68er gegen 77er
14. Mai 2001 09:13
 | San Francisco 1968: Individuelle Befreiung in der Hippiekommmune | Foto: Chuck Gould/diggers.org |
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68 war eine große Lockerungsübung, nur im Kapitalismus ließ sie sich verwirklichen. 77 war Punk und Stammheim, das Tribalistische, das aus der Welt fiel. Verbunden haben sich 68er und 77er nicht.
Von Diedrich DiederichsenMan muss sich 1968 als eine Epoche vorstellen, die in den Fünfzigerjahren begann und noch nicht zu Ende ist. Als einen kulturellen Transformationsprozess, der vielleicht ins Stocken geraten, aber noch nicht vollendet ist. Als eine große, ziemlich erfolgreiche bürgerliche Revolution.
Solange Repression und Todesstrafe, Straflager für Jugendliche und kommerzielles Gefängnissystem sowie «Lebenslänglich» als zwingende Strafe bei einer dritten Verurteilung in den USA die Regel sind, erscheint aber selbst der Erfolg versprechendere Teil dieser Revolution fragwürdig. Dennoch hat die Lockerungsepoche 68 auf anderen Feldern immer noch historischen Rückenwind und die geschichtsteleologische Legitimität auf ihrer Seite. Wie die letzte Sequenz bürgerlicher abendländischer Umwälzungen zwischen 1776, 1789 und 1848 basiert sie auf irreversiblen ökonomischen, politischen, kulturellen und wissenschaftlich-technischen Veränderungen, die ihr das Gefühl geben, auch gegen Rückschläge historisch im Recht zu sein.
Mit 68 den Kapitalismus verbessern
Gegen den alten Kapitalismus aus protestantisch-arbeitsethischem Geist setzte 68 einen kreativ-hedonistischen Kapitalismus. Dem repräsentativen Parlamentarismus, seinen Hierarchien und großen staatlichen Bildungs- und Disziplinierungsinstitutionen entgegnete man wiederum einen Kommunitarismus der Unmittelbarkeit, des Du-Sagens und der Überschaubarkeit. Man entdeckte die Lockerung als Produktivkraft, die flache Hierarchie als Arbeitsorganisation, die Boheme als kulturelle Kommandozentrale - und schließlich auch die Sexualität, das Andere, den Blues als produktive Erweiterungen des Bestehenden. Das bürgerliche Individuum wurde reicher und größer, gerade auch an Innenleben, an Vorstellungen und Lebensmöglichkeiten.
Gammeln statt Disziplin und Ordnung
Aber wieso sollen gerade die 68er bürgerlich gewesen sein? Waren sie nicht Anarchisten und Kommunisten? Das waren sie auch. Die alte bürgerliche Welt hat in knapp zwei Jahrhunderten Hierarchien, Disziplinarregime und Pflichterfüllungsgehorsam hervorgebracht.
 | Rudi Dutschke, die bessere Zukunft fest im Blick | Foto: Deutsches Historisches Museum |
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Sie hat die Welt mit Rassismus und Faschismus überzogen, um diese wiederum mit anderen Totalitarismen und Unterwerfungskulturen zu bekämpfen. Sie hat Kolonien ausgeplündert und ihre Untertanen in Fabriken und Kasernen gejagt.
Den Bruch mit dieser Welt wollten die Akteure von 1968 von Herzen. Besonderen Grund dazu hatten sie in Deutschland. Obwohl dieser Bruch der Ökonomie des Kapitalismus langfristig in den Kram passte, war dieser Übergang vom einen in den anderen Kapitalismus schwer genug durchzusetzen.
 | Alle reden vom Wetter. Wir nicht! - SDS 1973 | Foto: web |
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Die 68er mussten sich mit allen Feinden dieser alten, immer zum Faschismus bereiten Welt der Polizisten und Generäle verbünden. Ja, sie mussten selbst zu diesen Feinden werden. So gerieten sie vorübergehend in alle möglichen militärischen Logiken, ja sie wurden für zwei, drei Jahre in ihrer Mehrheit zu Kommunisten.
Die hedonistische Hausse
Man hatte erlebt, wie die bürgerliche Klasse Jahrhunderte lang das Werk der Aufklärung nur durch Disziplinierungen, Unterwerfungen, Kriege und Kasernen durchsetzen konnte, und dem hatte man nun etwas entgegen zu setzen. Nicht von unten, sondern aus dem Kern der Klasse und aus dem Kern des aufklärerischen Anliegens selbst: einen Kapitalismus, der Spaß macht, eine Produktivität, die die Seele nicht beleidigt. Eine hedonistische Hausse. Ein Mehr an Glück und Lebensmöglichkeiten, das sein durfte, weil es ein Mehr an Markt, eine begeistertere Produktivität mit sich brachte.
Das Ende der Ausbeutung
Aber natürlich war und ist diese bürgerliche Revolution nicht vollständig - denn sie ist ja eine bürgerliche und befreit im besten Falle nur diese Klasse. Dementsprechend ist die Spaltung, die durch die Menschheit geht, nur größer geworden, die ökologischen und kulturellen Kosten dieser bürgerlichen Entfaltung sind ins Unermessliche gestiegen. Der südliche Rest der Welt wird nun nicht einmal mehr ausgebeutet. Stattdessen muss er froh darüber sein, wenn er die textilen Träger der zeichenhaften Distinktionssymbole der Ersten Welt für 30 Pfennig am Tag produzieren darf.
Global Village
Diese Unvollständigkeit wirft aber nicht nur von außen einen Schatten des Unrechts auf die bürgerliche Glückssuche, sie betrifft auch die Innenseite: Wert und Verwertung, das Schmieröl des Kapitalismus, die Bedingung der schnellen Durchsetzung und Verwirklichung aller Träume, bürgen gleichzeitig für die fortgesetzte Entwertung dieser Träume als rein ökonomische, bezahlbare und im wahrsten Sinne austauschbare Erfahrungen.
 | 1968: Für mehr Spaß bei der Arbeit | Foto: web |
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Oft ist der Weg zur Ware als Niedergang eines eigentlich anders gedachten 68 beschrieben worden. Doch eben dieser Weg ist natürlich die Bedingung des Erfolges von 68. Die Erweiterung der Lebensmöglichkeiten war gebunden an einen warenhaft vermittelten und nur dadurch internationalen und beschleunigten Austausch. Die Bilder der Utopien konnten nur so flutwellenartig die sedimentierte, repressive alte Bürgerlichkeit wegschwemmen, weil sie an global zirkulierende Waren gebunden waren.
Die Entwertung des bürgerlichen Traums
Was aber ist eigentlich so schlimm an Wert und Warenform? Die Ware beleidigt gerade die bürgerliche Idee individueller Entfaltung, sie beleidigt die Residuen ungeklärter oder metaphysischer Subjektivitätsvorstellungen. Der Bürger hält viel darauf, dass sein Traum sich nicht gegen jeden anderen tauschen lässt. Und natürlich hat dieses bürgerliche Gefühl, das Angst vor der Totalität der Warengesellschaft hat, vollkommen recht. Nur zu dumm, dass alles, was der Bürger gegen die Warengesellschaft entwickelt, diese nur optimiert. So hängen Erfolg und Dementi von 68 an Warengesellschaft und Kapitalismus. Nur gegen Kapitalismus war 68 denkbar, nur als und im Kapitalismus ließ es sich verwirklichen.
1977, Jahr von Punk und Stammheim
Als aber - wenn nicht explizit politisch, so doch gefühlsmäßig - klar geworden war, dass eine andere Welt erst einmal nicht zu haben war, entstand eine Gegenbewegung zu 68, nennen wir sie, nach ihrem auffälligsten Datum, 77: nach dem Jahr von Punk und Stammheim. Dies war die Korrektur von 68. Zum einen versuchte sie die politischen Defizite zu stopfen. Nun erst begannen, von K-Gruppen-Ideologien gereinigt, fruchtbare Kontakte zu den Ausgeschlossenen, wurden Waffen für El Salvador gesammelt. Nun entstand erst in den Metropolen ein Linksradikalismus, der sich in der Gegenwart und in seinen Lebensformen über sein politisches Programm Klarheit zu verschaffen suchte, frei von alten parteikommunistischen Parolen.
 | Fahndungsplakat 1977 | Foto: baadermeinhof.com |
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Zum anderen begann aber auch gleichzeitig eine große philosophische Revision: Vernunftkritik. Abschied vom Freudo-Marxismus. Gulag-Katzenjammer. Stammheim. Überall und auf allen Niveaus entstanden kleine Zellen schwarzer Romantiker und Nihilisten, auch rechte Positionen wurden erstmals wieder versucht. 77 steht in diesem Entwurf für alles, was 68 vergessen, versprochen aber nicht gehalten hatte, von Rechts wegen hätte einschließen müssen, aber beiseite geschoben hat - kurz für alles, was eine bürgerliche Revolution, auch eine verbesserte, nicht leisten kann.
Die Parallelwelten von 68 und 77
77 hat die Defizite von 68 aber nur kulturell und lebensweltlich erfahren und in eine Gegenkultur übersetzt, nicht aber politisch verstanden und verarbeitet.
 | Ulrike Meinhof | Foto: web |
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So entstand eine oft romantische und antipolitische Gegengegenkultur, wenn mann denn 68 selbst als eine Gegenkultur verstehen will und nicht nur als den als Gegenkultur verkleideten Weltgeist, der nur verwirklichte, was das herrschende System eh verlangte.
Im Gegensatz zu 68 wurde 77 aber nie hegemonial. 68 ging weiter bis heute. 77 auch, aber darunter, daneben. Man kann sich seitdem eines von beiden aussuchen.
Keine Atempause, Geschichte wird gemacht
68 war dabei vor allem immer eines: nämlich hell, global und universal. In allem, was 68 tat, leuchtete das Licht der Aufklärung. 77 war dagegen dunkel und verbiestert. Zurecht verbiestert, aber das hilft ja nicht. Die Geschichte hatte man nicht auf seiner Seite. Und wenn man noch politische Ideen hatte, dann ohne genaue Zielvorstellungen oder Utopien. Stattdessen setzte man auf Mikropolitik und kleine Fluchten. Oder man gab einer Verweigerung den Vorzug, die in keiner Richtigkeit mehr aufging, die sich aus dem falschen Gegenüber ergeben hatte. 77 war unverständlich und wollte es sein. Man wollte Kommunikation erschweren, Geschichte verlangsamen, sich allenfalls dahingehend verständigen, dass man sich nicht verständigen wollte.
77, die Romantik von 68
77 war die Romantik zur Aufklärung von 68. Sid Vicious war sein Novalis. Er fand heraus: My Way - das bürgerliche Evangelium - endet bei Tod und Selbstmord, wenn man es zu Ende denkt.
 | Sid Vicious und Nancy Spungen | Foto: web |
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Punk ist die Chiffre für ein Sammelsurium, das von verbessertem Linksradikalismus bis zu heroischem Nihilismus reicht. Als Romantiker hatten die 77er ein anderes Verhältnis zu ihren Einstellungen als ein Rationalist - der das für falsch Befundene leichten Herzens und erfreut über neue Einsichten abstreifen konnte. Die 77er wurden zu Tribalisten - alles, was sie hatten, war die Möglichkeit, sich unter einem unverständlichen Symbol zusammenzurotten.
Die Arbeit am kleineren Übel
68 schritt währenddessen weiter voran. Von Kommunikationsutopie zu Kommunikationsutopie. Von Woodstock über Habermas zum Internet. Die eigentlich auch 77 geborenen Grünen gliederten sich ein. Fundis und Exzentriker verschwanden, linker Radikalismus und ökologischer Eifer wurden ins irrationale Aus gedrängt.
 | Ironische Affirmation des Kapitalismus: Cover der Popgruppe Heaven 17 | Foto: Heaven 17 |
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Mittlerweile gibt es keine glühenden Vertreter von 68 mehr. Alle, die nicht bei Luhmann weiter nach Licht suchen, haben sich zwischen 77er Nicht-Positionen und Ironie eingerichtet. Dies ändert aber nichts daran, dass wir alle beruhigt darüber sind, dass irgendwo und irgendwie Bürgerlichkeit und Aufklärung und 68 weiter voranschreiten. Es ist doch immerhin ein kleiner Trost, dass trotz aller Ausschlüsse, aller Mängel und Defizite und dem Weg in die totale Diktatur der Ware wenigstens die 68er immer noch da sind, Puste haben und immer noch kleinere Übel wählen und sich durch die Welt wurschteln.
Pop, das Update von 68
Pop war dann noch einmal ein Versuch, wo auch Romantiker ins Helle finden konnten. Hier traf sich noch einmal die Kommunikationsutopie der 68er mit den verstockten Tribalismen der 77er. Pop war nicht aufdringlich vernüftig und doch global und hell und für alle. Das war eine Option der 80er Jahre. Pop bot aber auch die Chance für eine negative Synthese: Hedonistischer Kommunikations-Kapitalismus und verstockt-irrationale Grenzerfahrungsromantik konnten hier im Stumpfen zusammenkommen. Spaßkapitalismus wurde gebacken und die bürgerliche Klasse weitete sich im Namen von Spaß und Pop noch einmal.
All das war aber eigentlich immer noch 68 und ist es bis heute: Revidierbare rationale Positionen, eine harsch verpanzerte Erste Welt, die bald alle nichtproduktiven Nichtbürger ausweisen wird. Im Inneren gibt es eigentlich nur noch eine Klasse, mit großen Fallhöhen und endlosen Aufstiegsmöglichkeiten. Arme gibt es innerhalb der Festung schon nicht mehr, nur Pizza-Boten, die irgendwie auch noch zum Bürgertum gehören. Und Obdachlose und Junkies, die nur noch Rand sind, keine eigene Gruppe mehr bilden. Um so verzweifelter der Versuch der 77er, immer wieder Zusammenrottungen zu bilden und Kanäle zu verstopfen. Das Ende der Option «Tribe» war sicher die ebenso klandestine Zusammenrottung der neuen Nazis - oder ist das nur die ultimative Erpressung durch die 68er, zurück in die freundlich-kommunikative Welt zu finden?
Sprung aus der Geschichte
Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit, 68 zu verstehen, eine weniger zwangsläufig geschichtsphilosophische. 68 war nicht nur der Weg, der von der Disziplin fordistischer Industrieproduktion zum lockeren Spaßkapitalismus von heute hinführte. 68 war auch der Versuch, aus diesem geschichtlichen Prozess herauszuspringen - und das geht eben nur, wenn ein Regime sich lockert, wandelt oder wankt. 68 hat diesen Übergang als Mittel ergriffen und wollte eben doch mehr, nämlich alles. 68 wollte ein letztes Mal tatsächlich wagen, die Zwangsläufigkeit einer Geschichte, die sich nur noch in der bürgerlichen Klasse und nur noch unter verschiedenen Kapitalismusmodellen abspielt (von denen das neuere manchmal sogar wirklich das bessere sein mag), zu verlassen. Das ist zunächst gescheitert.
Ewiger Widerspruch
77 richtete sich in diesem Scheitern als ewiger Widerspruch ein, der selbst Geschichte auch gar nicht mehr sieht. Nur noch gegen Hippies konnten Punks sein, denen sie übel nahmen, bei etwas Großem gescheitert zu sein und immer noch auf der Bühne der Geschichte herumzulaufen, zu der man uns 77er schon nicht mehr zulassen würde. Heute sind die Horizonte noch kleiner geworden. Den Sprung aus geschichtlichen Mechanismen gibt es heute nur noch in Nächten und Besinnungslosigkeiten. Ohne ihn geht aber nichts. Wohl nicht einmal eine kleine Reform, wie das Beispiel von 68 gezeigt hat.
Diedrich Diederichsen wurde 1957 in Hamburg geboren. Er schreibt u.a. in «Texte zur Kunst», «Die Beute», «tageszeitung» und veröffentlichte mehrere gesellschaftstheoretische Bücher. Einen ganz anderen und wesentlich kürzeren Text über dieses Thema publizierte Diederichsen in der Süddeutschen Zeitung.