Animationsfilme aus privater Produktion: 

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Makoto Shinkai: Der Gesang ferner Sterne (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Makoto Shinkai: Der Gesang ferner Sterne
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nicht nur elektronische Musik, auch ganze Trickfilme werden heute im Wohnzimmer produziert. Diese brauchen den Vergleich mit Großproduktionen oft nicht zu scheuen.

Von Marcus Hammerschmitt

Der Japaner Makoto Shinkai träumte jahrelang davon, einen eigenen Trickfilm, ein so genanntes Anime, herzustellen. Vor zwei Jahren begann er, diesen Traum in die Tat umzusetzen. Schnell stellte sich die Arbeit an dem Film als Fulltime-Job heraus. Makoto gab seinen Brotberuf in der Computerspiel-Industrie auf und brauchte trotzdem immer noch ein ganzes Jahr, um den Film Realität werden zu lassen.

Über den Inhalt kann man geteilter Meinung sein: Die Geschichte einer jugendlichen Starship-Trooperin, die in benachbarten Sternensystemen bösartigen Aliens nachstellt, weil sie den menschlich besiedelten Mars attackiert haben, mutet zum Teil unfreiwillig komisch an. Auch ideologische Versatzstücke wie das Wiederaufleben des Samurai-Kults und die Idealisierung des Heldentods dürften nicht nach jedermanns Geschmack sein.

Ein-Mann-Mission
Unzweifelhaft ist der Film aber eine technische Meisterleistung, bis hin zu den handwerklichen Aspekten der Drehbuchdramaturgie. Makato Shinkai ist es gelungen einen ganzen Spielfilmplot in 25 Minuten unterzubringen und dabei erzählerisch konsistent zu bleiben. Umso schwerer wiegt die Tatsache, dass er – abgesehen von den Sprecherstimmen und der Musik - ganz allein für das Ergebnis verantwortlich ist. Bis jetzt hat er 10.000 DVDs seines Animes selbst verkauft – auch das keine Kleinigkeit, wenn man sich nur auf Mundpropaganda und die eigene Internet-Verbindung verlassen kann.

Ihm nachtun möchte es der Schotte Brian Taylor mit seinem «Rustboy»- Projekt. Wie bei Makoto eine Ein-Mann-Mission, die sich aus einem Hobby herausentwickelt hat. «Rustboy», der Protagonist des geplanten Films (ebenfalls auf 25 Minuten angelegt), hat seit seiner Erfindung durch Taylor vor fünf Jahren ein bemerkenswertes Eigenleben entwickelt.
Preiswerte Software
Auch Taylor investiert mittlerweile seine ganze Arbeitskraft in das Projekt und kann sich während der Produktion des Films nur durch «private Unterstützung» über Wasser halten. Er betont, dass er sein Projekt unbedingt mit preiswerten Softwarelösungen realisieren will: Infini-D und Adobe Photoshop. Die Screenshots, Trailer und sonstigen Materialien, die er auf seiner Website präsentiert, machen einen hochgradig professionellen Eindruck.

Ästhetik und Atmosphäre wirken konsistent, die tragikomische Hauptfigur balanciert auf einer messerscharfen Grenze zwischen Kindchenschema und romantischem Automatenhorror à la E.T.A. Hoffmann. Poesie, Humor und Technik – auch die Musik wirkt sehr gut integriert – gehen bei «Rustboy» eine höchst eigenwillige Mischung ein. Im Netz wird Taylors Arbeit bereits mit den Produkten der Animations-Gurus von Pixar verglichen.

Ein Held für Apple
Ungewöhnlich offen geht der Schotte mit den kleinen Geheimnissen seiner Computer-Animations-Werkstatt um. Es scheint ihm nichts auszumachen, dass genau die großen Firmen, zu denen er in Konkurrenz tritt, seine Ideen abkupfern könnten, noch bevor er mit seinem Film fertig ist.

Möglich wurde das alles durch die enorme Leistungssteigerung privat nutzbarer Computer in den letzten Jahren - und durch das Internet. Nicht zufällig ist der Computerhersteller Apple an «Rustboy» und «Hoshi No Koe» sehr interessiert – im Falle von Rustboy geht das Interesse so weit, dass auf der Website des Unternehmens eine kleine Heldengeschichte über Brian Taylor, Rustboy und natürlich über die Maschine von Apple präsentiert wird, mit der das Wunder der Privat-Animation in greifbare Nähe rückt.

Die Firma verfolgt schon seit Jahren die Strategie, ihre Produkte zum Zentrum des «digital lifestyle» anspruchsvoller Computernutzer zu machen, und das soll auch für Experimental-Videofilmer oder eben autodidaktische Trickfilmgenies gelten. Das Internet bietet Einzelgängern oder kleinen Gruppen zudem nicht nur neue Möglichkeiten zum Bezug wichtiger Softwaretools, Grafiken und Infomationen, die bei Detailproblemen weiterhelfen, sondern hilft auch bei Werbung und Vertrieb.

Avantgarde für Nischenproduktionen
Werden in näherer Zukunft die großen Computer-Trickstudios, die sich in den letzten Jahrzehnten erst ihren Platz in der Filmwelt gesichert haben, durch Heerscharen von privaten Animations-Zauberlehrlingen überflüssig gemacht? Ganz sicher nicht. Bei allen Ähnlichkeiten zu den Entwicklungen in der Musikindustrie, wo ein geändertes Produzenten- wie Konsumentenverhalten mittlerweile massiv die Gewinne einer ganzen Branche beeinträchtigt – es gibt doch auch wichtige Unterschiede.

Film ist, auch wenn er in privaten Wohn- und Arbeitszimmern hergestellt wird, ein kollaboratives Unternehmen. Sowohl bei Shinkai Makoto als auch bei Brian Taylor fällt auf, dass wesentliche Elemente ihrer Produktionen (z.B. Musik und Sprecherstimmern) nicht von den Autoren selbst, sondern von Mitarbeitern bereitgestellt werden. Genau in dieser arbeitsteiligen Organisation liegt aber der Keim zur späteren Expansion - Brian Taylor könnte schneller zu den Majors gehören, gegen die er jetzt antritt, als ihm selber lieb ist.
Versprechen der digitalen Revolution
So stolz die Ingenieure und Manager von Apple also auch darauf sein mögen, dass ihre Maschinen von Shinkai Makoto und Brian Taylor benutzt werden – wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das private Anfertigen komplexer Animationsfilme zu einem Massenphänomen entwickelt, wenn man dafür zunächst einmal seinen Beruf aufgeben muss? Der Schotte und der Japaner haben gezeigt, was möglich ist und haben eine Nische für Filmprojekte geschaffen, von denen die großen Firmen die Finger lassen, weil sie ihnen zu eigenwillig oder unkommerziell erscheinen.

Vielleicht werden auf diese Weise ja doch noch einige der Dinge war, die man sich in den Neunzigern von der «digitalen Revolution» versprochen hat. Wenn die Entwicklung so weitergeht, kann der erste privat produzierte, abendfüllende Computertrickfilm jedenfalls nicht mehr lange auf sich warten lassen.