Mehr als nur ein Feiertag: 1. Mai der Möglichkeiten01. Mai 2008 12:54  |  Traditionell wird am 1. Mai für die Arbeiter demonstriert | Foto: dpa |
|
In diesem Jahr fallen gleich drei Feiertage auf den 1. Mai. Ein Zeichen des Synergie-Denkens bei den Kalendermachern oder Planungschaos? Jens Teschke über die Schwierigkeiten, in diesem Jahr die angemessene Rolle zu finden.
Es wird stressig. Denn dieser 1. Mai ist ja nicht einfach nur 1. Mai. Nein, in diesem Jahr kann ich mir aussuchen, was ich sein will. Arbeiterführer, Mai-Krawallo, Vater, Christ.Bin ich also der Besorgte, der sich um das Wohl der Arbeiterschaft Sorgen macht? Bin ich gegen Globalisierung, zumindest wenn sie nur Arbeitsplätze im Ausland schafft und Arbeitnehmer hier sie verlieren, weil Rumänen auch Handys bauen können?
Ehrlich gesagt: Nein. Ich bin für die Globalisierung. Das traut sich ja kaum einer zu sagen, aber aus Sicht eines internationalen Arbeiterführers bleibt eigentlich keine Alternative. Die bislang so unter-industrialisierten Länder der Welt streben nach oben, es entstehen Arbeitsplätze, die aus deutscher Sicht zwar alle völlig minderwertig bezahlt sind, aber aus ukrainischer und polnischer oder ungarischer Sicht überwiegend durchaus in Ordnung sind.Außerdem ermöglicht die Globalisierung erst, dass eben auch Qualitätsstandards und Arbeiterrrechte weltweit durchgesetzt werden können – gerade mit Hilfe der Gewerkschaften. Also brauchen wir Globalisierung, um der Arbeiterschaft zu helfen.
Vielleicht auf die Demo? Der ewige Demonstrant bin ich, obwohl in Berlin lebend, nie gewesen. Steine werfen, Randale, Supermärkte anzünden – alles irgendwie nicht mein Ding. Von daher also fällt die Entscheidung hier leicht: Ich werde nicht durch Kreuzberg ziehen.
In diesem Jahr soll es in Berlin allerdings sowieso ruhig werden, da nach G8-Gipfel-Marathon im vergangenen Jahr der Szene irgendwie das Ziel fehlt. Gut, das war in den zurückliegenden Krawalljahren auch nicht immer so ganz klar definiert, aber, so sagt die Berliner Polizei, die Luft ist wohl in diesem Jahr raus.
Umfrage: Was feiert man am 1. Mai?
 |  Schlechtes Wetter am 1. Mai | Foto: dpa |
|
Insgesamt ist es schwierig mit dem 1. Mai als Feiertag. Jeder vierte Bundesbürger kennt nämlich gar nicht die Bedeutung des 1. Mai als traditioneller Tag der Arbeit. In einer Umfrage wussten bei den 18- bis 29-Jährigen 47 Prozent nicht, was am 1. Mai traditionell gefeiert wird. Gefragt, ob es für sie wichtiger sei, am 1. Mai freizuhaben oder sich für die sozialen Rechte der Arbeitnehmer einzusetzen, erklärten mehr als 40 Prozent der Deutschen, ihnen sei am 1. Mai die Freizeit am wichtigsten. Das ist schön, auch wenn es heute ja in vielen Teilen Deutschlands regnen soll.
Vorsicht Vatertag! Feucht und fröhlich wird in diesem Jahr der 1. Mai bei vielen werden, da ja der Tag der Arbeit dieses Mal auch noch Vatertag ist. In den östlichen Bundesländern feiert mann das traditionell noch ein bisschen lieber und lauter und bedauerlicherweise auch immer wieder damit, in Prekariatsautos wie dem Opel Manta oder dem Golf Scirocco gegen alt ehrwürdige Alleebäume zu rasen. Ich rate davon ab.
Nichts spricht dagegen mit dem Bollerwagen loszuziehen. Die Geschwindigkeit dieser Gefährte hält sich in Grenzen und solange der Inhalt dann in friedlicher Maienlandschaft geleert wird, ist alles okay.
Kirchlicher Feiertag
 |  Tradition an Christi Himmelfahrt, der Blutritt in Ravensburg | Foto: dpa |
|
Nun haben die Kalenderplaner in diesem Jahr den seltenen Fall, dass sie neben dem 1. Mai nicht nur „Maifeiertag“ schreiben müssen, sondern auch noch „Christi Himmelfahrt“. Das ist ungewöhnlich, liegt aber … na, woran? ... nein, nicht an der Klimakatastrophe, die sonst für alles herhalten muss, sondern am frühen Osterfest, dessen frühen Termin zwar viele auch durch den Klimawandel begründeten, was dadurch aber auch nicht richtiger wurde.
Hier also nun kurz die richtige Begründung: Immer 40 Tage nach Ostern feiern Christen das Fest „Christi Himmelfahrt“ – und das seit dem vierten Jahrhundert. Biblische Grundlage ist neben dem Markus- und Lukas-Evangelium das erste Kapitel der Apostelgeschichte im Neuen Testament. Dort steht, dass der nach seiner Kreuzigung vom Tod auferstandene Jesus Christus vor den Augen seiner Jünger «aufgehoben» wurde: «Eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken» (Apostelgeschichte 1,9). Himmelfahrt wird so auch als Symbol der Wandlung und spirituellen Entwicklung der Persönlichkeit gedeutet. Ah, das ist’s doch: Die Zeiten wandeln sich, und der spirituellen Entwicklung der Persönlichkeit kann es nicht schaden, einmal nachzudenken, was wir denn nun am 1. Mai wirklich feiern wollen. Da mag es die Lohnforderer geben, die Pflastersteinwerfer, die Biertrinker. Ich als Vater zweier kleiner Kinder neige dazu, den Tag mit ihnen zu verbringen. Das Geschwätz vom „Ehrentag“ für die Väter fand ich noch nie überzeugend, aber den Tag als schönen, gemütlichen Familientag zu feiern mit der durchaus beflügelnden Aussicht, dass der Winter nun doch endgültig verschwinden wird und der Frühling sich durchsetzen wird, dass macht den 1. Mai, zumal an einem Donnerstag mit nachfolgendem Brückentag zu einer wichtigen sozialen Errungenschaft.
|