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Inzest-Fall in Österreich: 

«Wir haben nie etwas bemerkt»

28. Apr 2008 19:04
Verlies im Keller: Haus des Inzest-Täters Josef F.
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Bewohner und Behörden des niederösterreichischen Städtchens Amstetten sind verstört. Sie sind ratlos, wie es zu dem Inzest-Fall in ihrer Nachbarschaft kommen konnte - und wie es dem Täter gelang, sein Geheimnis so lange zu bewahren.

Entsetzen in Österreich: Das Martyrium von Elisabeth F. und ihren Kindern hinterlässt bei vielen Menschen ein Gefühl des Grauens und der Ratlosigkeit. «Das sprengt alle Dimensionen», sagte der zuständige Sicherheitsdirektor Franz Prucher in der niederösterreichischen Kleinstadt Amstetten. Dutzende Schaulustige und Journalisten standen am Montag erneut vor dem grauen Haus in der Ybbsstraße, in dessen Keller die heute 42-Jährige mehr als zwei Jahrzehnte lang gefangen gehalten wurde - immer wieder den sexuellen Attacken ihres Vaters Josef F. ausgeliefert. Drei der sieben Kinder, die nach dem erzwungenen Inzest in dem Kellerverlies auf die Welt kamen, verbrachten ihr ganzes bisheriges Leben mit ihr in diesem dunklen fensterlosen Raum.

Die Menschen sind wütend und stellen immer wieder dieselben Fragen: Wie konnte es geschehen, dass der inzwischen 73-jährige geständige Vater seine Familie, Nachbarn und Behörden 24 Jahre lang über den wahren Aufenthaltsort seiner Tochter täuschen konnte? Warum hat niemand etwas gemerkt? Hat sich wirklich niemand außer dem Täter etwas zuschulden kommen lassen?

«Wir haben nie etwas bemerkt», erzählen die Nachbarn. Viele beschreiben Josef F. als «despotischen Patriarchen». Seiner Familie soll er strikt verboten haben, in den Keller zu gehen. Sie sollten keinen Verdacht schöpfen. Psychologen haben trotzdem Zweifel an der Darstellung, dass die heute 69 Jahre alte Ehefrau und die sechs Geschwister von Elisabeth F. nichts mitbekommen haben. Selbst Niederösterreichs Kripochef Franz Polzer wollte diese Aussage am Montag nicht so recht glauben. «Mir fehlt jede Vorstellungskraft, dass seine Frau von alldem nichts mitbekommen hat», sagte er.

Behörden fühlen sich schuldlos

Auch die Behörden in der kleinen Bezirksstadt Amstetten fühlen sich schuldlos. «Wir haben uns nichts vorzuwerfen», meint der Behördenchef Hans Lenze. Josef F., dem Psychologe Cornel Binder-Kriegelstein «eine unsichere Persönlichkeit gepaart mit starker krimineller Energie» bescheinigt, habe «alle getäuscht». So habe der Mann den Behörden glaubhaft gemacht, seine angeblich vermisste Tochter Elisabeth habe drei ihrer Babys einfach vor seiner Haustür abgelegt und sei dann wieder zu einer Sekte verschwunden, bei der sie lebte. In allen drei Fällen hatte der Täter handgeschriebene Briefe seiner Tochter beigelegt, in dem sie sich dafür entschuldigte, dass sie ihre Kinder nicht selbst großziehen könne. Inzwischen scheint klar, dass sie unter Zwang geschrieben wurden.

Unklar ist ebenso, wie es möglich war, dass die Behörden Josef F. und seiner Frau Rosemarie problemlos das Sorgerecht für die drei Kinder übergaben. Treuherzig glaubten sie dem Vater die Geschichte von der verschwundenen Elisabeth, die ihre Kinder vor dem Haus ihrer Eltern abgelegt habe. «Wenn wir nur irgendeine Möglichkeit gehabt hätten, einzuschreiten, hätten wir es getan», versichert Bezirksvorsteher Lenze. Immerhin seien die drei Kinder dann in «äußerst liebevoller Weise» großgezogen worden.

Über das eigene Lügennetz gestolpert

Dass Josef F. am Ende doch über sein eigenes Netz aus Lügen und Tricks stolperte, überrascht. Als vor mehr als einer Woche seine 19-jährige Tochter Kerstin, im Inzest gezeugt, in dem Verlies plötzlich zusammenbrach, ließ er sich von Elisabeth überzeugen: Das junge Mädchen musste ins Krankenhaus. Er brachte das Kind in seine Wohnung und rief den Notarzt. Erneut ließ er Elisabeth in einem Brief aufschreiben, dass sie sich leider nicht um ihr Kind kümmern könne.

Doch die Ärzte auf der Intensivstation von Amstetten waren ratlos und schalteten die Medien ein. Elisabeth F. hörte den Ruf nach Hilfe und wusste: Nur sie allein kann den Ärzten sagen, woran ihr Kind erkrankt ist. Josef F. ließ sich aus unerklärlichen Gründen erneut überreden. Er fuhr mit seiner Tochter ins Krankenhaus, wo Kerstin F. mit dem Tode rang. Nach längeren Gesprächen mit den Behörden legte sie ihr ganzes Martyrium offen. Da fiel das 24 Jahre lang erbaute Lügengespinst des Josef F. in sich zusammen: Er entließ seine beiden anderen Söhne freiwillig aus dem Kellerverlies und sagte seiner Frau: «Unsere Tochter ist zurückgekehrt». (Christian Fürst, dpa)
 
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