Hitlers Sekretärin erinnert sich:
Ein freundlicher Mann
06. Feb 2002 10:14
 | Das Image des netten Mannes: Hitler leutselig | Foto: Web |
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Die kurz nach dem Krieg verfassten Erinnerungen von Traudl Junge, Hitlers Sekretärin, erschrecken durch ihre Naivität und Distanzlosigkeit zum «Führer». Aber gerade die noch ungebrochene Begeisterung der jungen Frau macht ihr nun veröffentlichtes Buch erst als Zeitdokument interessant.
Von Andreas BockAls freundlichen, liebenswerten und charmanten Mann hat Traudl Junge mit 22 Jahren ihren neuen Arbeitgeber kennengelernt. Beim Einstellungstest, erinnert sie sich, habe er wie auf ein Kind eingeredet, das fotografiert werden soll: «Sie brauchen gar nicht aufgeregt zu sein, ich mache bei meinem Diktat selbst so viele Fehler, wie Sie unmöglich machen können.» Das war im November 1942, und Traudl Junges neuer Arbeitgeber war Adolf Hitler.
Buchstäblich «bis zur letzten Stunde», so auch der Titel von Junges Erinnerungen, hat sie als Hitlers persönliche Sekretärin gearbeitet. Diese Erinnerungen, von Junge bereits 1947 niedergeschrieben, liegen jetzt erstmals als unverändertes zeitgeschichtliches Dokument vor. Die Wiener Journalistin Melissa Müller hat Junges Erinnerungen lediglich biographisch eingeordnet.
Schwärmen für den Führer
Die Beschreibung Hitlers als freundlich, liebenswert und charmant erschreckt. Noch mehr aber erschreckt die Unbekümmertheit und Naivität, mit der sich Junge ihrer Zeit beim «Führer» erinnert. Man glaubt ihr Staunen, mehr noch: ihre Begeisterung förmlich nachzufühlen, die sie empfand, als sie Hitler zum ersten Mal «leibhaftig» gegenüber stand – und er sie mit seinem «durchdringenden Blick» ansah. Ein Schwärmen, dass sich erst während der letzten Tage im Führerbunker unter der Staatskanzlei erstmals verlieren sollte.
 | Propagandafoto Hitlers mit einer jugendlichen Verehrerin | Foto: Web |
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Bis dahin aber blieb Junge von der Figur, der Person Hitler begeistert. So sehr, dass selbst das Banalste ihr noch bewundernswert erschien: «Hitler hatte das größte Vergnügen, wenn Blondi wieder ein paar Zentimeter höher springen konnte und wenn sie ein paar Minuten länger auf einer schmalen Stange balancieren konnte. Es war eine Freude, zu beobachten, mit welchem Vergnügen Herr und Hund diese Übungen verfolgten.»
Die Banalität des Bösen
Das berühmte Diktum Hannah Arendts von der «Banalität des Bösen» hat wohl selten einen sinnigeren Ausdruck gefunden als in den Beschreibungen Junges. Immer wieder erschöpft sie sich in minutiösen Beschreibungen – die Inneneinrichtung des Führerhauptquartiers «Wolfsschanze», einer großen Bunkeranlage im damaligen Ost-Preußen, faszinierte sie dabei ebenso wie der Luxus in Hitlers Reisezug oder am Obersalzberg in Berchtesgaden. Sie war entzückt von seidenen Bettbezügen und der Tatsache, dass es fließend warmes Wasser zu jeder Tageszeit gab. Ein Komfort, der Junge auch kurz nachdenklich machte: «Ich musste daran denken, wie die anderen Züge aussahen, die vielleicht zur gleichen Zeit durch die deutsche Landschaft fuhren, kalt und unbeleuchtet, mit Menschen, die weder genug zu essen hatten, noch überhaupt einen bequemen Platz fanden – und ich hatte auf einmal ein unbehagliches Gefühl.»
Das Bewusstsein kam erst später
Für den heutigen Leser erscheint dies wie ein Hinweis auf die Deportationszüge, die jüdische Gefangene wie Vieh in Richtung Osten transportierten. Junge aber beschreibt damit lediglich die regulären deutschen Passagierzüge, erklärt Melissa Müller in einer der zahlreichen Fußnoten. Die Deportationen und auch die Gräueltaten in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern sollte Junge erst Jahre nach Kriegsende bewusst zur Kenntnis nehmen. Es ist dies nur ein Beispiel, das für viele steht, und vielleicht auch der Grund, warum Junge als Hitlers Sekretärin nie ernsthaft mit sich selbst in Widerspruch geraten ist. Rückblickend, so schreibt sie heute, irritiere sie ihre Nähe zum Menschen Hitler, wie auch ihr Schweigen, ihre Bereitschaft zu glauben und zu übersehen. Unmittelbar nach dem Tod Hitlers traf Junge in Berlin einen KZ-Häftling, der noch seine gestreifte Häftlingsuniform trug. In ihrem Tagebuch sollte sie dazu Jahre später anmerken: «Ich hatte Himmlers Wort noch im Ohr, der von wohlorganisierten Arbeitslagern gesprochen hatte. Aus heutiger Sicht ist das kaum vorstellbar, aber ich habe diesem Häftling damals keine Fragen gestellt. Und ich habe vor allem mir selbst keine Fragen gestellt.»
«Du warst doch noch so jung»
Im Deutschland nach 1945 wurden aber auch Junge selbst kaum Fragen gestellt. «Du warst doch noch so jung», nahmen die anderen sie in Schutz, entschuldigten, dass sie bis zum Ende an Hitler «glauben wollte». Erst in den Sechzigerjahren bemerkte Junge die Gedenktafel für Sophie Scholl in der Münchner Franz-Joseph-Straße. Sophie Scholl wurde im gleichen Jahr hingerichtet, als Junges Leben bei Hitler so richtig begann. «Sophie Scholl war ursprünglich auch ein BDM-Mädchen, ein Jahr jünger als ich, und sie hatte sehr wohl erkannt, dass sie es mit einem Verbrecherregime zu tun hatte. Mit einem Mal kam mir die Entschuldigung abhanden», schreibt Junge. Die Erinnerungen von Traudl Junge erschrecken in ihrer Naivität und Distanzlosigkeit. Aber sie vermögen vielleicht auch zu erklären, was viele Menschen im «Dritten Reich» gedacht haben: Sie wollten weder sehen noch wissen, und haben doch mitgemacht – und so den Holocaust erst ermöglicht. Für Traudl Junge spricht, dass sie heute sehen und auch wissen will.
Traudl Junge: Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben, unter Mitarbeit von Melissa Müller, Claassen Verlag, München 2002, 272 Seiten, 19 Euro.