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Copyright-Satire: 

Eine neue Vision für die Musikindustrie

16. Jan 2003 01:22
Das Audiosystem BeoSound 9000 von Bang & Olufsen
Was wäre, wenn die amerikanische Musikindustrie von Copyrightverschärfungen Abstand nähme und stattdessen der ökonomischen Logik folgte? Ein satirisches Strategiepapier, das Hacker auf die Website der Branchenorganisation RIAA stellten, malt sich dieses Szenario aus.

Von Anonymus

Für die Musikindustrie war das letzte Jahr das schlimmste der vergangenen Dekade. Obwohl einige Faktoren, die außerhalb unserer Kontrolle lagen, wie die generelle Rezession der amerikanischen Wirtschaft, zweifelsohne dafür mitverantwortlich waren, können wir uns nicht von jeder Verantwortung freisprechen. Um diesen Umstand zu korrigieren, haben sich vor kurzem Repräsentanten unserer Mitgliedsunternehmen getroffen, um über Reformen zu diskutieren. Dieses Meeting hatte einige Kurskorrekturen zum Ergebnis, die im Folgenden skizziert werden. Wir hoffen mittels der Implementierung dieser neuen Politik der Musikindustrie neue Impulse geben zu können.

Unsere Mitglieder werden alle Planungen einstellen, die den Verkauf von kopiergeschützten CDs zum Ziel haben. Nutzungsbeschränkungen bei CDs werten das Produkt ab und vermindern in unseren Zielgruppen den Anreiz, CDs zu erwerben. Wir sind außerdem der Überzeugung, dass auch die Öffentlichkeit im Lauf der Zeit erkennen wird, dass Verfahren des Kopierschutzes aufgrund der viralen Natur der Distribution via Filesharing-Netzwerke niemals effektiv Online-Piraterie verhindern können. Stattdessen zwingen sie unsere Kunden dazu, dieselbe Musik auf verschiedenen Tonträgern mehrmals zu erwerben.

Wir verplichten uns darüber hinaus, in Zukunft keine Gerichtsverfahren gegen Unternehmen anzustrengen, die Filesharing-Netze unterhalten. Da Studien renommierter Meinungsforschungsinstitute gezeigt haben, dass die meisten Nutzer solcher Netzwerke laut eigener Angaben deutlich häufiger Tonträger erwarben als vorher, erscheint es uns als wenig sinnvoll, Millionenbeträge in Gerichtsverfahren zu investieren, die die Schließung solcher Dienste zum Ziel haben. Stattdessen schlagen wir vor, alle Verfahren einzustellen und im Gegenzug mit den Betreibern solcher Netzwerke die Abführung von Lizenzgebühren zu vereinbaren, die sich aus einem festzulegenden Prozentsatz der von diesen erwirtschafteten Gewinne errechnen. Dies erscheint uns als fair, da diese Gewinne zumindest zum Teil auf die Distribution unserer Produkte zurückzuführen sind.

Wir werden außerdem jene Form von Lobbyarbeit einstellen, die darauf abzielt, drakonische Copyright-Gesetze über die Amerikaner zu verhängen. Noch im vergangenen Juni hat der Republikaner Rick Berman, der von der Unterhaltungsindustrie mehr Wahlkampfspenden als jeder andere Kongressabgeordnete erhalten hat, einen Gesetzesvorschlag eingebracht, der Urheberrechteinhaber von den bestehenden Anti-Hacker-Gesetzen ausnehmen würde, um diesen in technische Maßnahmen gekleidete Selbstjustiz gegen Nutzer von Filesharing-Netzwerken zu ermöglichen. Ursprünglich waren wir begeistert über die politische Einflussnahme, die uns unser Geld ermöglichte, doch schon bald stellten wir entsetzt fest, welche Auswirkungen dieser Vorstoß für die Demokratie in den USA haben könnte. Aus moralischen Gründen sehen wir uns außerstande, mit dieser Manipulation des politischen Systems fortzufahren.

Abgesehen von den eben genannten Gründen werden wir uns zum einen aus allen Verfahren gegen die Anbieter von Filesharing-Diensten zurückziehen, zum anderen jegliche Form der politischen Einflussnahme auf diesem Gebiet einstellen, um das Vertrauen der Konsumenten in die Musikindustrie wieder herzustellen. Unsere Kunden werden sich nach dem Kauf einer CD nicht mehr schuldig fühlen müssen, da sie sich sicher sein können, dass der Erlös aus ihrem Kauf nicht mehr dazu verwendet werden wird, um Projekte zu finanzieren, die ihnen und ihren Freunden Schaden zufügen.

Um unsere Kunden weitergehend davon zu überzeugen, dass die Erlöse aus ihren Käufen sinnvoll eingesetzt werden, werden wir alles daran setzen, die von uns entdeckten Talente fairer zu behandeln. Im Zentrum dieser Bemühungen steht unsere Absicht, in Zukunft geheime Absprachen zwischen einzelnen Labels über Verträge mit Künstlern zu unterbinden. Obwohl das bestehende Kartellrecht diese Praxis nicht zum Gegenstand hat, widerspricht die Aussetzung des Wettbewerbs durch Absprachen nicht nur den legitimen Interessen der Konsumenten, sie schadet auch den Produzenten von Content selbst. In Zukunft werden Künstler somit nicht mehr gezwungen werden können, Verträge zu unterzeichnen, die aus einer Vielzahl von fragwürdigen Gründen ihre Tantiemen beträchtlich beschneiden. Falls ein Label dennoch solchen Missbrauch betreiben sollte, wird es seinen künstlerischen Nachwuchs mit Sicherheit an die Konkurrenz verlieren.

Wir glauben, dass diese Politik die Rentabilität unserer Unternehmen keineswegs negativ beeinträchtigen wird. Erstens wird der Verzicht auf kostspielige Gerichtsverfahren und teure Lobbyarbeit die entstehenden Kosten ausgleichen. Zweitens werden wir uns dafür einsetzen, unsere Branche zu konsolidieren: Die Statistik besagt, dass neun von zehn Firmen an der unternehmerischen Aufgabe scheitern, ihre Kosten wieder einzuspielen. Unternehmerisches Scheitern in diesem Umfang wäre außerhalb der Musikindustrie völlig inakzeptabel. Obwohl derart schlechte wirtschaftliche Daten aufgrund des Missbrauchs von Künstlern innerhalb der Branche tolerierbar waren, spricht unserer Ansicht nach nichts gegen die Möglichkeit, diese Situation signifikant zu verbessern.

Schließlich verpflichten wir uns, uns in Zukunft jeder Art von Propaganda zu enthalten, die darauf abzielt, Musik ausschließlich als eine Form von Eigentum zu definieren. Wir nehmen Abstand von der Vorstellung, dass ein Künstler das natürliche Recht hat, Musik zu kontrollieren, auch wenn das Medium, das diese Musik transportiert, den Eigentümer gewechselt hat. Stattdessen werden wir das ursprüngliche Ziel des amerikanischen Copyrights anerkennen, das als Anreiz für künstlerische Produktion geschaffen wurde, um dem Durchschnittsbürger den Zugang zu künstlerischen Werken zu ermöglichen. Wir werden daher eine Aufklärungskampagne initiieren, die darauf abzielen wird, die Öffentlichkeit an den ursprünglichen Geist des Copyright zu erinnern, der vielen Bürgern unbekannt ist.

Wir hoffen, dass die Bürger das Copyright umso mehr respektieren werden, als ihnen bewusst wird, dass es zu ihren Gunsten geschaffen worden ist. Wir hoffen, dass unsere neue Politik der Industrie neue, vitale Impulse geben wird und sie sich damit des einzigartigen Platzes würdig erweist, den sie im amerikanischen Kulturleben einnimmt.

Unbekannte Hacker hatten dieses Papier auf die Seiten der RIAA gestellt. Der Verband der amerikanischen Musikindustrie propagiert drastische Verschärfungen des Copyright sowie entsprechende technische Standards und führte bereits etliche Gerichtsverfahren gegen Filesharing-Netze.

 
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