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Shock & Awe: 

Angriff auf die Einbildungskraft

08. Apr 2003 07:51
Carl von Clausewitz
«Shock & Awe» hieß zu Kriegsbeginn die Strategie der Alliierten. Hinter diesem Motto verbirgt sich ein Konzept des Strategen Harlan Ullman, der sich auf Clausewitz und Hitlers Blitzkrieg beruft.

Von Ronald Düker

So optimistisch amerikanische und britische Militärs den Kriegsverlauf auch beurteilen mögen, allein die Tatsache, dass in Bagdad und Basra Häuserkämpfe mit Panzern und Maschinengewehren geführt werden, belegt, dass dieser Krieg nicht so verläuft wie angekündigt. Unübersichtliche Bodenkämpfe riefen insbesondere für die Amerikaner traumatische Erinnerungen auf, etwa an das Jahr 1993 und die Gefechte um das Hotel Olympic in Mogadischu, die 18 amerikanische Soldaten das Leben kosteten.

Der kapitale Schlag

Sie erinnerten auch daran, wie anfällig eine moderne Armee ist, sobald sie das Operationsfeld ferngesteuerter Bombardements gegen die Unübersichtlichkeit eines Straßenkampfes zu ebener Erde eintauschen muss. Black-Hawk-Helikopter sind wie in Somalia auch jüngst in Irak abgeschossen wurden.

Geplant waren eigentlich massive Bombardements zu Kriegsbeginn, ein schneller Vorstoß auf Bagdad, der große Städte wie Basra aussparen und in der Wüste auf keinen nennenswerten Widerstand stoßen würde – oder noch besser: Gleich am ersten Kriegstag der buchstäblich kapitale Schlag, die Tötung Saddam Husseins durch einen präzisen Luftangriff und die plötzliche Lahmlegung des ganzen Regimes durch seine «Enthauptung». «Shock & Awe» (zu deutsch: Schock und Ehrfurcht) war der Anfangs ebenso vielzitierte wie schlecht erläuterte und dann plötzlich aus den Medien entschwundene Begriff für dieses Projekt.

Der feindliche Körper

Er entstammt der Feder des Finanz- und Sicherheitsexperten Harlan K. Ullman, der am Sicherheitsprogramm des Washingtoner Thinktanks «Center of Strategic & International Studies» mitarbeitet. Dieser hatte sein Konzept für die Strategie eines Angriffskrieges bereits im Anschluss an den ersten Golfkrieg entwickelt und 1996 auch in Buchform veröffentlicht. Es geht Ullman darin um viel mehr als ein pragmatisches Strategiepapier: der Autor legt eine weitreichende und historisch fundierte Theorie des Krieges als Grundlage imperialer Machtausübung vor und zwar mit atemberaubenden Voraussetzungen und Konsequenzen.

Harlan Ullman
Durchgängig hält sich Ullman an die Vorstellung eines anthropomorphen feindlichen Kollektivkörpers, wie sie durch Begriffe wie den des chirurgischen Eingriffs, der Enthauptung und des Schocks gespiegelt wird. Seine zentralen Begriffe entlehnt Ullman explizit von einem preußischen General und einem antiken chinesischen Philosophen: von Clausewitz den Schock und von Sun Tzu die Ehrfurcht.

Marsch der Konkubinen

Sun Tzu habe, so Ullman, bereits das Beispiel dafür geliefert, wie eine Armee dem eigenen Willen unterworfen werden könne: Der König Ho Lu trug dem Philosophen zur Prüfung seiner militärischer Qualifikation auf, ausgerechnet die undisziplinierten Konkubinen in Reih und Glied marschieren zu lassen. Als diese auf die entsprechende Anweisung bloß mit Gelächter reagierten, ordnete der Philosoph kurzerhand die Enthauptung zweier Frauen an. Fürderhin soll alle Leichtfertigkeit aus dem Verhalten der Konkubinen zugunsten vorbildlichen Marschverhaltens entschwunden sein.

Sun Tzu
In Bezug auf Saddam Hussein ist diese Enthauptungsstrategie bekanntlich gleich am ersten Kriegstag fehlgeschlagen. Von einer schnellen Tötung hatte man sich eine paralytische Reaktion des feindlichen Kollektivs erwartet, einen lähmenden Schock, den Ullman von Clausewitz' 1832 posthum erschienener Schrift «Vom Kriege» herleitet. Darin benennt der preußische General und Kriegstheoretiker explizit die «Einbildungskraft» des Gegners als strategisches Ziel. In dieser müsse das «Gefühl, besiegt zu sein» aufkommen.

Der Schrecken des Schützengrabens

Dann könne der Gegner mit einem Mal vernichtend getroffen werden, indem sich die Wirkung von einem punktuellen Schlag ausgehend plötzlich über das große Ganze ausbreite: «Und nun die Wirkung außer dem Heer bei Volk und Regierung; es ist das plötzliche Zusammenbrechen der gespanntesten Hoffnungen, das Niederwerfen des ganzen Selbstgefühls. An die Stelle dieser vernichtenden Kräfte strömt in das entstandene Vakuum die Furcht mit ihrer verderblichen Expansivkraft und vollendet die Lähmung. Es ist ein wahrer Nervenschlag, den einer der beiden Athleten durch den elektrischen Funken der Hauptschlacht bekommt.» Wenn der «panische Schrecken» erst einmal ausgelöst sei, produziere er «das beständige Anerkenntnis, dem Gesetz des Gegners gehorchen zu müssen und zu keinem Widerstande fähig zu sein, und dieses Bewusstsein kann nicht anders als die moralische Kraft des Heeres in einem hohen Grade schwächen.»

Shell-Shock-Opfer im Ersten Weltkrieg
Was Clausewitz hier bereits mit erstaunlicher psychologischer Präzision entwickelt, scheint ein dem Vietnamkriegsveteranen Ullman wohlbekanntes Phänomen des 20. Jahrhunderts zumindest in abgeschwächter Form vorwegzunehmen. Ein durch «Nervenschlag» ausgelöster Schockzustand und anschließende Gefechtsunfähigkeit prägte vom Ersten Weltkrieg an auch das Erscheinungsbild moderner Kriege. Ullman verweist auf Fotografien von Soldaten, in deren «glasigen Blicken» sich der «Schrecken und die Todeserfahrung des Schützengrabens» spiegele.

Shell Shock im Fernsehen

Während dieser «Shell Shock» im Ersten Weltkrieg noch ein weitgehend unverstandenes Phänomen darstellte und insbesondere in der britischen Armee sogar zu zahlreichen Hinrichtungen kampfunfähig gewordener eigener Soldaten unter dem Vorwurf der Fahnenflucht führte, wurden Infanterieregimenter im Zweiten Weltkrieg bereits von Psychiatern begleitet. Was Ullman unerwähnt lässt, ist die Tatsache, dass sich das «Shell Shock»-Phänomen in Vietnam für die Amerikaner auch angesichts der Spätfolgen von Kriegsveteranen zu einem Trauma mit nationaler Tragweite auswuchs.

Kriegsgefangene auf Al Dschasira
Diesem, aus eigener Erfahrung wohlbekannten Effekt hätte – wäre es nach Ullman gegangen – nun im Irak der Feind ausgesetzt werden sollen. Nebenbei macht dies auch die Vorstellung massenweise jubelnder befreiter Zivilisten als propagandistisch motivierten Euphemismus kenntlich. Umso schlimmer aber, wenn sich der Effekt verkehrt und auf einmal amerikanische Kriegsgefangene mit angstgeweiteten Augen und allen Anzeichen von Shell Shock auf Al Dschasira zu sehen sind. In diesem Fall wird umgehend das eigene historisch gewachsene Trauma aufgerufen – nicht umsonst verglichen amerikanische Offiziere ihren Oberbefehlshaber Donald Rumsfeld bereits mit Robert S. McNamara, dem glücklosen und realitätsfremden Chefstrategen des Vietnamkrieges.

Geschichte ohne Moral

Sie drückten so auch ihre Enttäuschung über das offensichtliche Misslingen der ursprünglich apostrophierten Strategie aus. Der zwischenzeitliche Vorwurf, dass Rumsfeld nun den Billigkrieg bekomme, den er hätte führen wollen, trifft zugleich ins Zentrum der Shock & Awe-Theorie. Denn Ullman ist auch Ökonom und hat daher stets im Auge, wie mit möglichst geringem finanziellen Aufwand ein möglichst großer militärischer Effekt erzielt werden kann. Als Vorbilder für dieses Funktionsprinzip führt der Autor – ganz affirmativ – vier Modelle ins Feld: Das römische Reich, die Kanonenbootpolitik des britischen Empires, die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, und nicht zuletzt den (von ihm so genannten) «Blitzkrieg» der Nationalsozialisten.

Mehr im Internet:
  • Online-Publikation:Shock & Awe
  • Ganz offen zeigt sich hier die schamloseste und unverschämteste Seite neokonservativen Denkens. Wenn ein Stratege, der Hitlers strategisches Geschick und den durchschlagenden strategischen Erfolg von Atombomben gleichermaßen lobt, zum Vordenker eines offiziell vertretenen Konzeptes für einen Angriffskrieg avanciert, wenn also zugunsten eines militärstrategischen Funktionalismus ganz unumwunden auf eine jede moralische Lektion aus der Geschichte verzichtet wird, dann darf man sich rund um den Globus schon mal gute Nacht wünschen. Oder, dass es nicht funktioniert – wie Shock & Awe.

    Der von Ullman zitierte Clausewitz ist soeben in einer ungekürzten Fassung neu aufgelegt worden: Carl von Clausewitz: Vom Kriege. Ullstein, München 2003, 736 Seiten, 6 Euro

     
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