29.10.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Eindrücke vom Rand der Stadt: Sinclairs 'London Orbital'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Iain Sinclair hat London entlang der Ringautobahn M25 umrundet. Sein Buch «London Orbital» beschäftigt die britischen Feuilletons in Zeiten, in denen der Verkehr, die Stadt und die nationale Sicherheit gleichermaßen vom Kollaps bedroht scheinen.
Von Martin ConradsKaum ein anderes innenpolitisches Thema beherrscht die öffentliche Diskussion in Großbritannien derzeit so wie der Zustand der nationalen Infrastruktur: Dabei sind es vor allem die drohenden landesweiten Streiks der Feuerwehr, die den Medien Sorgen um die Garantie der Sicherheit von öffentlichen Gebäuden, Flughäfen, U-Bahnen, Straßen und Schienen bereiten.
Nicht zuletzt die in allen Zeitungen abgedruckten Fotos der bis zu 50 Jahre alten «Green Goddesses», jener im Streikfall zum Einsatz kommenden Ersatzlöschfahrzeuge der Armee, geben ein restlos veraltetes Bild nationaler Sicherheit ab und werden so auch als psychologisches Druckmittel eingesetzt absurderweise gegen die Gewerkschaft der Feuerwehr, nicht gegen die Regierung.
Nachdenken über den ErnstfallZum Nachdenken über den Ernstfall gehört auch der in der letzten Woche publik gewordene Vorschlag, den Flughafen Heathrow durch einen in der Themsemündung, und somit zur Hälfte auf dem Wasser gebauten Flughafen östlich von London zu ersetzen. Dieser Vorschlag dürfte vor allem deswegen langfristig auf fruchtbaren Boden fallen, da Heathrows Lage direkt am London umgebenden M25-Autobahn-Ring unübersehbar nicht nur eine zu große Belastung für die hauptstädtische Umwelt darstellt, sondern auch ein unkalkulierbares Risiko im Katastrophenfall darstellt.
Nicht zuletzt diese Diskussionen bildeten den Subtext einer Veranstaltung, die am vergangenen Wochenende im Konzertsaal des Londoner Barbican Centre stattfand und auf großes Interesse der Medien stieß. Den Anlass gab die Publikation von «London Orbital. A Walk around the M25», das neue Buch des Londoner Autors Iain Sinclair. Dessen Thema ist eben jener ungefähr 122 Meilen lange Autobahnring um London, der am 29. Oktober 1986 von Margaret Thatcher dem Verkehr übergeben wurde, und auf dem eine Minute später das erste Auto liegen blieb.
Verkehrsinsel LondonSeitdem herrscht Stau, aus der Lösung wurde das Problem. Die M25, schreibt Sinclair, ist einfach zu erfolgreich, denn sie wird aus vielen Gründen benutzt von Dieben auf Streifzügen, von Sexarbeiterinnen auf dem Weg zu den Parkplätzen, auf denen sie arbeiten, oder von Londonern, die einfach bis an die Grenzen ihrer Stadt gehen wollen. Tatsächlich ist Sinclair für sein Buch mit einigen wechselnden Begleitern über Monate hinweg immer wieder zu Fuß Teilstücke der M25 gegen den Uhrzeigersinn entlang gelaufen, immer in Hörweite des Verkehrs, vielleicht, wie einer seiner Weggefährten orakelte, um herauszufinden, wohin diese Straße führt.
Am Abend des Jahrtausendwechsels gelangte er wieder am Ausgangsort im Inneren des Rings, dem Millennium Dome auf dem nullten Längengrad an. Während seiner Reise ist London selbst zum eigentlichen Millennium Dome für Sinclair geworden; eine riesige Verkehrsinsel, die von der M25 umschlossen wird und von Satelliten aus als eigenes Mikroklima zu erkennen ist.
Big Brother und KonzeptkunstDie Randzonen, die Sinclair und seine Weggenossen am «London Orbital» auffinden, werden im Buch verschiedenen Machtbereichen zugeordnet: Es sind Anstalten, Gefängnisse, Hotels, Krankenhäuser, Pubs, nationale und multinationale Firmen, Einkaufszentren, verlassene Anwesen, die gestreift und besucht werden. Darunter finden sich Orte wie das videoüberwachte britische Big Brother-Areal oder Gelegenheiten wie ein Vortrag Jochen Gerz' zum Thema «Arbeiten im öffentlichen Raum» in einem medizinischen Forschungszentrum. «Ein sechseinhalb Stunden dauernder Marsch, um eine Stunde die Gegenwart eines deutschen Konzeptkünstlers genießen zu können», notiert Sinclair über diesen Abstecher.
Sinclairs Suche nach der «Bedeutung» seiner eigenen Reise konzentriert sich eher auf poetische denn auf handfeste Thesen: So sei die M25 zu einer Metapher ihrer selbst geworden oder als Sicherheitshalsband zu lesen, «das an den Hals eines überführten Kriminellen gelegt worden» sei. Sinclair beschreibt die M25 als Zwingburg Londons, als Feedbackschleife für den zivilisatorischen Zustand der Stadt ebenso wie als Beweis für Kurzschlussmomente utopisch-urbanistischer Modelle des 20. Jahrhunderts.
Orte der KulturSeine Sprache ist ironisch, sarkastisch, aber auch empathisch gegenüber der Abstraktheit der M25, die er mal verachtend als «in Rage versetzenden Asteroidengürtel», mal bewundernd als nächtens funkelnden, edelsteinbesetzten Ring aus dem All beschreibt, als Vision, die nur einen Nachteil hat: sie ist nutzlos. Dass Sinclair hierbei eine psychogeografische Tradition weiterführt, die, nach ihren situationistischen Ursprüngen in den Fünfzigern, im England der Neunzigerjahre eine Renaissance erlebte, ist dem Dokumentarischen keineswegs abträglich. Eine Karte im Innenumschlag gibt zusätzlich Auskunft über die Lage von Schauplätzen aus der Literaturgeschichte, die Sinclair nun an der M25 aufsucht: Orte aus Wells' «Krieg der Welten», Huxleys «Schöner Neuer Welt» oder Bram Stokers «Dracula».
Den Abend im ausverkauften Barbican bestritten Sinclair und Freunde, einige hatten Sinclair am Asphaltring begleitet: Bill Drummond etwa, der zusammen mit seinem Partner Jimmy Cauty als The KLF mit ausgeklügelten Pop-Konzepten ein Vermögen verdiente (und später £1 Million davon verbrannte), der Filmemacher Chris Petit oder der Journalist Kevin Jackson. Nur einer kam nicht aus Krankheitsgründen: J.G. Ballard, der inoffizielle Spiritus Rector des ganzen Unternehmes. Ballard hatte mit seinen Büchern «Crash» (1973) und «Die Betoninsel» (1974) die grundsätzlichen Motive Sinclairs schon früh vorweggenommen.
Die Zukunft Englands«Die Landschaft der Autobahnen», soll Ballard in den Sechzigern gesagt haben, «ist der Ort, an dem sich die Zukunft Englands ein Gesicht gibt und diese Zukunft ist langweilig.» Iain Sinclair befindet sich mit «London Orbital» auf den Spuren dieser Zukunft, dorthin unterwegs, «wo Langeweile transzendent wird».
Die eigentliche infrastrukturelle Katastrophe Großbritanniens hat sich derweil schon längst ereignet in Form des Staugebiets London, das die M25 in festem Griff hält. Eine realpolitische Dimension hat der Stau in London spätestens erreicht, seitdem Bürgermeister Ken Livingston Anfang dieses Jahres eine «Congestion Charge», eine Gebühr von £5 pro Tag und Fahrzeug für die Benutzung der Straßen der Londoner Innenstadt vorgestellt hat, die mit dem 17. Februar 2003 Realität wird. So gesehen ist «London Orbital» ein Dokument, von dem auch der Bürgermeister lernen kann: Denn obwohl die Notwendigkeit der «Congestion Charge» von einer Mehrheit der Londoner eingesehen wird, weisen die Prognosen für deren Effekte in eine bekannte Richtung, in der aus der Lösung das Problem wird nämlich außerhalb der Mautzone.
Iain Sinclair: London Orbital. A Walk around the M25. London, New York, Granta 2002. 482 Seiten, £ 25 .