausgabe der «Deutschen Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte», zeigen auch Reaktionen auf Karl Mays Amerika-Bild.
 | Hitler mit Peitsche | Foto: calvin.edu |
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Dies überzeugend zu belegen, fällt Hahn allerdings nicht leicht, und so nimmt er noch zwei weitere Quellen des Einflusses hinzu: Zeitgenössische deutsche Amerika-Klischees und das deutsche Nachdenken über eine moderne Gesellschaft, die man in Amerika verwirklicht sah: In der ersten Jahrhunderthälfte erschien Amerika den Deutschen einerseits als ein «entseeltes» Land ohne Tradition, in dem soziale Anonymität drohte. Andererseits aber wirkte es in ökonomischer und industrieller Hinsicht als das Europa von morgen. «Wir sind noch lange nicht dort, wo die Amerikaner sind!», sagte Hitler selbst über die amerikanische Produktion. Auch Amerikas weite, gerade besiedelte Landstriche schienen verlockend und nach Taten zu verlangen.
Die Experten des Indianerkriegs
Die Resultate von Hahns Untersuchung zeigen, wie die Vorstellung dieses «Amerika» durch das Denken Hitlers und seiner Helfer geisterte, wo es um Russland ging. Hitler und seine Experten sahen im «Generalplan Ost» nicht nur ungerührt die Ermordung von 30 bis 50 Millionen Menschen und eine Neubesiedlung ganzer Landstriche vor. Sie fanden auch in der weißen Besiedlung und der beeindruckenden Industrialisierung Amerikas den rasch zusammengeschusterten Beweis, dass «es» gehe.
 | Karl May: Deutsche beseelen den Wilden Westen | Foto: Karl-May-Stiftung.de |
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Im Umkreis Alfred Rosenbergs, der als Minister für die besetzten Ostgebiete zuständig war, wurde notiert, in Russland werde sich «ein ähnlicher Vorgang wiederholen wie bei der Eroberung Amerikas», während Zweifel an der Möglichkeit einer Besiedlung mit Verweis auf die Entwicklung in den «USA, Kanada und Australien» beiseite gewischt wurden. Hitler selbst monologisierte währenddessen in unverhüllter Mordlust, der Kampf gegen Partisanen werde im Osten ein «Indianerkrieg» wie «in Nordamerika.» Für den Diktator hieß das, man werde möglichst viele Menschen «aufknüpfen!»
Endlose Weiten
Folgt man Hahn, so scheinen vor allem zwei Vorstellungen aus Karl Mays Amerika-Schriften seinen begeisterten Leser Hitler ein Leben lang begleitet zu haben. Zum Einen fand sich dort die Idee unendlicher landschaftlicher Weiten, die May grandios zu gestalten wusste. Schon bei May wirken diese Weiten gleichzeitig verlockend und bedrohlich, und dasselbe galt offenbar für Hitler.
 | So sah es die Propaganda: Hitler spricht, die SA lauscht | Foto: calvin.edu |
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Nicht nur beschäftigten ihn mörderische Expansionspläne. Es sei ihm auch «zur Manie» geworden, hielt sein Baumeister Albert Speer fest, dass «der in den Weiten Russlands verlorene deutsche Bauer» – wie Mays Westmann in der Savanne – «überall im Osten Anlaufstellen finden» müsse. Hitler wollte deshalb deutsche Bauten und ganze Kleinstädte mit verwinkelten Straßen und Gasthöfen kopieren und sie im eroberten Russland errichten.
Ordnung schaffen in Amerika
Die fixe Idee, dass die Weiten des Ostens deutsche Gemütlichkeit, ja überhaupt Deutsche bräuchten, findet gleichfalls eine Schablone in Mays Amerika-Romanen. Hier nämlich sind die guten und noblen Helden Deutsche, in seltenen Ausnahmefällen aber auch Menschen, die sich «deutsch» verhalten. Mays Prairie ist von eingewanderten Deutschen bevölkert, die sich unablässig begegnen und dank herausragender Leistungen und technischer Überlegenheit in Amerika Ordnung schaffen. So verdankt der Ausnahme-Apache Winnetou, der über alle deutschen Tugenden verfügt, seine edle Gesinnung dem deutschen Immigranten Klekih-Petra. Im Gespräch mit Mays berühmtestem Helden, Karl-«Old Shatterhand», erläutert dieser: «Wir Deutschen sind eigentümliche Menschen. Unsere Herzen erkennen einander als verwandt, noch ehe wir uns sagen, dass wir Angehörige eines Volkes sind.»
«Zwei Drittel aller amerikanischen Ingenieure sind Deutsche», zitiert Hahn die hasserfüllten Monologe Hitlers. Die technische Überlegenheit Amerikas wird so deutschem Tatendrang zugeschrieben, während das Land als solches dem Diktator eigentlich als eine «verjudete und vernegerte Gesellschaft» galt: «Soweit Amerika anständige Menschen hat: die meisten davon sind aus Deutschland gekommen!» In Russland sollte sich nun diese Erfolgsgeschichte wiederholen, allerdings unter Kontrolle der Reichsregierung.
Selektion der Lektüre
Ob die Übereinstimmung solcher Hitler-Zitate mit Aspekten der Romane Mays ausreicht, eine direkte Linie von Mays Amerika-Bild zu Hitlers Russland-Bild zu ziehen, wird sich indes wohl kaum abschließend klären lassen. Denkbar scheint auch, dass sich May und Hitler schlicht aus demselben Fundus deutscher Amerika-Vorstellungen bedient haben. Hahns Analyse behält somit etwas Spekulatives. Signifikant sind die vorgeführten Übereinstimmungen jedoch allemal.Dass Karl May für die Verbrechen Hitlers «verantwortlich» sei, behauptet Hahn im Übrigen nicht. Stattdessen zeigt er, dass Hitler May nur in Auszügen wahrgenommen und weite Teile seiner Bücher schlicht ignoriert hat. In «Mein Kampf» hat Hitler diese Vorgehensweise selbst zur Methode erhoben. Man müsse beim Lesen, so Hitler, das «Wertvolle vom Wertlosen» trennen. Entsprechend, erklärt Hahn, konnte Hitler sich an den Tiraden und «sozialdarwinistischen» Theoremen eines von May negativ dargestellten Indianermörders «bilden». Mays christliche Helden ignorierte er hingegen. Auch in der Lektüre zeigte der Diktator eine Strategie der Selektion – der Trennung zwischen Bewahrenswertem und zu Vernichtendem, die er auf entsetzliche Weise jenseits der Bücher in die Tat umgesetzt hat.