07.04.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Der Mufti und die Nazis
In seinem Buch «Djihad und Judenhaß» macht Matthias Küntzel die Bedeutung des Antisemitismus für die Ideologie der Islamisten deutlich. In den Dreißigerjahren unterhielten die «Muslimbrüder» mehr als freundliche Beziehungen zu den Nazis.
Von Daniel KilpertWas treibt die Selbstmordattentäter in Tel Aviv, Bali oder New York zum suizidialen Massenmord? Um diese Frage zu beantworten wirft der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel den Blick zurück auf die 70-jährige Geschichte des Islamismus. Im Zentrum seiner Untersuchung steht die einflussreichste islamistische Bewegung, die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft. Diese Gruppierung inspirierte auch Al Qaida, die sich als Teil von ihr versteht. Sie hatte im Kontext der Weltwirtschaftskrise der Zwanzigerjahre die Idee des kriegerischen Dschihad erneuert und die Todessehnsucht als Leitideal formuliert.
Für den gegenwärtigen Islamismus haben die Muslimbrüder in etwa die Bedeutung, die die Bolschewiki für die Kommunisten des 20. Jahrhunderts hatten. Sie revoltierten gegen alle sinnlichen und materialistischen Versuchungen der kapitalistischen Welt.
Islamistische InternationaleEin entscheidender Unterschied dabei ist aber, dass die Muslimbrüder nicht nur als antikoloniale und antiwestliche, sondern auch als antijüdische Bewegung zur Massenorganisation wurden, glaubt Matthias Küntzel. Der aggressive Antisemitismus wurde erst durch die Muslimbruderschaft im arabischen Raum verbreitet. So unterstützten wichtige Repräsentanten der arabischen Welt noch 1917 mit der «Balfour-Deklaration» die Schaffung einer nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina. Sie versprachen sich dadurch eine Annäherung des Orients an Europa. Zwanzig Jahre später sollte sich diese Haltung jedoch grundlegend geändert haben.
1945, sechs Monate nach dem Ende der Naziherrschaft, wurden in Kairo die größten antijüdischen Pogrome in der Geschichte Ägyptens verübt. Treibende Kraft war dabei die Organisation der Muslimbrüder. Sie verstand sich als die erste islamische Bewegung, die planmäßig den Aufbau einer «Islamistischen Internationale» in Angriff nahm. Politisch forderte sie eine «organische» Staatsordnung auf Basis von Scharia und Kalifat. Ihr Gründer, Hassan al-Banna, erklärte, der Koran habe den Gläubigen aufgegeben, den Tod mehr zu lieben als das Leben. Nach Küntzel kündigte sich so eine Verschiebung des antisemitischen Zentrums von Deutschland in die arabische Welt an.
Kollaboration mit den NazisDer Nationalsozialismus wurde schon vorher in großen Teilen der arabischen Welt mit Sympathie betrachtet: Al-Banna kollaborierte mit den ägyptischen Agenten des Deutschen Reichs und konferierte Anfang 1941 mit der ägyptischen Führung über den Plan, mit Hilfe eines antibritischen Aufstands in Ägypten die deutschen Angriffe auf England zu unterstützen. Der paramilitärische Flügel der Muslimbrüder bot den Nazis seine Unterstützung an. Der Aufschwung des Faschismus und der Aufstieg des Islamismus fielen in die selbe Zeit.
Typisch für den Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Islamismus sind auch die Schriften des ägyptischen Muslimbruders Sayyid Qutb. Er verbreitet die Botschaft, dass die Freiheit der Menschen darin bestehe, die in der Scharia verfestigte Gottesordnung zu leben. In seinem 1950 verfassten Essay «Unser Kampf mit den Juden» skizziert er die Wahnidee von der jüdischen Weltherrschaft.
Der Mufti von Jerusalem und die HamasNoch deutlicher wurde dieser Schulterschluss vom 1921 bis 1974 amtierenden Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, vollzogen. Unter ihm wurde der Widerstand gegen die jüdische Einwanderung grundlegend islamisiert. Freimütig erklärte er, dass der Aufstand Ende der Dreißiger Jahre in Palästina nur durch die finanzielle Unterstützung der Nazis durchzuführen war, denn «in der Bekämpfung des Judentums nähern sich der Islam und der N.S. einander sehr», so der Mufti. Küntzel nennt ihn den «weitaus engagiertesten Parteigänger des Nationalsozialismus in der arabischen Welt». Der Mufti agierte im damaligen britischen Mandatsgebiet wie ein lokaler Statthalter des Nationalsozialismus. Als ihm die Festnahme drohte, erhielt er den Schutz der Muslimbrüder in Ägypten.
Auch Arafats Werdegang und seine Verbindungen zur Muslimbrüderschaft betrachtet Küntzel in seinem Buch genauer. In den frühen Jahren seiner politischen Karriere hatte sich Arafat einer Gruppe von Muslimbrüdern angeschlossen, der Mufti unterstützte ihn bei der Wahl zum Vorsitzenden des Palästinensischen Studentenverbands, aus dem 1959 die Fatah wurde. Auch sie wurde von Mufti Amin el-Husseini finanziert, Nasser stufte sie als Tarnorganisation der Muslimbrüder ein.
Die Französische Revolution als Teil des WeltbeherrschungsplansDie radikale Hamas beruft sich ganz offen auf die ägyptische Muslimbruderschaft und versteht sich als deren palästinensischer Zweig. Küntzel weist nach, dass ihre Verbindungen zu bin Ladens Al Qaida stets besonders eng waren. In der «Charta» der Hamas wird der Dschihad gegen Israel als die erste Etappe eines weltweiten antijüdischen Vernichtungskrieges dargestellt. Küntzel nennt die Charta «das wohl wichtigste programmatische Dokument des Islamismus der Gegenwart», es reiche «in seiner Bedeutung über den Palästinakonflikt weit hinaus».
Die Hamas macht die Juden unter anderem für die Französische Revolution und für beide Weltkriege verantwortlich und wirft ihnen vor, dass sie die Gründung der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrats veranlasst hätten, «um die Welt zu beherrschen». Zur Bestätigung wird das berühmteste aller antisemitischen Machwerke angeführt, die von der zaristischen Geheimpolizei gefälschten «Protokolle der Weisen von Zion». In der Auseinandersetzung mit dem Islamismus wird das Programm der Hamas aber kaum zur Kenntnis genommen.
Fehlende Auseinandersetzung mit dem IslamismusViel zu oft würden Terroristen zu «hoffnungslosen und verzweifelten Menschen» verklärt, ohne ihren ideologischen Hintergrund zu berücksichtigen, kritisiert Küntzel daher. Warum sprengen sich nicht auch anderswo Menschen aufgrund ihrer verzweifelten Lage in die Luft? Die testamentarischen Videobotschaften der Attentäter sind offensichtlich gerade nicht von Verzweiflung, sondern von Stolz und Begeisterung gekennzeichnet.
Auch in den meisten Bewertungen des 11. September werde der politische Kontext der Flugzeugattentate ignoriert. Man weigere sich oft , deren antizionistische und antijüdische Bedeutung zu erfassen. Dabei machte bin Laden selbst in unzähligen Statements deutlich, dass er glaubt, dass die «jüdische Lobby» hinter den Kulissen die Politik in den USA bestimmt. Der Angriff auf das World Trade Center sei untrennbar mit den Ambitionen verknüpft, Israel auszulöschen, glaubt Küntzel daher.
Der deutschen Islamwissenschaft, deren Expertise angesichts der weltpolitischen Lage immer häufiger gefragt ist, wirft Küntzel in diesem Zusammenhang vor, den islamistischen Antisemitismus zu ignorieren und die Auseinandersetzung mit den wichtigsten programmatischen Texten des islamistischen Antisemitismus erst gar nicht zu suchen – dem 1950 veröffentlichten Aufsatz «Unser Kampf mit den Juden» von Sayyid Qutb und der «Charta» der Hamas von 1988.
Matthias Küntzel: Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg, ça ira-Verlag, Freiburg 2002, 180 Seiten, 13,50 Euro.