22.03.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Täuscht den Geruchssinn: Industrie-Burger
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Eine Reportage des amerikanischen Journalisten Eric Schlosser beschäftigt sich mit den Folgen von Fast Food auf die amerikanische Gesellschaft. Für Schlosser ist der Burger alles andere als ein Synonym für die traditionellen amerikanischen Werte.
Von Anjana ShrivastavaGibt es eigentlich etwas typisch amerikanisches an Fast Food? Überall gelten Big Macs und Chicken McNuggets als die Symbole des American Way of Life, McDonalds selbst verkauft Flaggen, auf denen die weißen Sterne durch die 50 goldenen Bögen des «M» ersetzt sind. Trotzdem bestreitet der amerikanische Journalist Eric Schlosser in seinem nun auf Deutsch erscheinenden Bestseller «Fast Food Gesellschaft. Die dunkle Seite von McFood & Co», dass zwischen der Fast-Food-Industrie und ihrem Herkunftsland irgendeine Form der Identität bestünde.
Schlosser stellt in seinem Buch die zerstörerischen Folgen von Fast Food bis ins Detail dar. Dass er die für selbstverständlich gehaltene tiefe Verbindung zwischen Big Mac und Uncle Sam in Abrede stellt, erscheint dabei verblüffend. Umso mehr, als eine ganze Reihe prominenter Amerikaner diese Verbindung herstellt, indem sie sich öffentlich zum Burger bekennt unter anderem Bill Clinton, Bill Gates und Johnny Depp.
Mobilität und UnabhängigkeitWenn es um den Burger geht, scheinen in den USA tatsächlich alle gleich zu sein: Auf einer offiziellen Website des Staates Texas etwa lässt sich nachlesen, was Todeskandidaten als letzte Mahlzeit zu essen wünschten. Die detaillierte Liste enthält beinahe ausschließlich und in großen Mengen: Cheeseburger und ähnliches. Fast Food zu essen erscheint beinahe als Bekenntnis zu einem Lebensstil, der angesichts kulinarischer Traditionen die Position des Outlaws favorisiert und jegliche Unterschiede von Klassenzugehörigkeit und regionaler Herkunft überschreitet.
Doch Schlosser warnt vor vorschnellen Schlüssen. Bei einer Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung in Berlin erklärte der Autor, noch in den Zwanzigern sei der Hamburger ein Arme-Leute-Essen gewesen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kombination Hamburger, Pommes und Coca-Cola zuerst in Kalifornien zur Ikone eines neuen Lebensstils. Das Image des Burgers war eng verknüpft mit der Idee von Mobilität und der Unabhängigkeit von den Eltern, die das Auto Jugendlichen versprach. Mit dem Burger in der einen, dem Steuerrad in der anderen Hand raste man auf dem Highway einer besseren Zukunft entgegen.
Zentralismus und BürokratieEiner blühenden Zukunft ging auch eine ständig wachsende Industrie entgegen, deren jährliche Umsätze im Augenblick auf 110 Milliarden Dollar geschätzt werden, und die außerdem die amerikanischen Essensgewohnheiten revolutionierte. Die Branche setzte eine so strikte Priorität auf die Einheitlichkeit von Standard und Geschmack, dass sie die Bestandteile ihres Nahrungsangebots landesweit homogenisierte: Ein Burger kann das Fleisch von 100 Rindern enthalten. Das unbefleckte Erscheinungsbild der Pommes Frites von McDonalds wir dadurch erreicht, dass jede individuelle Kartoffel von automatisierten Messern in einem Akt der Schönheitschirurgie von etwaigen Makeln befreit wird.
Um diese Standards zu erreichen, sind die Unternehmen der Fast-Food-Industrie als zentral gesteuerte Bürokratien organisiert. Diese geben etwa 600 Seiten starke «Bibeln» heraus, um selbst die kleinsten Details der Arbeitsabläufe in den Filialen zu regeln, und lassen Werbeslogans wie «Widerstand ist zwecklos» drucken.
Wegen dieser Strukturen und einer langen Liste anderer Gründe hält Schlosser diese Industrie gerade nicht mehr für ein typisch amerikanisches Phänomen, sondern im Gegenteil für eine Form der scheußlichen Abweichung dessen, was Amerika eigentlich ausmacht oder zumindest ausmachen sollte: Der Wille des Fast-Food-Imperiums, seine Ideale präziser industrieller Produktion Zulieferern, Verkäufern und Konsumenten zu oktroyieren, ist eine beinahe monarchistische Idee.
Essen, das die Sinne täuschtNach der Lektüre von Schlossers Buch erscheint aber vor allem eine Eigenschaft von Fast Food als unwiderlegbar unamerikanisch. Nämlich die Tatsache, dass die designte Nahrung unsere Kritikfähigkeit überlistet, die auf dem Vertrauen in unsere Erfahrung und unsere Sinneswahrnehmung basiert. Eben dieses Vertrauen, das als Grundlage des Individualismus der Pioniere so profund amerikanisch ist, zeichnete paradoxerweise auch die Gründerväter der Fast-Food-Konzerne aus.
Heute jedoch werden die Kunden einerseits durch optische Überreize dazu gebracht, mit ihren Autos bei McDonalds anzuhalten durch die familiäre Architektur, die gleichzeitig Gebäude und Werbeschild ist und vor allem durch die goldenen Bögen, die an die Brüste einer schlanken Frau erinnern sollen. Andererseits locken die Burger den Bürger durch ihren spezifischen, aber immer gleichen Geschmack, der das Produkt jahrzehntelanger Bemühungen der Lebensmitteltechnik ist. Kinder lieben dieses Essen, weil es nicht durch unbekannten Geschmack verstört und nicht gekaut werden muss. Ohne den Zusatz künstlicher Aromen würden die Burger nach wenig schmecken, erst ihre anonyme Anwesenheit sorgt dafür, dass unser mächtiger, aber unkritischer Geruchssinn getäuscht wird.
Wer ist der Globalisierer, wer der Globalisierte?Was als «Freiheit des Essens» auf kalifornischen Freeways begonnen hat, hat sich auf Konsumentenseite so inzwischen zu einem Zustand gewendet, den man durchaus als Willenlosigkeit bezeichnen kann: Die Industrie selbst zeigt sich von der Tatsache verunsichert, dass 70 Prozent der Fast-Food-Käufe spontan und ohne vorherige Absicht getätigt werden - als reflexhafte Antwort auf den visuellen Reiz des Markenzeichens.
Schlossers Buch deckt außerdem die verborgenen sozialen und ökologischen Kosten auf, die entstehen, weil die Fast-Food-Konzerne die Industrialisierung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion über jede Grenze des Logischen und Wünschenswerten hinaus geschoben haben.
Die Tatsache, dass der Monarch McDonalds mit Satellitenunterstützung die Entwicklung der großen Ballungsgebiete erforscht, weckt die Erinnerung an den McDonalds-Gründer Ray Kroc, dessen Maxime lautete: «Wir können dem Einzelnen nicht trauen, aber der Einzelne muss uns vertrauen.» Das klingt tatsächlich unamerikanisch, nämlich wie die Umkehrung der grundlegenden Prinzipien der Nation, und wirft die Frage auf: Ist Amerika wirklich Herr der Globalisierung oder vielleicht nur die erste Gesellschaft, die globalisiert wurde?
Eric Schlosser Fast Good Gesellschaft. Die dunkle Seite von McFood & Co. Riemann Verlag 2002. 448 Seiten, Euro 23,90.