Bandenkriminalität auf hoher See: 

netzeitung.deNeuzeit-Piraten rauben ganz unromantisch

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Die modernen Seeräuber haben keine Säbel, sondern Maschinengewehre. Sie segeln nicht der Freiheit entgegen, sondern rauben und morden. Anne Grüneberg berichtet über romantische Mythen und gefährliche Realität. Mit Video

Raubeinige Piraten mit Augenklappe haben noch immer den Ruf romantischer Helden. Sie stehen für dunkle Abenteuerlust und raue Freiheit. Sie rauben, wenn sie Hunger haben, segeln vorbei an einsamen Inseln und trinken kubanischen Rum. Mit dem Papagei auf der Schulter und dem blitzenden Säbel in der Hand verkörpern Piraten Exotik und prickelnde Gefahr.

Die Realität sieht anders aus. Heutzutage reicht Piraterie vom Frachtraub in Entwicklungsländern bis hin zu organisierten Verbrecherbanden, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Die jüngst entführte französische Luxusyacht vor der Küste Somalias ist ein Paradebeispiel- aber kein Einzelfall.

Letztes Jahr gab es laut dem International Maritime Bureau (IMB) 263 Piratenüberfälle, das waren zehn Prozent mehr als noch 2006. Vor allem in afrikanischen Staaten steigt die Zahl der Piraten-Attacken. Somalia meldete im letzten Jahr 30 Piratenüberfälle, in Nigeria gab es 27. Der jährliche Schaden weltweit beläuft sich auf geschätzte drei Milliarden US-Dollar.

Das Ansteigen der Piraterie in diesen Ländern steht in direktem Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Krise und dem mangelnden Rechtssystemen. Seit der Entmachtung des Barre-Regimes in Somalia Anfang der 90er-Jahre hat der Staat die Kontrolle über die eigenen Küstengewässer verloren. Ende Oktober 2007 hatten Piraten vor der Ostküste Somalias zum Beispiel den Tanker «Golden Nori» gekapert. Die 22 Besatzungsmitglieder waren sechs Wochen in der Hand ihrer Entführer.

Die heutige Kriminalität auf See hat nichts mit den romantischen Abenteuern des Jack Sparrow in den Hollywoodfilmen Fluch der Karibik zu tun. Statt mit Säbeln entern die modernen Piraten die Schiffe mit Maschinengewehren. 80 Prozent der Überfälle ereignen sich nicht auf dem weiten Meer sondern in Küstennähe. Die Piraten kommen auf Schnellbooten, sie segeln nicht in der Abendsonne. Manchmal tarnen sie sich als Küstenwache oder Hafenpolizei und bekommen so leichten Zugang zu den Schiffen.

Gelegenheitsdiebe stehlen Lebensmittel, privaten Schmuck der Crewmitglieder und Bargeld. Ihre Kriminalität entsteht meist aus extremer materieller Not- sie rauben, um zu überleben. Die meisten Piratenangriffe gehen aber von organisierten Banden aus. Die konzentrieren sich nicht auf kleine Yachten sondern auf Frachter, dessen Ladung gut zu verkaufen ist. Besonders abgesehen haben diese Banden es auf den Schiffstresor. Der ist nämlich meist prall gefüllt mit Bargeld, weil der Kapitän Hafengebühren und seinen Treibstoff bezahlen muss.

Wenn die Crew Glück hat, wird sie auf ein kleineres Boot verfrachtet oder auf einer entlegenen Insel ausgesetzt. Hat sie Pech, entführen die Piraten die gesamte Besatzung und fordern ein hohes Lösegeld von den Reedereibetrieben oder von den Mutterstaaten. Nicht selten gibt es Verletzte und Tote.

Besonders gefährlich ist es dort, wo Handelsrouten durch Meerengen oder zwischen Inselgruppen hindurchführen. Die Malakkastraße, die zwischen der indonesischen Insel Sumatra und dem Festland von Malaysia verläuft, ist die am meisten befahrene und gleichzeitig gefährlichste Wasserstraße der Welt. Die Anrainerstaaten Malaysia, Indonesien und Singapur gehen hier jetzt gemeinsam auf Patrouille, um gegen die Piraterie anzukommen.

Sicherheits-High Tech an Bord ist eine andere Antwort auf die sagenumwobene Piraterie. Das IMB empfiehlt den Reedern, ihre Schiffe mit Hochspannungszäunen zu umgeben- damit alle Neuzeit-Störtebecker mit einem 9000 Volt-Impuls empfangen werden. Ebenso im Kommen sind ferngesteuerte Roboterschiffe für Patrouillenfahrten und spezielle Nachtsichtgeräte und Thermokameras. Das meistgenutzte Abwehrmittel ist aber immer noch der Wasserschlauch, mit dem die Kriminellen von Bord gespült werden.

Der Schrecken der Meere ist nicht mehr eine Sage von unbezwingbaren Männern, die die Freiheit suchen. Piraten sind ein reales Gespenst der Neuzeit. Sie sind unberechenbar und gefährlich. Die Romantik aber, fehlt.

Russia Today über ein russisches Schiff, das am 4. Februar 2008 an der somalischen Küste gekapert wurde