26.08.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Stahlwerk in Belgien
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Während nicht nur die traditionelle Schwerindustrie, sondern auch aktuellere Branchen und Institutionen einfach verschwinden, versuchen einige Enthusiasten im Internet zu retten, was zu retten ist: Bilder.
Von Marcus HammerschmittDie allgemeine Deindustrialisierung hat in den letzten zehn Jahren Landschafts- und Sozialbrachen hervorgerufen, die für jedermann offensichtlich sind. Entlassungswellen, Werksstilllegungen, Subventionskürzungen, der Rückbau der Eisenbahn, und, wie in Ostdeutschland, die schockartige Abwicklung einer ganzen Volkswirtschaft haben nicht nur tiefe Schneisen in die öffentlichen Sozialhaushalte, sondern auch in die Landschaften und Städte selbst geschlagen.
Im Windschatten dieser Entwicklung wird häufig übersehen, dass ein ähnlicher Prozess auch «modernere» Industriezweige erfasst, die, unter enormem Innovationsdruck, und neuerdings auch unter der Wirtschaftskrise leidend, ihre eigenen «modernen Ruinen» hinter sich lassen. Diese Situation stellt Denkmalschützer vor erhebliche Probleme.
Ruinen im WeltkulturerbeIm Saarland, im Ruhrgebiet und im ostdeutschen Braunkohlebergbau (von den Überbleibseln der Wismut ganz einmal abgesehen) müssten ganze Landstriche und Industrielandschaften bewahrt und/oder rekultiviert werden, aber selbst Objekte wie die Alte Völklinger Hütte, die als «Weltkulturerbe» gelten, können aufgrund chronischen Geldmangels nur nach der Philosophie des «kontrollierten Verfalls» geführt werden. Von den Ruinen anderer Branchen ist da noch gar nicht die Rede.
Während die betreffenden Gebäude, Anlagen und künstlichen Landschaften für Millionen Menschen einmal tagtägliche Realität bedeutet haben, verschwinden sie nun fast ohne Widerstand von der Bildfläche. In dieser Situation erweist sich das Internet als wesentlicher Bestandteil eines Rettungsprogramms.
Fabriken, Waisenhäuser, GefängnisseVerhältnismäßig große Aufmerksamkeit fand vor zwei Jahren Andreas Magdanz mit seiner Arbeit zur «Dienststelle Marienthal», dem ehemaligen «Regierungsbunker» im Ahrtal. Seine Bilder stellen die einzige Dokumentation dieser mittlerweile demontierten Anlage dar, die die 3000 «wichtigsten» Westdeutschen im Falle eines Atomkriegs in einem unterirdischem Stollensystem unterbringen sollte. Andere Fotografen widmen sich weniger spektakulären, aber nicht minder interessanten Ruinen. Zwei weitere Beispiele:
Der Amerikaner Shaun O' Boyle ist über einen Job im Schiffsbau auf den Geschmack gekommen, und hat seitdem eine beachtliche Fotosammlung anlegen können, von der ein Teil auf seiner Homepage zu sehen ist. Boyles Fotoessays dokumentieren moderne Ruinen teils distanziert, teils mit morbider Begeisterung. Besonders bemerkenswert ist, dass sie sich nicht nur auf die klassische Industriekultur beschränken, sondern sich auch mit Einrichtungen wie Waisenhäusern, Psychiatrien und Gefängnissen befassen. Gerade in diesen Ruinen gelingen dem Fotografen die stärksten Bilder.
Wie gestern verlassenAn einer Zellenwand («State Hospital for the Insane») liest man Zeilen aus Swinburnes Gedicht «The Garden of Proserpine» sie wirken in ihrem Kontext wie von jemand geschrieben, der nur noch auf den Tod hofft. Auf manchen Betten liegt noch die zerknüllte Bettwäsche, im Festsaal findet sich die komplette Bestuhlung und ein zerhacktes Klavier.
In einem Waisenhaus für Mädchen («Mount Loretto Girls Orphanage») macht die penetrante christliche Ikonographie bis in den letzten Winkel klar, dass die Kinder als moralische Problemfälle betrachtet wurden, die vor verderblichen Einflüssen zu schützen waren man sieht die Nonnen gewissermaßen noch mit einem unerbittlichen Blick für die Sünde durch die Gänge irren.
Absolut gespenstisch auch die Aufnahmen aus einer nicht näher bezeichneten medizinischen Institution («Crypt»). Überall gefüllte Reagenzgläser, unbenutzte Kanülen, Gewebeproben. Ein Computerarbeitsplatz komplett mit Tastatur und Bildschirm sieht aus, als sei er eben noch benutzt worden. Hinter der Tastatur steckt sogar noch ein Autopsiekärtchen vom 24. Mai 1977, mit etwas Mühe wären auch die Name der untersuchenden Ärzte und des Toten zu entziffern.
Auf den Bildern Shaun O'Boyles erscheint die Verrottetheit der Institutionen erst durch den abblätternden Putz zur Kenntlichkeit entstellt. Dadurch wird ein Blick auf gesellschaftliche Konstellationen möglich, die im Normalbetrieb der Institutionen quasi versteckt wurden, aber erst an den Ruinen voll sichtbar werden.
Rostiger StahlHarald Finsters Projekt «StahlArt» befasst sich mit den Überresten der Montanindustrie. In Belgien, Großbritannien, Irland, Deutschland und Frankreich sammelt Finster mit seiner Kamera die Gigantentrümmer einer untergegangenen Kultur auf, die dem Betrachter erscheinen, als stammten sie von den Mayas oder den klassischen Ägyptern. Oder von einer Zivilisation, die den Planeten bereits verlassen hat. Stillgelegte Stahlwerke, Kokereien, Fabriken, Eisenbahnbrücken, Bahnhöfe das Material ist vielgestaltig und reichhaltig, aber, wie der Fotograf bemerkt, in seinem Bestand nicht nur durch Wettereinflüsse bedroht.
Man merkt Harald Finster die Empörung über den Furor des Verschwindens an, wenn er über den Abriss der Brikettfabrik Carl in Frechen schreibt: «Als ich die folgenden Aufnahmen machte, kreiste bereits die Abrissbirne und zerstörte die wunderbaren Gebäude. Eine Fotogenehmigung für das Innere der Gebäude wurde verweigert. Die Fabrik war einschließlich der Maschinenausstattung vollständig erhalten; einschließlich der dampfbetriebenen Brikettpressen und Trockenanlagen. Offizielle Statements loben das 'innovative Umnutzungs-Konzept' und ignorieren dabei vollkommen die Tatsache, dass von der Anlage lediglich einige wenige unzusammenhängende Fragmente zurückbleiben werden, anhand derer niemand in der Lage sein wird, ihre einstige funktionale Schönheit nachzuvollziehen.»
Archiv des kulturellen GedächtnissesFinster jedenfalls bemüht sich, etwas von der «funktionalen Schönheit» seiner Sujets zu bewahren und findet dabei scheinbar banales, wie die zurückgelassenen Schuhe eines Bergmanns in seinem Spind und ausgefallenes, wie die Teststrecke auf dem Dach der ehemaligen «Imperia»-Autowerke in Nessonvaux bei Lüttich offenbar der berühmten Rennstrecke auf dem Dach von Fiat in Turin nachempfunden.
Zugleich sind Tausende von Amateuren und Profis überall auf der Welt dabei, den Schrecken und die Faszination des Jüngstvergangenen (und weiterhin Vergehenden) zu dokumentieren, indem sie Fotografien der mehr oder weniger sichtbaren Überreste dem Internet überantworten: Weltraumschrott in Baikonur, abgewrackte Atom-U-Boote, Zinnminen, Kohlebergwerke, Schrottplätze für Dampflokomotiven und andere moderne Ruinen.
Zu Zeiten des auch schon wieder vergangenen Internet-Booms sprach man davon, dass das Internet sich zu einem Quasi-Gehirn unserer menschlichen Zivilisation entwickeln würde. Die Anstrengungen der Ruinenfotografen erhärten viel eher die These, dass es unser kulturelles Gedächtnis aufbewahren wird.