Von Michael Maier Es ist kein Zufall, dass angelsächsische Fernsehsender - CBS und BBC - sich jetzt einer Thematik annehmen, die bis vor kurzem noch ein Tabu war: Spielfilme über Adolf Hitler. Die Überlebenden der Shoa waren bislang die wichtigsten Garanten der Überlieferung. Ihren authentischen Schilderungen künstlerische Fiktionalität entgegenzusetzen, galt als obszön. Das Thema Hitler schien einer zugespitzten Tradierungsmethodologie zu folgen. Der Einzigartigkeit des Völkermordes, insbesondere an den europäischen Juden sollte Rechnung getragen werden.
Aber die Erinnerung ist kein Monopol der bewahrenden Organisationen. Die Epoche des Nationalsozialismus bleibt präsent, die Frage nach Auschwitz und den Ursachen treibt alle um, immer noch. Klaus Manns Einschätzung, die Nazigrößen seien zu banal gewesen, um jemals zu Romanfiguren geadelt zu werden, hatte bis heute Gültigkeit. Die historische Wissenschaft und das Medium Film könnten dies ändern. Der US-Sender CBS, der sich der ersten Verfilmung von Hitlers Leben annimmt, soll, so war es jedenfalls in der New York Times zu lesen, auf der unübertroffen guten Biografie von Ian Kershaw basieren. Das wäre gut. Denn Kershaw hat, mit britischer Distanz, das vielleicht wichtigste historische Werk der vergangenen Jahre geschrieben. Er geht an Hitler realistisch heran, vermeidet jede Banalisierung, aber auch jede Dämonisierung. Er beschreibt den Diktator als einen faulen und unkreativen Kerl, der allerdings sehr geschickt auf Strömungen der Zeit zu achten versteht. Vieles, auch in der Judenvernichtung oder der Euthanasie-Welle, wird von Leuten vorbereitet, die «dem Führer entgegenarbeiten» wollen. An bestimmten Wendepunkten beschleunigt Hitler die Radikalisierung, ist ein Getriebener, der dank der diktatorischen Machtfülle durch wenige Detailentscheidungen die Verbrechen sanktioniert und beschleunigt. Aus Kershaws Perspektive gibt es viele Täter. Die deutsche Ausflucht, wie sie von einer Berliner Off-Bühne seit Jahren plakatiert wird, lautet «Nicht ich, Adolf Hitler ist es gewesen». Diese Ausflucht hält dem präzisen Blick der Wissenschaft nicht stand. Die kreativen Leuten in der Filmindustrie scheinen dies zu wittern: Es gibt viele «Stories» um Hitler herum, die nach einer Behandlung durch den Film geradezu schreien. Das ist kein unbilliges Anliegen, im Gegenteil: Das unendliche Leid, die unvergleichliche Dramatik ungezählter Schicksale, aber auch die Kraft der Liebe, Treue, Verschwiegenheit oder der Aufopferung sind es wert, tradiert zu werden. Es kann erwartet werden, dass die Behandlung des nationalsozialistischen «Stoffes» vor einem Paradigmenwechsel steht. Die historische Wissenschaft – Kershaw ist ein erster Höhepunkt – und die Künste, vermutlich zuerst der Film, werden Tabus brechen, die aus Respekt vor den Überlebenden der Nazi-Gewaltverbrechen als Schutzwall aufgerichtet worden sind. Das Maß für die Qualität der neuen Traditionsstränge wird die Haltung der Gestalter sein. Die reine Moral hat ihre ausschließliche Kraft verloren. Für die Wissenschaften haben sich Maßstäbe etabliert, die höchsten Standards genügen: Man kann heute jede Nazi-Koketterie entlarven; ein neuer «Historikerstreit» ist, nicht zuletzt aufgrund der Internationalisierung, nicht zu erwarten. Für die Kunst, die Filmkunst zumal, wird an erster Stelle stehen, dass handwerkliche Meisterschaft und die Fähigkeit zur historischen Differenzierung Hand in Hand arbeiten. Die Amerikaner werden das allein ebenso wenig zustande bringen wie die Europäer. Das Ergebnis ist höchst ungewiss, man muss mit schlimmen Entgleisungen rechnen. Neue, der Ästhetik der Konsumgesellschaft geschuldete Tabus, können verzerren und der Erinnerung schaden. Indes: Wie die Forscher sind auch die Künstler nicht aufzuhalten, die Wahrheit zu suchen. In wenigen Jahren werden neue Generationen ein völlig anderes Bild von der Welt des Adolf Hitler und seinen Gehilfen haben als wir heute. Hitler in Hollywood – ein dialektisches Phänomen mit dem Potenzial, aufklärerisch zu wirken.
|
|