09.04.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Das ist Flocke. Oder Knut? Nein, Flocke
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Haben Sie's mitbekommen? Knut hat Karpfen getötet. Das gefiel den Zoo-Besuchern gar nicht. Kleiner Eisbär Flocke, du kannst dich auf ein Leben als Produkt menschlicher Erwartungen gefasst machen, meint Domenika Ahlrichs .
«Knut war gestern» behauptet der Nürnberger Zoo und schickt zum Beweis sein eigenes Exemplar der Gattung süß-weiß-tapsig-verstoßen ins Außengehege. Flocke soll nun also bitteschön die Medienaufmerksamkeit auf sich ziehen. Mindestens 350 Journalisten und Kameraleute tun dem Nürnberger Zoo denn auch den Gefallen.
Aber dazu mehr später. Denn was soll der Blödsinn?! Knut war gestern? Ja, das hätten einige gern so. Und damit meine ich nicht einmal den Nürnberger Zoo. Es wäre so schön praktisch, wenn Knut einfach in Vergessenheit geraten könnte. Oder noch besser: wenn Eisbärbabys in künstlichen Gehegen ewig Kind bleiben würden und so nie die Frage aufkäme, wie die Handaufzucht und der enge Kontakt zu Menschen sie denn nun beeinflusst haben.
Knut ist, was das anbelangt, ganz und gar nicht gestern. Schnell sind sich da ja manch angebliche Experten einig. Beispiel: Knut umarmt einen Baum? - Er vermisst seine Mutter! Knut streckt die Zunge raus? - Er imitiert Menschen! «Psychopath», titelt die «Bild» denn auch prompt natürlich als Zitat eines «Experten». Ein bisschen hat das was von einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Knut ist wie erwartet - nicht zu einem verhaltensnormalen Eisbären herangewachsen. Wie auch. Doch letztlich ist das das Schicksal eines in Gefangenschaft geborenen Tieres. «Normal» wird da zum relativen Begriff.
Zumal Zoobesucher da offensichtlich ebenfalls ihre ganz eigene Sicht der Dinge haben. Gab es doch erst kürzlich große Aufregung, als Knut es wagte, sich wie ein wildes Tier zu benehmen. Zehn lebendige Karpfen habe er aus dem Zoo-Graben gefischt, sie dann zu Tode gespielt, wurde landauf, landab berichtet. Skandal! Ein «Karpfen-Killer»! Besucher beschwerten sich bei der Zoo-Leitung.
Soetwas wollten sie nun wirklich nicht sehen.
Ja was denn nun?! Meine Befürchtung: Knut hätte den Fischen beim Schwimmen zusehen und freudig in die Hände klatschen sollen über die neuen Freunde im Gehege. Im Zoo wie überall auch geht es um Sympathiewerte. Ein vermenschlichter Eisbär kommt da besser an als einer, der noch Erinnerungen an ein wildes Leben in sich trägt.
Folgerichtig kommt jetzt Flocke. Wenn man sich auch ein bisschen so fühlt wie in dem Film «Und täglich grüßt das Murmeltier»: Ein Mann wacht dort ständig neu an ein und demselben Tag auf, muss ihn stets aufs Neue bewältigen. Tapste eben noch Baby Knut unbeholfen ins Freigehege, ist es jetzt das Eisbären-Baby aus dem Nürnberger Zoo. Schwups, zurück an den Start. Da waren wir doch schon mal. Und wieder begrüßt ein Schwall an Medienvertretern das Tierchen, wieder geht die Diskussion um Handaufzucht los, wieder sind einige verzückt und andere entsetzt.
Und wieder und wieder werden Menschen in den Zoo strömen und Flocke genau so, wie sie ist, absolut richtig finden. Lebendige Karpfen werden in
ihren Graben nicht gelangen. Zoo-Leitungen sind da lernfähig.
Apropos: Wer wirklich was aus Knuts Geschichte gelernt hat, ist der Stuttgarter Zoo. Das dort geborene Eisbären-Baby Wilbär wächst bisher von der Öffentlichkeit abgeschirmt bei seiner Mutter auf. Ende April darf er nach draußen wenn die Mutter mitkommt.