Götz Aly:
Der Sozialismus des guten Blutes
11. Mrz 2003 07:52
 | Reichsparteitag, Gemälde von 1933 | Foto: dhm.de |
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Warum unterstützten die Deutschen Hitlers Politik so zahlreich und so lange? Wegen seiner «völkischen Gleichheitsversprechen», deren Einlösung dem kleinen Mann zugute kam. Eine Textsammlung von Götz Aly widmet sich Hitlers Volksstaat.
Von Ulrich GutmairDie Bundesrepublik Deutschland gilt nicht als Land, in dem ausgeprägte Klassenschranken zu beklagen seien. Wenn ein aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammender Politiker Kanzler wird, wird dieser Umstand zu Recht wohlwollend zur Kenntnis genommen. Wer sich hin und wieder in England aufhält, wundert sich darüber, wie stark die Idee der Klasse hier in der Mentalität verankert ist und durch Sprache, Bildung und Habitus ausgedrückt wird.
Die Überwindung antiquierter, weil auch auf uralten ständischen Konzepten ruhender Schranken ist jedoch kein bundesrepublikanisches Projekt, sondern wurde bereits von einer nationalsozialistischen Politik in Angriff genommen, die einer völkisch-egalitären Utopie verpflichtet war. Diesem Feld widmen sich einige Texte des Historikers Götz Aly, die nun als Sammlung unter dem Titel «Rasse und Klasse. Nachforschungen zum deutschen Wesen» erschienen sind. Der Titel suggeriert einen roten Faden, der allerdings nicht immer vorhanden ist. Dort, wo es keine Verbindung zum Meta-Thema Klasse gibt, entschädigen aber zumeist aktuelle Bezüge und kreative Assoziationen den Leser, wenn Aly etwa Osama bin Laden mit Ernst Jünger liest.
Völkische Gleichheitsversprechen
Der von Aly anlässlich der Verleihung des Heinrich-Mann-Preises im letzten Jahr gehaltene Vortrag «Hitlers Volksstaat» bildet den Abschluss und das Gravitationszentrum verschiedener Texte aus den letzten Jahren, die größtenteils in der «Berliner Zeitung» erschienen sind, wo Aly als Redakteur tätig war. Viele wurden in Auseinandersetzung mit ostdeutschen Lesern geschrieben, die gerne die ideologisch bedingte, marxistische Verknüpfung von Kapitalismus und Faschismus vornehmen, die tatsächliche Verbindung eines radikalen Rassismus mit der sozialen Utopie der Volksgemeinschaft aber gerne ignorieren.
Dass eben diese Ignoranz oftmals einer Nähe zu im Wortsinn national-sozialistischen Ideen entspricht, die die Aktivisten von «national befreiten Zonen» in Ostdeutschland umtreibt, deutet Aly gnädig nur am Rand an. Er widmet sich vor allem scheinbar nebensächlichen Details, die sehr deutlich ein Phänomen beschreiben, das Aly auf theoretischer Ebene eher missverständlich mit dem Begriff des «Klassencharakters des Nationalsozialismus» beschreibt: Es ist das «völkische Gleichheitsversprechen» gewesen, das für eine Mehrheit der Deutschen eine hohe Anziehungskraft besaß und außerdem viele wesentliche politische Entscheidungen bestimmte, die ohne diese Motivation nur schwer zu erklären sind.
Im Volksstaat
Hitler erklärte 1938 programmatisch: «Es muss in diesem neuen Deutschland jedes Arbeiter- und Bauernkind bis zur höchsten Führung aufsteigen können.» Gleiche Chancen für alle (Arier), eben dies ist der Kern der Idee des Nationalsozialismus, der sich laut Himmler selbst als «Sozialismus des guten Blutes» verstand. So zog die NSDAP «Tausende Gebildete an, die ihren Klassendünkel im Dreck des Stellungskrieges zurückgelassen hatten. Sie integrierte den sozialistischen Arbeiter, den Handwerker, den kleinen Angestellten, die sich alle zusammen soziale Anerkennung und bessere Lebenschancen für ihre Kinder erhofften», schreibt Aly.Dieser «Sozialismus» im Inneren wurde ideologisch durch einen «doppelten Antisemitismus» ermöglicht, der in den widersprüchlichen Figuren des «jüdischen Spekulantentums» und des «jüdischen Bolschewismus» seinen Ausdruck fand. Eben diese Verbindung von Rassismus mit einem Gleichheitsversprechen beschränkte sich aber nicht nur auf die Ebene der Ideologie: Hitlers heimatlicher Volksstaat basierte ganz konkret auf der Enteignung der jüdischen Bevölkerung in ganz Europa und in den Konzeptionen der Wirtschaftsexperten auch auf der geplanten Vertreibung von 50 Millionen Slawen aus den besetzten Ostgebieten.
Nutznießer dieser Politik von Raub und Vernichtung waren deutsche Volksgenossen, unter anderem etwa Bauern mit Kleinbetrieben, denen Ackerland im Osten zugewiesen werden sollte. Aber auch in Deutschland selbst profitierten die kleinen Leute von günstigen Möbeln aus jüdischem Besitz, die in großem Stil versteigert wurden: So beteiligten sich in Hamburg 400.000 Menschen als Käufer an einem Vorgang, den Aly präzise als «Massenraubmord» bezeichnet.
Die kleinen Einkommen schützen
In größerem Maßstab dachten auch die Volkswirtschaftler der Reichs-Kredit-Gesellschaft, die unter anderem bei der Finanzierung der deutschen Angriffskriege tätig mitwirkte. Sie interessierten sich wohlwollend für die Pläne der Regierungsexperten, mit geraubtem Getreide aus der als deutsche Kolonie betrachteten Ukraine zum Exportland zu werden, und somit Kriegsschulden tilgen zu können.Am Beispiel der Kriegsfinanzierung macht Aly deutlich, wie das Regime die unteren und mittleren Einkommen zu jeder Zeit schützte, in «besonderen Steuer-Oasen», wie ein offenbar weniger völkisch denkender Finanzexperte klagte. 1942 wurden 80 Prozent des Steuereinkommens von schmalen 13 Prozent der Steuerzahler getragen. Diese Umverteilung allein aber hätte nicht genügt, um die Mehrheit der Deutschen von direkten Kriegssteuern verschonen zu können. Es waren der Krieg selbst sowie die in besetzten Gebieten vorgenommenen «Arisierungen» und Enteignungen, welche die klassenlose Utopie im Innern ermöglichten: Jedes besetzte Land musste 50 Prozent des letzten Friedenshaushaltes als Besatzungskosten an Deutschland abführen. In der zweiten Hälfte des Kriegs überstiegen die Einkünfte aus der Plünderung der Volkswirtschaften der besetzten Länder die Steuereinnahmen im Reich.
Deutschland als Umverteilungsstaat
Da Deutschland aber ein Interesse an der Stabilität der besetzten Länder hatte, erschloss die Besatzungsmacht neue Finanzierungsquelle für die besetzten Länder. Sie bestand in der Verstaatlichung und anschließenden Reprivatisierung des den Juden genommenen Vermögens zugunsten eben dieser Länder. Im Zuge dieser Politik der Finanzierung des Krieges auf Kosten der Eroberten, die wiederum aus dem geraubten Vermögen der europäischen Juden entschädigt wurden, konnte die Volksgemeinschaft florieren: «Hitler-Deutschland wurde im Krieg zum Umverteilungsstaat par excellence.»Deutlich wird gleichzeitig, dass man solche Mechanismen der Umverteilung kaum als Sozialismus bezeichnen kann. An anderer Stelle schreibt Aly in Bezug auf den Staat: «Insgesamt zerstörte der NS-Staat die Grundlagen der alten bürgerlichen Ordnung weit weniger als der spätere DDR-Sozialismus. Das macht die kurzen zwölf Jahre seiner Herrschaft heute so schwer begreiflich.»
Die Politik des Dritten Wegs
Für Aly war Hitler ein Politiker des Dritten Wegs, dem das Volkswohl am Herzen lag, und der einen «Sozialismus ohne Proletarier» proklamierte. Eben dieser Sozialismus ohne Proletarier verlangt als theoretischen Begriff bereits den Anderen, auf dessen Rücken die Tatsache ausgetragen werden muss, dass der soziale Antagonismus «neutralisiert» wird, mag man hinzufügen. Spannend werden Alys Ausführungen daher auch dort, wo der Historiker eine Perspektive entwickelt, in der «die Zäsuren von 1933 und 1945 flacher werden.»
So widmet sich Aly etwa dem Reichs-Rabattgesetz vom 25. November 1933, das bis vor kurzem in Kraft war und in den ersten 60 Jahren seiner Existenz einer «verbreiteten Stimmung» entsprach: «Feste Preise, feste Löhne, betonharte Arbeitsverträge, ein ordentlicher Mieterschutz - das bestimmte die Regelmäßigkeit und die Qualität des deutschen Lebens.» Süffisant fügt Aly hinzu: «Alle gingen, sieht man von einem kriegerischen Vernichtungsfall ab, immer gern auf Nummer Sicher.»
Egalitär und populär
Sein Verweis auf Tausende weiterer Gesetze, die dem Buchstaben oder dem Geist nach noch heute gelten, zeigen Kontinuitäten auf: «Wir empfinden sie als angenehme Selbstverständlichkeiten: die Vorschriften des Mutterschutzes zum Beispiel, die Rachitisprophylaxe, das Ehegattensplitting, die Straßenverkehrsordnung, die Meldegesetzgebung, die lateinische Schreibschrift in der Schule oder die (aus Kostengründen lange verhinderte) Aufnahme der Rentner in die Krankenversicherung.»Dabei geht es Aly natürlich nicht um formale Kontinuität als solche, sondern um die Tatsache, dass die metaphysische Überhöhung des Regimes zum irrationalen Bösen wie die Verengung der Naziideologie auf rassische Überlegenheit, Hass und Vernichtung oftmals übersehen lassen, wie modern und rational, wie egalitär und populär sie eigentlich war: «Im Gegensatz zu den kommunistischen Regimen blieb Hitler-Deutschland eine jederzeit mehrheitsfähige Zustimmungsdiktatur.»
Götz Aly: Rasse und Klasse. Nachforschungen zum deutschen Wesen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2003. 18,90 Euro