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Verbrechen von Amstetten: 

Inzest-Täter plante Freilassung der Tochter

30. Apr 2008 14:46
Großer Medienandrang in Amstetten
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Der Sexualverbrecher von Amstetten soll bereits vor einiger Zeit erwogen haben, seine Tochter aus dem Kellerverlies freizulassen. Indes geht die Polizei von einem Mitwisser im familiären Umfeld aus: «Irgend jemand musste das wissen.»

Es gibt offenbar Hinweise darauf, dass der 73-Jährige Josef F. die Gefangenschaft seiner Tochter schon vor Monaten beenden wollte. Das sagte der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Franz Polzer, im ORF.
Der Mann habe seiner Tochter offenbar zur Jahreswende 2007/08 einen Brief an seine eigene Familie diktiert, in dem er sie ankündigen ließ, sie wolle in diesem Sommer mit ihren Kindern nach Amstetten zurückkehren. Zudem geht die österreichische Polizei davon aus, dass der Inzest-Täter einen Mitwisser in seiner unmittelbaren Umgebung gehabt haben muss. Polzer sagte: «Irgendjemand aus dem (familiären) Umfeld musste das wissen».

Anonymer Hinweis

Diese Person habe die Polizei vermutlich in der vergangenen Woche «vertraulich» darüber informiert, dass F. zusammen mit seiner Tochter Elisabeth und deren zwei Söhnen die todkranke Tochter in der Klinik von Amstetten besuchen würde. Dort wartete nach dem anonymen Hinweis jedoch schon die Polizei.

Der Beschuldigte hat inzwischen ein umfassendes Geständnis abgelegt. Diese Woche werde er aber nicht mehr verhört, teilte die Staatsanwaltschaft St. Pölten am Mittwoch mit. Eine Befragung des 73-Jährigen soll kommende Woche geplant sein.

Feuerpolizeiliche Kontrolle

Sein Verteidiger hatte am Mittwoch erklärt, er habe seinem in Untersuchungshaft sitzendem Mandanten geraten, vorläufig keine Aussage mehr zu machen. Fritzl wird beschuldigt, seine heute 42 Jahre alte Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in ein Kellerverlies eingesperrt und sexuell missbraucht zu haben.

Der Keller war 1999 feuerpolizeilich kontrolliert worden, ohne dass die Prüfer das Verlies entdeckten. Nach Angaben der Gemeinde vom Mittwoch sei bei der Überprüfung nur ein Kessel «in einem eigenen abgeschlossenen Heizraum» kontrolliert worden. Die massive Tür aus Stahlbeton, die dazu elektronisch gesichert war, befinde sich aber in einem anderen Raum, sagte Amstettens Bürgermeister Hermann Gruber. Die Tochter hielt sich damals bereits 15 Jahre in ihrem Gefängnis auf. Zusätzlich zu der komplizierten und ferngesteuerten Sicherung der Tür hatte Elisabeths Vater den Eingang noch durch ein Holzregal versteckt.

Thailand-Urlaub

Während der Gefangenschaft der Tochter und ihrer Kinder soll Josef F. mehrmals in Thailand gewesen sein. Die «Bild»-Zeitung berichtet über ein Interview mit dem Münchner Rentner Paul H., der F. seit 1973 kenne und mit ihm zwei Mal nach Thailand gefahren sei. Auch habe er ihn mehrmals zu Hause besucht. Im Urlaub sei Josef F. immer früh schlafen und nicht mit in die Bar gegangen; einmal habe er sich von einer jungen Thailänderin am Strand massieren lassen, die ihm sehr gut gefallen habe, wird Paul H. zitiert. Zudem habe er Josef F. beobachtet, wie er einmal ein Abendkleid und Reizwäsche für eine schlanke Frau gekauft habe.

Josef F. sei wütend geworden und habe erzählt, er habe neben seiner Frau eine Freundin, für die die Kleidungsstücke bestimmt seien. Er sei drei Mal in dem Haus in Amstetten gewesen, in dessen Keller Josef F. seine Tochter Elisabeth gefangen hielt und missbrauchte, sagte H. dem Bericht zufolge. Ihm sei aber nichts aufgefallen. In dem Haus sei alles «tip-top» und überall sei weißer Marmor verlegt gewesen. Josef F. habe viel umgebaut und sei ein «handwerkliches Genie» gewesen.

Seine Frau sei ihm hörig gewesen und habe immer das gemacht, was F. gesagt habe. Wenn das Gespräch auf die angeblich verschwundene Tochter kam, habe sie sich in die Küche zurückgezogen, weinen habe er sie aber nicht gesehen.

In Amstetten haben am Dienstagabend mehrere hundert Menschen mit einem «Lichtermeer» ihre Solidarität mit den Opfern der Verbrechen ausgedrückt. Mehr als 200 Menschen waren trotz strömenden Regens zu der Demonstration erschienen, zu der auch die Kirchen aufgerufen hatten. Veranstaltet wurde das «Lichtermeer» von einer nach den Ereignissen spontan von zwei Müttern gegründeten Initiative «Menschlich berührte Bürger».

Geschlossenes Inzest-System

Der Fall in Amstetten zeigt aus Sicht der Stuttgarter Opferinitiative Melina alle Merkmale eines geschlossenen Inzest- Systems. «Der Täter will Kontrolle und Macht über andere, wobei er sich gezielt Schwächere aussucht», sagte die Vereinsvorsitzende Ulrike Dierkes. Der Inzest erzeuge ein geschlossenes System der Kommunikation und des Handelns, in dem den Opfern die Außenwelt als schlecht dargestellt werde. «Dazu ist gar kein Verlies notwendig.» Deshalb falle es ihnen auch so schwer, ihr Leid anderen zu offenbaren. Wenn sie ihr Leid realisierten, breche ihre gesamte Welt zusammen.

Gerade der österreichische Fall zeige, dass die Verbrechen desto schwerer nachzuweisen sind, je intelligenter und wohlhabender der Täter ist. Erzieher, Lehrer, Mitarbeiter in Jugendämtern und Adoptionsvermittler müssten diese Abgründe für möglich halten und in dieser Richtung geschult werden.

«Falls ihnen etwas verdächtig vorkommt, wagen die Behördenvertreter kaum nachzufragen aus Angst vor Ärger, insbesondere wenn es sich um scheinbar gut in die Gesellschaft integrierte Täter handelt», erläuterte die 50-Jährige. Asoziale Täter würden schneller überführt. «Viel weniger nachweisbar ist die intelligente Kriminalität, wo genügend Geld vorhanden ist, sich Vertuschungsmechanismen - etwa illegale Abtreibungen oder Fälschung der Geburtspapiere - zu erkaufen.» Auch sie habe bei ihrer Arbeit entgegen ihren Erwartungen mehr mit angesehenen Kreisen als mit schwächeren sozialen Schichten zu tun.

Schutz vor der Neugier der Welt

Die Opfer von Amstetten dürfen nach Ansicht des Kriminologen Christian Pfeiffer nicht an der «Neugier der Welt» zerbrechen. Ihre Gesichter müssten anonym bleiben, sagte der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen der in Hannover erscheinenden «Neuen Presse».

Der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer hat die Alpenrepublik gegen zunehmende Kritik in ausländischen Medien in Schutz genommen. «Es ist sicher nichts Abgründig-Österreichisches an diesem Fall», sagte Fischer der «Kleinen Zeitung» in Graz vom Mittwoch.

Es genüge ein Blick auf die weltweiten Horror-Schlagzeilen der vergangenen Jahre, um festzustellen, dass Gewalt ein universales Phänomen ist:: «Das Monströse, zu dem der Mensch fähig ist, offenbart sich überall,» meinte Fischer. Internationale Medien hatten in den vergangenen Tagen häufig die jüngsten Entführungsfälle und die späte Aufklärung, zum Beispiel im Fall Natascha Kampusch, in Zusammenhang mit der als «typisch» angesehenen österreichischen Lebensart gebracht. (dpa, AP)


 
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