Wissensgesellschaft:
Erst wenn das letzte
Bit geschützt ist
17. Okt 2001 08:49
Das menschliche Genom und die Inhalte des Internet haben eines gemeinsam: Als Information unterliegen sie zunehmend dem Zugriff durch Unternehmen. Die Konferenz “Wizards of OS” widmete sich in Berlin der intellektuellen Verteidigung der digitalen Allmende.
Von Ulrich GutmairCraig Venters Propaganda hat bestens funktioniert: Im Juni letzten Jahres verkündete der Wissenschaftler, seine Firma Celera habe das Genom entschlüsselt. Im Februar 2001 publizierte Celera erste Ergebnisse, die allerdings offenbarten, was mancher bereits vorher ahnte. Venters Erfolg wäre ohne die Arbeit des zum Teil öffentlich finanzierten Human Genome Projects nicht möglich gewesen.
Seit 1990 hatten 20 Forschungsgruppen verschiedener Länder das menschliche Erbgut Stück für Stück sequenziert und auf der so genannten GenBank der Fachwelt zugänglich gemacht. Venters Forscher konnten sich diese Ergebnisse im Wettlauf zwischen Celera und dem Human Genome Project zunutze machen, der von Venter auch zum Kampf zwischen öffentlichem Sektor und Privatwirtschaft stilisiert worden war.
Öffentlich finanziertes Eigentum
Daher muss es als Ironie erscheinen, dass Venters Unternehmen zwar von den öffentlich zugänglichen, mit staatlichen Geldern finanzierten Forschungen profitierte, nun aber die Distribution der eigenen Ergebnisse kontrolliert, und damit weitere Forschung behindert.
Dieser Kampf ums Genom verdeutlicht dreierlei: Die Kontrolle von Informationen stellt erstens in der vernetzten, digitalisierten Gesellschaft den wesentlichen Faktor wirtschaftlicher und politischer Macht dar. Zweitens ist es völlig unerheblich, ob es sich dabei um Informationen wie Celeras Gensequenzen, auf Napster getauschte digitalisierte Musik oder um die Bilder der Petersburger Eremitage handelt, die urheberrechtlich geschützt auf Bill Gates’ Bilddatenbanken lagern. Drittens muss neu definiert werden, wo die Privilegien von Informationsbesitzern aufhören, und das Recht der Öffentlichkeit auf freien Zugang zu Informationen anfängt.
Wie soll die neue Wissensordnung aussehen?
Im Augenblick tendiert die Gesetzgebung auf Druck der großen Unternehmen dazu, die Privilegien, die Einzelnen oder Körperschaften etwa durch das Urheberrecht zugestanden werden, als natürliche Eigentumsrechte zu behandeln, und die Public Domain, das digitale Allmende, erheblich einzuschränken.Diesen fundamentalen Fragestellungen widmete sich am letzten Wochenende «Wizards of OS». Die bereits zum zweiten Mal in Berlin abgehaltene Konferenz beschäftigte sich unter dem Motto «Offene Kulturen und Freies Wissen» mit der Frage, wie die neue Wissensordnung aussehen soll, die derzeit entsteht.
Vielfältige Bedrohung
Neben Problemen der Bioinformatik und des Copyright ging es dabei immer wieder um die Gefahren, die dem einstmals von Regulierung relativ freien Raum des Internet etwa durch Handelsabkommen wie die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Hague Convention, aber auch durch Maßnahmen gegen Cyberverbrechen drohen. Die selben Problemstellungen treten auf, wenn etwa der Patentschutz auf Medikamente die kostengünstige Versorgung von AIDS-Patienten in der dritten Welt erschwert.
Patente auf Gene wie im Fall des Brustkrebsgens BRCA1, das der Firma Myriad Genetics «gehört», verhindern wiederum den Fortschritt in der Forschung. In einer kürzlich formulierten Empfehlung der Europäischen Kommission heißt es bezüglich solcher Fragen gar, «der Gesundheit sollte keine Priorität über geistiges Eigentum eingeräumt werden.»
Fehlendes Bewusstsein
Der amerikanische Verbraucherschützer James Love machte deutlich, wie viel Wissen nötig ist, um differenzierte Modelle zu entwickeln, die die Notwendigkeit massiver Investitionen für Forschungen im pharmazeutischen Bereich ebenso berücksichtigen wie die Interessen der Allgemeinheit. Er schlug unter anderem Steuern auf Gewinne vor, die durch Patente erzielt werden. Mit diesen Geldern könnten dann etwa Medikamente für Krankheiten entwickelt werden, die so selten sind, dass sie für die kommerzielle Pharmaforschung uninteressant sind.
 | Rechtsgelehrter Boyle: Die Public Domain schrumpft ständig | Foto: Web |
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Noch fehlt der so genannten Wissensgesellschaft das Bewusstsein darüber, dass die Public Domain ständig von mächtigen Partikularinteressen bedroht ist. Daher fehlen auch Organisationen, die analog zur Umweltschutzbewegung für den Bestand der Public Domain eintreten.
Politische Ökonomie der Information
Diese Analogie des amerikanischen Juristen James Boyle schien sich als Leitfaden durch die Konferenz zu ziehen. Boyle behauptet, das Umweltbewusstein konnte in den Fünfzigerjahren erst erwachen, als die Idee popularisiert worden war, dass die «Umwelt» ein komplexes, geschlossenes System darstellt, in dem jeder Bereich mit dem anderen zusammenhängt. Während das Manko eines einheitlichen verständlichen Begriffs für die Public Domain allgemein erkannt wurde, war man sich auf der Konferenz aber darüber uneinig, wie notwendig eine mächtige Organisation zum Schutz des «Wissensallmendes» ist. Die Interessenlagen und politischen Ansätze von Open-Source Programmierern, Nerds, Wissenschaftlern, Verbraucherschützern und anarchistischen Hackern sind offenbar zu unterschiedlich, um aus der Forderung nach einer politischen Ökonomie der Information eine gemeinsame Strategie ableiten zu können.