Freie Software: 

netzeitung.deErfolgreicher Kommunismus?

 Herausgeber: netzeitung.de

Was als belächelte Initiative von Freaks begann, erscheint inzwischen selbst der Bundesregierung als Produktionsform mit vielen Vorteilen: Freie Software. Offen bleibt die Frage, ob sie tatsächlich das utopische Versprechen auf eine andere Form des Wirtschaftens einlösen kann.

Von Sabine Nuss

«Ein Kommunismus, der funktioniert» – so überschrieb die Berliner Zeitung Ende 1999 einen Artikel über den internationalen «Linux-Demo-Day». Kurze Zeit später widmete sich auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung dem Thema und lobte Linux als ein «erfolgreich vermarktetes Betriebssystem», dessen Offener Code die Software-Entwicklungsmethode der Zukunft sei. Linux – ein erfolgreich vermarkteter Kommunismus?

Freie Software (FS) ist seit einiger Zeit beliebtes Projektionsfeld für alle möglichen gesellschaftspolitischen Visionen. Während die einen darin die Keimform einer Gesellschaft fernab von Kapitalismus sehen, betonen andere ihre Vorbildfunktion auf dem Weg zur Dienstleistungsgesellschaft.
Dezentral, kooperativ, hierarchiefrei
Was hat es also mit FS auf sich, dass sie die Gedanken so zum Tanzen bringt? Zum einen ist ihre Produktionsweise dezentral, kooperativ und weitgehend hierarchiefrei. Sie beruht zum größten Teil auf unbezahlter, sagen wir es schöner: freiwilliger Arbeit. Ihre Programme unterliegen Lizenzen, wie beispielsweise der GNU General Public License (GPL), die unter anderem vorschreibt, dass der Quellcode frei und jederzeit verfügbar bleiben muss.

FS ist also so ziemlich das Gegenteil von Kapitalismus: es gibt keine Lohnarbeit, keinen Gewinn, kein Privateigentum. Regel Nummer eins im Kapitalismus aber ist: Wenn ich etwas verkaufen will, muss es das Gegenteil von «allen frei zugänglich» sein, Knappheit ist Voraussetzung.

Mit Freier Software die Profitrate erhöhen
Dennoch entzieht sich FS nicht der kapitalistischen Verwertung. Mit den Schwierigkeiten beim Verkauf ist nur eine Seite des Verwertungszusammenhangs «verwundet», nämlich jene, die in der Zirkulation stattfindet. In der Produktionssphäre kann Freie Software hingegen als kostenloses Produktionsmittel eingesetzt werden, was im Vergleich zur Verwendung proprietärer Software, die bezahlt werden muss, sogar die Profitrate erhöht.

Zum anderen kann FS auch verkauft werden, nämlich sobald zusätzliche Arbeit wie Support in das Produkt einfließt. Verwertet hat sich dann das vorgeschossene Kapital für die Arbeitskraft und die Produktionsmittel für Handbücher und/oder CD-ROMs. Die FS hat sich so zwar nicht selbst verwertet, sie bildete aber die Grundlage für einen Verwertungsprozess.

Die Schranke der Materialität
Dass FS überhaupt auf (relativ) breiter Basis produziert werden kann, hat zur Voraussetzung, dass ihre Produktionsmittel – PC und Netzzugang – in den entwickelten kapitalistischen Ländern billig zu haben sind (in den meisten Entwicklungsländern sieht dies erheblich anders aus.) Dass die Produktionsmittel für FS so billig sind, liegt daran, dass es sich hier um «Informationsprodukte» handelt: das Produkt ist die Information (das Programm), materiell ist lediglich der Träger der Information.

Die Bearbeitung, Speicherung und das Kopieren von Information sind aber relativ einfach, mit wenig Material- und Arbeitsaufwand verbunden und dadurch billig geworden. Ganz anders sieht es aber bei materiellen Produkten aus.

Ein Auto zu bauen, erfordert erheblich mehr Aufwand an Produktionsmitteln (und damit auch an Kosten), als ein Software-Tool zu programmieren: ein PC steht auf vielen Schreibtischen, eine Montagehalle mit Maschinen kann sich nur eine Autofirma leisten. Insofern findet der Traum, die Produktionsweise von Freier Software auf den Rest der Welt zu übertragen, an der materiellen Produktion ihre Schranke.
Auch Selbstentfaltung will finanziert werden
Schließlich wird von den Befürwortern Freier Software geltend gemacht, dass die Produktion von FS durch «Selbstentfaltung» charakterisiert sei: Motivation zur Entwicklung von FS ist nicht die Orientierung am Tauschwert der Produkte oder am Lohn, sondern das inhaltliche Interesse am produzierten Gebrauchswert und der Spaß an der Kooperation mit anderen.

Aber auch dies bewegt sich nicht außerhalb des kapitalistischen Kontextes. Dass Menschen im Kapitalismus in dieser Weise kooperieren können, hat zur Voraussetzung, dass ihr Lebensunterhalt gesichert ist (entweder indem sie Lohnarbeit leisten oder etwa als Studenten staatlich alimentiert werden), und dass sie nebenher noch genügend Zeit haben, um sich an der Entwicklung Freier Software zu beteiligen.

Betrachtet man darüber hinaus die kapitalistischen Verhältnisse weltweit, dann gehören die Menschen, die FS entwickeln, zu einer kleinen, privilegierten Gruppe innerhalb der entwickelten kapitalistischen Länder.

Gefragt ist jetzt der «ganze» Mensch
Was man also beobachten kann, ist ein Wandel der Eigentumsverhältnisse – aber kein Verschwinden des Eigentums, wie Jeremy Rifkin meint. Die Digitalisierung und Computerisierung führt dazu, dass einige der entscheidenden Produktionsmittel nicht mehr ausschließlich im Privateigentum der Unternehmen, sondern auch im Eigentum der Arbeiter sind.

Dies führt nicht zur Aufhebung des Kapitalismus, sondern zu einer tendenziell anderen Qualität des Kapitalismus: Es ist nicht mehr allein das Produkt, das gekauft oder verkauft wird und dessen inkarniertes Wissen geheim gehalten werden muss, sondern es ist der «ganze» Mensch, den das Unternehmen benötigt.

Das Wissen, in digitalisierter Form, kann zunehmend schwerer eingegrenzt, beziehungsweise künstlich verknappt werden, als Rohstoff kann es frei zugänglich bleiben. So hat Norbert Bensel, verantwortlich für Human Ressources der DaimlerChrysler Services AG, jüngst geäußert: «Die Bedeutung des Mitarbeiters, der 'Human Ressources', hat sich für Unternehmen entscheidend gewandelt: Information und Wissen sind der Motor der modernen Dienstleistungsgesellschaft. Dabei ist jedoch der effiziente Zugriff auf Information letztlich nicht der entscheidende Wettbewerbsfaktor. Es sind die Menschen, die Mitarbeiter, die mit ihrem Wissen aus der Information neues Wissen erzeugen.»
Avantgarde des Status Quo
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass auch das Kapital die «Selbstentfaltung» als Produktivkraft entdeckt hat. Nicht umsonst bejubelt die FAZ das Erfolgsmodell Linux, und der zitierte DaimlerChrysler-Manager verweist ebenfalls auf das Modell Open Source als Vorbild.

Freie Software scheint somit die Avantgarde einer Modernisierung der gegenwärtigen Produktionsweise zu sein, die sich in flexibleren, dezentralisierten, globalisierten und atomisierten Arbeits- und Produktionsbedingungen niederschlägt. Von einer Unterminierung kapitalistischer Produktionsverhältnisse ist hingegen nichts zu sehen.

Sabine Nuss ist Redakteurin von

PROKLA, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft.