Bauernverband lehnt Massenimpfungen ab21. Feb 2006 07:40, ergänzt 08:20
Deutliche Warnung: Bauernpräsident Sonnleitner
Der Bauernverband spricht sich im Zusammenhang mit der Vogelgrippe gegen Massenimpfungen von Nutztieren aus. Auch wächst unter Landwirten die Angst vor wirtschaftlichen Schäden, sollte das Virus auf ihr Geflügel übergreifen.
Im Zusammenhang mit der Vogelgrippe im Nordosten Deutschlands hat sich der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, gegen Massenimpfungen von Nutztieren ausgesprochen. Dies sei zwar der massenhaften Keulung vorzuziehen und «unser langfristiges Ziel», sagte er der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Doch derzeit gebe es noch keinen Impfstoff, der den Anforderungen genüge.
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«Wir können noch nicht unterscheiden, ob das geimpfte Tier nicht vielleicht doch den Virus in sich trägt», so Sonnleitner. Er befürchte «immense wirtschaftliche Schäden», falls der Vogelgrippe-Virus sich auf Nutztiere überträgt. Zwar gebe es im Falle von notwendig werdenden Massenschlachtungen Entschädigungen über die Tierseuchenkasse. «Damit sind aber nicht notwendige Betriebsunterbrechungen oder Schäden am Markt berücksichtigt.» Seitdem auf der Ostseeinsel Rügen in zahlreichen Wildvögeln das Vogelgrippe-Virus H5N1 festgestellt wurde, herrscht dort Ausnahmezustand. Bundeswehrsoldaten bergen die herumliegenden Tierkadaver, Veterinäre und Bauern fürchten ein Übergreifen der Infektion auf Nutzgetier.
Keulungen verhindern könnenDer Virologe Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg geht von einer Ausbreitung der Vogelgrippe auf weitere Teile Deutschlands aus. «Es würde an ein Wunder grenzen, wenn man die Ausbreitung des Erregers bei den Wildvögeln in den nächsten Tagen und Wochen in den Griff bekommen würde», sagte er den «Ruhr Nachrichten». Das Krisenmanagement der Behörden auf Rügen nannte er eine Katastrophe.
«Das Virus kam keineswegs unerwartet. Da hätten die Behörden schneller reagieren und die Risikogebiete absperren müssen.» Die Fehler von Rügen zeigten, dass bei übergreifendem Seuchengeschehen künftig unbedingt der Bund die Hoheit über alle Maßnahmen haben müsse. so Kekulé. Massenkeulungen, die als Vorsichtsmaßnahme angeordnet worden waren, hätten verhindert werden können, wenn sofort reagiert worden wäre.
Beobachtungszone eingerichtetNach den ersten Vogelgrippefällen auf dem deutschen Festland wurde der Katastrophenalarm auch auf die betroffenen Nachbarkreise Rügens, Nord- und Ostvorpommern, ausgeweitet. Agrarminister Backhaus zufolge hat das Bundesland die Situation «insgesamt noch nicht im Griff», was sich aber bald ändern werde. Ostvorpommern forderte inzwischen wie zuvor Rügen Hilfe der Bundeswehr an.
Auf einer Konferenz mit den Landräten und Oberbürgermeistern wies Backhaus am Abend an, die Landkreise und großen Städte an der Küste zur Beobachtungszone zu erklären. Dort werde gezielt nach toten Vögeln gesucht.
Schlechtes KrisenmanagementDie in der Kritik stehende Landrätin von Rügen, Kerstin Kassner (Linkspartei), warf dem Land und dem Bund vor, nicht genügend Hilfe zur Bekämpfung der Vogelgrippe bereitgestellt zu haben. Zuvor hatte es massive Kritik daran gegeben, dass der Kreis die Vogelkadaver auf Rügen nicht schnell genug hatte beseitigen lassen.
Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern wollen sich am Donnerstag über den Stand der Vorbereitungen auf eine mögliche Grippe-Epidemie austauschen. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte zuvor den aus ihrer Sicht mangelnden Vorrat der Länder an Grippemitteln kritisiert. (nz)