Vor 50 Jahren: Rückgabe Helgolands an die BRD: 

netzeitung.deAtlantis in der Nordsee

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1952: Tristesse auf Helgoland (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 1952: Tristesse auf Helgoland
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wie bringt man eine Insel zum Verschwinden? Im Fall von Helgoland haben es die Briten nach Kriegsende mit Sprengstoff versucht. Doch der rote Felsen scheint unzerstörbar - wie die Mythen, die sich um ihn ranken.

Von Ronald Düker

Helgoland ist eine kaputte Insel. Vom Wasser aus gesehen fallen mehrere Ebenen ins Auge. Am höchsten Punkt ragt das sogenannte Oberland mit steil abfallenden Klippen bis zu 62 Meter aus der Nordsee. Auf dem tiefer gelegenen Unterland befindet sich der Hafen. Der auffällige Krater im Zentrum der Insel ist allerdings nicht geologischen Ursprungs: Mittelland entstand am 18. April 1947 durch die Detonation von rund 7000 Tonnen Sprengstoff, die die Briten in unterirdischen Stollen angebracht hatten.

Big Bang in Helgoland
Nur einem Planungsfehler verdanken die friesischen Helgoländer den Fortbestand ihrer Insel: Die Sprengmeister hatten nicht bedacht, dass der weiche Buntsandstein die Wucht der Explosion erheblich dämpfen und den angekündigten Plan der Briten, die Insel von der Landkarte zu radieren, vereiteln würde.
Der sogenannte «Big Bang» von 1947 war ein Nachklang des Zweiten Weltkrieges, in dem die einzige deutsche Hochseeinsel Helgoland eine wichtige strategische Position als Flottenstützpunkt am Eingang des Ärmelkanals einnahm. Vom Kriegsende bis 1947 hatten die Briten die evakuierte Insel als Testgelände für Bombenabwürfe genutzt und weitgehend verwüstet. Im Anschluss an die fehlgeschlagene Explosion führten Demonstrationen und eine breite öffentliche Debatte schließlich zur «Begnadigung» der Insel durch die Briten.
Insel mit neuem Gesicht
Am 1. März feiern die Insulaner in Anwesenheit der schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis und des Bundespräsidenten Johannes Rau den 50. Jahrestag der Rückgabe ihrer Insel an Deutschland. Schon die Anwesenheit solch prominenter Gäste signalisiert den Stellenwert, der dem winzigen Eiland im historischen Bewusstsein der Deutschen zukommt.

Das neue Gesicht, das der «Big Bang» von 1947 der Insel verliehen hat, hat auch eine symbolische Dimension: Mittelland ist ein in den Sandstein gemeißeltes Kriegsdenkmal und verweist zugleich auf die vielfältig gebrochene Geschichte, die sich mit der nur einen Quadratkilometer großen Insel mitten in der Nordsee verbindet.
«Je weniger Afrika, desto besser»
Stolz sind die Helgoländer noch heute auf August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der hier 1841 das «Lied der Deutschen» dichtete. Die spätere Nationalhymne wurde zum ersten Mal im Rahmen eines Staatsaktes aufgeführt, als Helgoland das erste Mal von den Briten an Deutschland übergeben worden war. 1890 besiegelte der «Helgoland-Sansibar-Vertrag» einen Tauschhandel: Die Deutschen besaßen einen Pachtvertrag für einen Teil der Festlandküste des selbständigen Sultanats Sansibar, den sie den Briten im Austausch gegen die Herrschaft über Helgoland überließen.

Die Verschiebung der kolonialen Einflussbereiche in Ostafrika war auch im Kontext des aufkeimenden deutschen Antikolonialismus zu verstehen. Die Hinwendung zur eigenen Scholle wurde von Sozialdemokraten und Linksliberalen mit dem Slogan «Je weniger Afrika, desto besser» unterstützt. Kaiser Wilhelm II. begründete die Entscheidung mit dem deutschen Interesse an guten Beziehungen zum britischen Empire und der strategischen Bedeutung, die Helgoland im Hinblick auf den im Bau befindlichen Nord-Ostsee-Kanal zukomme. Bismarck hingegen war der Meinung, dass Helgoland zu teuer erkauft sei, eine Einschätzung, die auch der englische Afrikaforscher Sir Henry Morton teilte. Er war der Meinung, dass Deutschland einen neuen Anzug für einen alten Hosenknopf hergegeben habe.

Roter Felsen, brauner Mythos
Vierzig Jahre später mögen solche Argumentationen als merkantilistische Erbsenzählerei erschienen sein. Denn unter den Nazis war man sich einig, dass es sich im Fall von Helgoland um nichts anderes handele als einen Zipfel des versunkenen Kontinents Atlantis. Bereits 1927 hatte der Kieler Theologe Jürgen Spanuth erkannt, dass der «friesisch-heidnische Kult» identisch gewesen sei mit dem «hyperboreischen Kult der Griechen». In den dreißiger Jahren folgten Veröffentlichungen des völkischen Autors Heinrich Pudor: «Helgoland-Heiligland» und «Völker aus Gottes Athem. Atlantis-Helgoland, das arisch-germanische Rassenhochzucht- und Kolonisationsmutterland.»

Heinrich Himmler ordnete höchstpersönlich unterseeische Vermessungen in der Nordsee an, die den Nachweis für die Existenz des versunkenen Kontinents erbringen sollten. Im «Bernsteinlack», mit dem Helgoland überzogen zu sein schien, hatte Himmler den «feuerähnlichen Glanz» der Burg von Atlantis wiedererkannt, von dem schon bei Plato die Rede war. Was bedeutete also schon ein Pachtvertrag in Westafrika gegen die Realität des «Kolonisationsmutterlandes».
MS Atlantis
Auf der offiziellen Helgoland-Homepage wird diese sagenhafte Geschichte mittlerweile als fremdenverkehrsgemäße Folklore kolportiert – allerdings mit ziemlich genau datierten Angaben: «'Atlantis': Nur eine schöne Legende? Einer Sage nach soll im Jahre 1200 v.Chr. 9,2 Kilometer nordöstlich von Helgoland die Königsinsel 'Atlantis' im Meer versunken sein.»

Die meisten Tagesausflügler besuchen die Insel nur für wenige Stunden. Sie interessieren sich hauptsächlich für die vielen Duty-Free-Shops, die der zollfreien Zone Helgoland auch den Beinamen «Fuselfelsen» eingebracht haben. Spätestens wenn sie auf der Rückfahrt ihre ersten Flaschen entkorken, wird den Helgolandtouristen die historische und mythische Bedeutung der Insel ziemlich gleichgültig sein. Die «MS Atlantis» bringt sie sicher ans rettende Ufer des schleswig-holsteinischen Festlands.