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Nobelpreis: 

Imre Kertész und das Glück

10. Dez 2002 07:54
Imre Kertesz
Glück, das im Zentrum seines Werks steht, ist für Imre Kertész Pflicht. Damit wendet er sich gegen die religiöse jüdische Tradition, ohne gänzlich von ihr zu lassen. Heute wird ihm der Nobelpreis verliehen.

Von Anjana Shrivastava

Wenn man es schlicht betrachten will, dann wurde der Nobelpreisträger Imre Kertész am falschen Ort und zur falschen Stunde geboren, nämlich im Mitteleuropa des Jahres 1929. So wurde ihm wie der im selben Jahr geborenen Anne Frank das Los zuteil, mitten in der Pubertät in die rationalisierten nationalsozialistischen Absonderungsstrukturen gezwungen zu werden. Doch gerade diese beiden Opferkinder, der Autor des «Roman eines Schicksallosen» und die Autorin des berühmten Tagebuchs und der «Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus», blieben auf eine eigentümliche Weise hellwach, das im Juni 1929 geborene Mädchen und der am Anfang des Winters, am 9. November 1929 geborene Kertész sonderten sich souverän selbst ab. Dass die eine starb und der andere überlebte, ist für die Zeugnisse, die sie abgelegt haben, letztendlich irrelevant.

Mehr im Internet:
  • Preisverleihung online: Webcast aus Schweden
  • Der Nobelpreis, den Kertesz selbst als «Glückskatastrophe» bezeichnet, wurde verliehen für seine Prosa, die das Nobelkomitee auf nordische – aber in diesem Fall unpassende Weise als «gutgewachsene Hagedornhecke» lobt. Solche Hecken sind keineswegs abgesondert vom Zyklus von Geburt und Tod, sondern vielmehr darin gefangen. Passender wäre für diese hochphilosophische, mitteleuropäische Prosa, so verschachtelt und sperrig sie in der Tat ist, ein Vergleich mit der steinernen Stille eines alten jüdischen Friedhofs. Stein auf Stein: verwinkelt, zertrümmert, wiedererrichtet. Von diesen Friedhöfen behauptete ehemals die Gettosprache, sie seien «Wohnungen der Lebenden», oder ein «Getort», eine jiddische Verballhornung von «gutem Ort». Also der Lebensraum einer Gemeinschaft, die immer dem sozialen und natürlichen Tod ausgesetzt war, und dennoch fortdauerte.

    Das Heilige am Glück

    In dem kunstvollen Friedhof des Kertész'schen Werks geht es ebenso wie im «Getort» um Glück, ein umgekehrtes Glück zwar, gewissermaßen ein Negativ im photographischen Sinne. Denn das Glück folgte Imre Kertész stets wie ein Schatten. Als er mit 14 nach Auschwitz deportiert wurde, schien ihn das Glück der ersten Freiheit wie sein Mantelrevers zu umflattern, das so seinen gelben Stern verdeckte. Betrachtete er in Buchenwald mit 15 distanziert die Glieder seines zusehends vergreisenden Leibes, so winkte vor seinem geistigen Auge die hochzeitliche Verwandlung der eigentlichen Pubertät. Schließlich, entscheidet er Jahre danach in seinem Hauptgeständnis und Meisterwerk «Kaddisch für ein nicht geborenes Kind», selbst niemals Kinder zu haben, so kommt ihm ohne zu zögern ein Bild entgegen. Ein Doppelbild, von den glücklichen Kindern, die ihm eigentlich doch vorschweben, das Bild von einem Mädchen, «dunkeläugig und sommersprossig», und einem «trotzigen Jungen, mit Augen so fröhlich und hart wie graublauer Kiesel.»

    Nicht die Banalität des Bösen ist Kertész' Thema: sein Werk behandelt das Heilige am Glück. So wie er am Ende des «Romans eines Schicksallosen» der Welt schwört, vom Glück der Konzentrationslager zu erzählen, geht es ihm dabei um ein Glück, das vielleicht gerade in der sozialen Ausgrenzung möglich ist. Dies ist gleichermaßen das Glück, im Versteck schreiben zu können, und das vielleicht spezifisch jüdische Glück, nicht in der Hecke der Natur zu verharren, sondern im Menschsein, einfach und ernsthaft, aufzugehen.

    In der Überlebensschuld

    Das Budapest der Dreißigerjahre war allein wegen der Sprache ein europäisches Hinterhaus, in einer Abseitigkeit verharrend, die manchen jüdischen Einwohner an seine Unverletzbarkeit denken ließ: Hier passiert uns nichts. Und dennoch war Budapest eine Stadt, in der das Streben nach Glück, und zwar die höchst individuelle und irdische Jagd nach demselben, wahrlich voll im Gange war. Budapest war die säkulare Welt, die wir kennen, eine Welt der Telefone, Scheidungen und Scheidungskinder, von denen der Junge namens Imre Kertész eines war. Der «Roman eines Schicksallosen» öffnet mit der Szene, in der der junge Kertész von seinem Vater am Tag von dessen Deportation Abschied nehmen muss. Um dafür schulfrei zu bekommen, muss der Junge die Erlaubnis von der Schulleitung holen. Dann lernen wir, dass Kertész mit seinem mitteleuropäischen Spießbürgervater ungefähr so gut klar kommt wie Franz Kafka mit seinem, so dass schon auf den ersten Seiten klar wird, dass mit der jüdischen patriarchalischen Welt etwas schon sehr im Argen liegt.

    Trotzdem muss der Abschied stattfinden. In diesen letzten Stunden vor der Abreise wird der väterliche Holzhandel einem christlichen Angestellten übergeben, Kertész langweilt sich. Am Telefon ist er kurz angebunden mit seiner Mutter, um sich zumindest ein bisschen bei seinem Vater einzuschmeicheln. Ansonsten sitzt er herum und isst das für die Schule gedachte Pausenbrot. Die Stiefmutter, die an diesem Tag nichts isst, beobachtet argwöhnisch, was sie als Pietätlosigkeit des Jungen begreift. Und schon steckt der junge Kertész knietief in der Überlebensschuld.

    Stärkung für die Trauernden

    Seine schiere Verlegenheit und Verlorenheit in dieser Situation, in der er zum letzten Mal seinen Vater sieht, ist mit den Händen zu greifen. Über das Judentum weiss er als säkularisierter Jude so gut wie gar nichts; einmal hat er im Dorf eine Tante abends vor ihrem Spiegel gesehen, im roten Kleid und mit kahlem Kopf, als sie ihre Perücke abgelegt hat. Das war seine kindliche Erinnerung, und später sein expressionistischer künstlerischer Ausdruck vom traditionellen Judentum als einer Art von Freak Show, als eine im Grunde verlogene Angelegenheit, in dem irdisches Glück verleugnet wird und nur versteckt weilt. Doch tausende Jahre des Judentums sind an Kertész dennoch nicht vorübergegangen, und sein Lebenswerk zeigt den Versuch, die kleinen Gesten des Lebens und Überlebens neu zu weihen.

    Der Trauernde sagt in den Psalmen, im Gebet um die Wiederherstellung Zions: «Denn meine Tage sind vergangen wie ein Rauch, und meine Gebeine sind verbrannt wie von Feuer. Mein Herz ist geschlagen und verdorrt wie Gras, dass ich sogar vergesse, mein Brot zu essen.» Als eine der wichtigen Szenen in seinem Leben begreift Kertész den Moment in Auschwitz, als ein älterer Mann ihm ein Stück Brotkante schenkt, obwohl der Mann dadurch seine eigenen Lebenschancen radikal vermindert. Mag sein, dass die Soziobiologen uns mit Theorien beliefern können, wie auch dieser scheinbare Altruismus seine darwinistische Logik vorweisen kann. Doch eher ist diese Geste als eine Trauermahlzeit zu verstehen, die sogenannte «stärkende Mahlzeit», das Se'udat Hawra'a. Im jüdischen Ritus ist es die Pflicht von direkten, im räumlichen Sinne verstandenen Nachbarn, den Trauernden nach dem Tod diese einfache Brotzeit zur Stärkung zu geben, weil die Trauernden sich nicht selbst versorgen können in diesem Moment am Anfang der siebentägigen Trauerwoche. Beim Tod von Mutter und Vater dauert die Trauerzeit sogar ein Jahr, in der das Kaddisch oder Totengebet jeden Tag gesprochen wird.

    Königin Sabbat

    Doch wenn er für seinen Vater das Kaddisch nicht sprechen konnte oder wollte, schafft Kertész als Erwachsener eine künstlerische Ersatzhandlung, die er «Kaddisch für ein nicht geborenes Kind» nennt. Sein Protagonist spricht es vor sich selbst, während er in einem Budapester Café auf seine Ex-Frau wartet, mit der er keine Kinder haben wollte. Er wartet im Grunde genommen vor allem auf die Beruhigungspillen und Antidepressiva, mit denen seine Ex-Frau ihn als Ärztin versorgt. Dieses Kaddisch auf die Kinder kann man als eine Art modernen Minnegesang verstehen, diese europäische Gattung, die auf das Hohelied Salomons zurückgreifend auch als Klagelied für eine gerechtere Gesellschaftsordnung diente, für eine mögliche Utopie auf Erden, die dem Menschen ein konkret erreichbares Glück bietet. Es besingt Kertész' Recht auf eine subjektive Weltbetrachtung.

    Anne Frank
    Seine Weigerung, Kinder zu haben, hat die ganze Wucht von Oedipus, der sein Augenlicht zerstört. Doch die Assimilierung des Kindes an die Lügen und Konventionen der Erwachsenenwelt ist für den Erzähler von «Kaddisch» einfach nicht zulässig. Seine Ex-Frau hat nicht auf diese Art mit dem Leben abgeschlossen, und so verlässt sie ihn. Es ist bezeichnend, dass Kertész in seiner Nobelpreisrede erklärt, dass es seine Großmutter war, die als letzte die jüdische Tradition pflegte, als sie jeden Freitag die Sabbatkerzen anzündete. Denn so dominant das Patriarchat auch ist, so ist die Trägerin der jüdischen Kultur doch die Frau. Sabbat ist schließlich die «Königin Sabbat». So wurde der Ritus einst eingängig beschrieben: «Nach dem Anzünden der Sabbatlichter sagt die Hausfrau den Segen darüber. Dabei hält sie die Hände vor die Augen, die Handflächen den Lichtern zugewandt. Mit geschlossenen Augen sagt sie den Segensspruch auf hebräisch. Dann nimmt sie die Hände von den Augen. Wenn sie die Augen öffnet, hat sie das Gefühl, das Sabbatlicht strahle erst jetzt für sie. Sie breitet die Hände nach rechts und links aus, um das Sabbatlicht symbolisch in alle Winkel des Zimmers zu verteilen.» So der orthodoxe Rabbi de Vries aus Amsterdam, der in Bergen-Belsen ermordet worden ist.

    Der Akt des Schreibens

    Das Glück, das Kertész preist, die Anerkennung dieses Glücks, das er als Auftrag und Pflicht versteht, ist eine ziemlich weibliche Angelegenheit. «Glaub mir, wenn man 1 1/2 Jahre eingeschlossen sitzt, dann kann es einem an manchen Tagen mal zuviel werden. Aller Berechtigung oder Undankbarkeit zum Trotz; Gefühle lassen sich nicht wegschieben. Radfahren, tanzen, pfeifen, die Welt sehen, mich jung fühlen, wissen, dass ich frei bin, danach sehne ich mich und doch darf ich es nicht zeigen, denn stell dir vor, wenn wir alle 8 anfingen uns zu beklagen oder unzufriedene Gesichter zu machen, wohin soll das führen?» So hadert die 15-jährige Anne Frank in ihrem Tagebucheintrag vom Freitag, den 24. Dezember 1943.

    Es war die Sache der Frau, das Licht der Trauer brennen zu lassen, das «Ner Tamid» konstant für ein Jahr gegen jeden Luftzug zu schützen. So kann man auch den Prozess des Schreibens beschreiben, den Imre Kertész, wenn auch mit eher unzufriedenem Gesicht, für die europäische Kultur in den letzten Jahrzehnten hat brennen lassen. Auch wenn man das Ner Tamid jetzt elektrisch leuchten lassen kann, der Akt des Schreibens, das Wachhalten des menschlichen Geistes, bleibt nicht technisch lösbar.

     
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