Erinnerungsort Führerbunker:
Verdrängung schuf den Mythos Hitler
19. Nov 2001 07:45
 | Ein alter, gebrochener Mann | Foto: nz, scan |
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Hitler in seinen letzten Tagen: Ein sabbernder, hilfloser Mann, voller Angst vor den Russen. Und ganz anders, als der Mythos ihn überliefert. Joachim Fest hat ihn beschrieben.
Von Andreas BockIm Frühjahr 1997 konnte man in den Vereinigten Staaten eine hässliche Zeitungsanzeige finden. Sie zeigte zwei Personen, ein Opfer des Holocaust und einen SS-Mann. Unterschrieben war das Bild mit der Frage: «Raten Sie mal, wer eine Rente bekommt?» Es sollte weitere vier Jahre dauern, bis sich die deutsche Stiftungsinitiative auf eine finanzielle Wiedergutmachung zumindest für NS-Zwangsarbeiter einigte.
Der Umgang mit der Vergangenheit der Jahre 1933 bis 1945 ist in Deutschland noch immer problematisch. Verdrängung und Verleugnung haben nur langsam einer offenen Auseinandersetzung Platz gemacht. In diesem Sinne ist der Führerbunker unter der Reichskanzlei in Berlin ein stimmiger Erinnerungsort. Hier endete am 30. April 1945 mit dem Selbstmord Hitlers, was doch keinen Abschluss finden kann: das «Dritte Reich». In seiner Betrachtung für das dreibändige Werk «Deutsche Erinnerungsorte» deutet Joachim Fest den Führerbunker darum als das Menetekel einer gescheiterten Flucht vor der eigenen Vergangenheit.
Hitler, ein gebrochener Mann
Nachdem die Reichskanzlei 1946 von der Roten Armee gesprengt worden war, wurde der Platz in den folgenden Jahren planiert und in ein flaches Ödland verwandelt, das «nichts sagte, nichts bedeutete», wie Fest kürzlich im Münchner Literaturhaus erklärte. Auf diesem Gelände sollte mit dem Bau der Berliner Mauer die Teilung Deutschlands sichtbar und greifbar werden. Und hier sollten, 45 Jahre nachdem sich Hitlers Wille zum totalen Krieg an gleicher Stelle vollendet hatte, die Menschen den Fall der Berliner Mauer tanzend feiern. In den letzten Tagen Hitlers im Bunker war vom Pathos und den Phantasmagorien des «Tausendjährigen Reichs» nichts mehr zu finden. Fest zeichnet ein anderen, unbekannten Hitler, nicht den herrischen, brüllenden «Führer», sondern das Bild eines gebrochenen Mannes mit schweren Säcken unter den Augen. Der Speichel sei ihm aus den Mundwinkeln gelaufen, und seine Uniform mit Speiseresten verunreinigt gewesen. Mit dem Kopf zwischen den Schultern, erklärte Fest, sei Hitler «wie eine Schildkröte» durch die gigantische Bunkeranlage geschlurft.
Falsche Bilder
Dieses Bild ist neu, auch wenn es eigentlich nicht neu sein sollte. Man ertappt sich dabei, wie man die eigenen Vorstellung aus Schulbüchern und Fernsehen zusammensucht, um überrascht festzustellen: So hat man Hitler nie dargestellt gefunden. Als Wahnsinnigen, ja, als Monster, Teufel oder Personifikation des Bösen, nie aber als gebrochenen, verzweifelten Menschen. Dies aber war er und dies deckt Fest auf. In einer prosaischen, fast nüchternen Sprache, die sich jeden Mitleids enthält, beschreibt er den Niedergang eines Manns und eines Systems, auf den, zumindest in West-Deutschland, ein allgemeiner Aufschwung folgen sollte, der ohne Reflexion und Auseinandersetzung mit dem Gewesenen stattfand. Wie Alexander und Margarete Mitscherlich in ihrer Studie «Die Unfähigkeit zu Trauern» zeigten, verwandte der Westteil Deutschlands alle Energie darauf, sich ohne einen Blick zurück auf die Zukunft zu konzentrieren. Aus «Made in Germany» wurde ein Qualitätsmerkmal, worüber man hierzulande ganz vergaß, dass es einmal als Warnung vor deutschen Produkten eingeführt worden war. Die Verdrängung aber fand auch jenseits der Mauer statt, darauf weist Fest ausdrücklich hin.
Verdrängung in West und Ost
Was im Westen das Wirtschaftswunder war, sollte im Osten der «Antifaschistische Schutzwall» werden. Dort ging man mit steigender Kaufkraft, hier «mit Planierraupen» gegen die Geschichte vor, so Fest. In Deutschland wurde so die Grundlage für den Mythos Hitler geschaffen, den man nicht sabbernd oder gebrochen erinnert. Eben dies hatte Propagandaminister Joseph Goebbels nur wenige Tage vor Hitlers Tod bereits vorausgesehen, wie Ian Kershaw in seiner Hitler-Biographie zitiert: «Geht es nicht gut und würde der Führer in Berlin einen ehrenvollen Tod finden und Europa bolschewistisch werden – in fünf Jahren spätestens wäre der Führer eine legendäre Persönlichkeit und der Nationalsozialismus ein Mythos.»
Restlose Tilgung
Am Ende hatte Hitler daher nur noch eine Sorge: nicht dem Gegner in die Hände fallen. Er wolle «nicht im Tod entehrt werden», erklärte er einen Tag vor seinem Tod im Führerbunker. Klare Anweisungen habe er darum hinterlassen, so Fest. Seine Leiche und die Eva Brauns sollten bis zur Unkenntlichkeit verbrannt werden. Die sterblichen Überreste Hitlers nahm die Rote Armee an sich. Auf Beschluss der KPdSU wurden diese im März 1970 vollständig verbrannt und zu Asche zerstampft in einen Fluss geworfen. Vielleicht aber, überlegt Fest zum Schluss, sind Hitler und sein Bunker gerade deswegen noch immer so präsent, weil man sie so restlos aus der Geschichte tilgen wollte.
Andreas Bock ist Politikwissenschaftler und freier Journalist.