15.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Lava-Stone-Therapy klingt zärtlicher als Kneipp-Kur
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Menschen sind gestresster denn je, kein Wunder, dass die Wellnessindustrie boomt wie nie zuvor. Mittlerweile herrscht ein wahrer Wohlfühl-Terror. Wer braucht etwa ein entspannendes Kaugummi, fragt sich Julia Wilczok .
Früher, da hatte sich was Gutes tun noch viel mit Schmerz und Selbstkasteiung zu tun. Oder klingen Wörter wie Leibesertüchtigung, Wechseldusche und Körnerkur etwa nach Spaß und Entspannung? Eben. Pu-Erh(-Tee) mutet einfach zärtlicher an als Fasten inklusive Einlauf.
Auf Englisch klingt das alles noch viel weniger gemeingefährlich und nach Foltermethode. Begriffe wie Floating oder Hot-Stone-Therapy sprechen unsere ureigenste Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit an. Auf dass wir uns schwerelos fühlen, wie ein Embryo im Mutterleib. Doch auch die deutsche Variante, Farblicht- oder Aromatherapie und Unterwassermusik, verspricht exotisches Wohlfühlvergnügen.
Der Wellness-Terror hat uns fest im GriffHydropool statt Hallenbad, Spa statt Kneipp-Kur, Wohlfühlhotels, die «Happiness» garantieren, Ayurveda, Lomi-Lomi und Detox an allen Ecken: Der Wellness-Terror hat uns fest im Griff, denn wo ein Angebot besteht, da gibt es auch eine Nachfrage. Die Wellnessindustrie wartet mit einer Vielzahl von Produkten auf, ohne die wir, wie uns die Werbung suggeriert, nicht mehr leben können. Spezielle Shampoos, Joghurts, Unterwäsche und als Spitze des Ganzen das Wellness-Kaugummi «balance» von Orbit, mit dem die Brache sich geradezu ad absurdum geführt hat. Denn Stress mindernd, das haben Untersuchungen bewiesen, wirkt jedes Kaugummi. Auch die ohne Papaya-Aloe-Vera-Geschmack (!).
Erschreckender wie ironischer Fakt ist jedoch: Die Deutschen geben im Jahr rund 70 Milliarden Euro für Wellness aus, was bedeutet, dass all dieser Schnickschnack tatsächlich gekauft wird.
39 Prozent der Deutschen klagen über DauerdruckDas kommt nicht von ungefähr, denn 39 Prozent der Deutschen beklagen sich laut einer Allensbach-Umfrage über psychischen Dauerdruck und jeder zehnte Fehltag ist auf stressbedingte Krankheiten zurückzuführen. Der Krankenstand erreichte dennoch 2005 ein historisches Tief von 3,3 Prozent. Sprich, in Zeiten, in denen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit aufgehoben scheinen, ackern die Menschen bis zum Umfallen.
Der Begriff Wellness wurde übrigens nicht etwa von gestressten Werbern kreiert, sondern geht auf die Gesundheits-Pioniere Donald B. Ardell und John Travis zurück. Die entwickelten in den siebziger Jahren, als in den USA die Kosten für das Gesundheitswesen in schwindelerregende Höhen stiegen, im Auftrag der Regierung Gesundheitsmodelle, die auf Prävention und Eigenverantwortung setzten. Laut Ardell ging es bei «Wellness» um Selbstverantwortung, Ernährungsbewusstsein, körperliche Fitness, Stressmanagement und Umweltsensibilität.
Eine watteweich schaumige ScheinweltUnd das Ende vom Lied? Die Wellness-Industrie hat uns im Laufe der letzten Jahre in eine watteweich schaumige Scheinwelt gepackt und horrende Summen aus der Börse gelockt. Doch der Zustand aus Wohlbefinden und Zufriedenheit lässt sich sehr wohl anders erreichen. Etwa mit der guten alten Sauna, dem Quickie unter den Kurzurlauben. Die hilft schneller und günstiger, dem Alltag für kurze Zeit zu entfliehen, als alle Lomi-Lomis und Ayurvedas zusammen.