Nobelpreis für Imre Kertész :
Die Harmlosigkeit des Grauens
10.10.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Nachdem die königlich-schwedische Akademie, die jeden Herbst einen Nobelpreisträger für Literatur bekannt gibt, im letzten Jahr eine vor allem aus der Sicht der Kulturredakteure glückliche Wahl mit V. S. Naipaul getroffen hatte, löste die Entscheidung der Jury am Donnerstag nicht nur Glücksgefühle im Literaturbetrieb, sondern wohl auch bei den Lesern weltweit aus. Der ungarische Autor Imre Kertész erhielt die Auszeichnung vor allem für sein Hauptwerk «Roman eines Schicksallosen».
Er glaubt, die unerträgliche Last des Holocaust habe «nach und nach Sprachformen der Rede über den Holocaust ausgebildet, die scheinbar vom Holocaust handeln, indes sie seine Wirklichkeit nicht einmal berühren. Ist doch schon das Wort 'Holocaust' selbst für die tägliche Massenmord-, Vergasungs-, Erschießungsroutine, die Endlösung, die Menschenvernichtung ein fast sakraler Deckname.» Ursache hierfür seien Erklärungsmodelle, die sich im haltlosen Rückgriff auf einen europäischen Humanismus, der gerade in den Vernichtungslagern zerstört wurde, einer alten Sprache bedienten, die nach Auschwitz nicht mehr greifen könne.
Mit «Roman eines Schicksalslosen» erhält man wie in den Büchern Jorge Sempruns oder Primo Levis Einblick in das fürchterliche Geschehen der Lager, in die komplette Entwürdung und Entmenschlichung des Menschen. «Die unerhörte Kühnheit seines Werkes hat mit der Eitelkeit der Avantgarden nichts gemein; sie gründet überhaupt nicht in irgendeinem Kunstwollen, in irgendeiner Ästhetik, irgendeiner Theorie. Sie rührt daher, dass Imre Kertész buchstäblich nichts anderes übriggeblieben ist; sie muss für ihn eine Frage des Überlebens nach dem Überleben gewesen sein,» hat Hans Magnus Enzensberger über ihn gesagt.
1975 beendete Kertész nach 13 Jahren Mühe die Arbeit an diesem Werk. Er hatte lange nach der richtigen Form und der geeigneten Sprache gesucht, um die ihm widerfahrenen Geschehnisse zu schildern. Aus vielen Beispielen wusste er, dass in den meisten Texten, die das Thema behandeln, ein wilder Anklageton vorherrschte. Er wusste, dass es die kitschige Darstellung des Grauens und der Vernichtung gab. Zwischendurch hatte er den Eindruck, sein eigener Stil wäre wie Mondstaub, so trocken kam er ihm vor, erzählte er später. Aber es ging ihm darum, gerade die Sichtweise seines fünfzehnjährigen Ich-Erzählers so glaubwürdig wie möglich zu schildern.
Diese Harmlosigkeit, die das Grauen so grotesk vergrößert, so dass erst durch diesen Trick dessen absurde Wirklichkeit sichtbar wird: Eben dies ist der wirklich große Kunstgriff dieses Schriftstellers. Der Leser lacht womöglich über diesen schwarzen Humor. Der Leser leidet wegen der grauenvollen Art und Weise, wie Menschen massenweise betrogen, vorgeführt und ermordet werden. Der Leser schreit dem Jungen zu: Ja, siehst du denn das Unglück nicht?
Heute spricht Kertész oft von seiner Situation als Überlebender, von der Freiheit der Selbstbestimmung und der Sprache. Man fühlt sich an die Beobachtungen Frantz Fanons erinnert, wenn Kertész über sein gegenwärtiges Leben in Ungarn, und den dort weiter schwelenden Antisemitismus erklärt: «Man empfindet seine Umgebung beispielsweise auf einmal als Spuk, dabei ist man selbst es, der zu etwas Irrealem, zum Spuk geworden ist. Oder umgekehrt: Man empfindet sich selbst auf einmal als ein fremdes Wesen, dabei hat man sich nur mit der entfremdeten Außenwelt identifiziert,» so Kertész vor einigen Wochen in Berlin. Er weist damit auf einen Umstand der sprachlichen Prä-Selektion hin, der allzuoft vergessen wird und auch in den historischen Darstellungen nur selten berücksichtigt wird: Niemand hat diejenigen, die von den Nationalsozialisten als «Juden» klassifiziert wurden, jemals danach gefragt, ob sie welche sein möchten.
Mit Kertész hat schließlich auch ein Autor den Nobelpreis für Literatur erhalten, der den Holocaust heute «als globale Erfahrung, als europäisches Trauma» betrachten will: «Es wird zu einer Existenzfrage für diese Zivilisation werden, ob dieses Trauma in Form von Kultur oder Neurose, in konstruktiver oder destruktiver Form, in den Gesellschaften Europas weiterlebt.» In den Flammen der Öfen sei das zerstört worden, was man vorher als europäische Werte bezeichnet hat. An diesem «ethischen Nullpunkt» erweise sich «als einziger Ausgangspunkt gerade das, was diese Finsternis erzeugte: der Holocaust.»

