25.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Manchmal meckert er gerne: Wolfgang Thierse
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH
Früher liebte Bundestagsvizepräsident Thierse den Wochenmarkt am Berliner Kollwitzplatz. Unter seinem Fenster aber wollte er ihn nicht haben und beschwerte sich auf dem falschen Briefpapier.
Bisher liebte Wolfgang Thierse (SPD) das bunte Leben vor seiner Haustür im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg. Dafür lehnte er einst sogar eine Dienstvilla im Nobelbezirk Dahlem ab, als er noch den Parlaments- Vorsitz innehatte.
Aber nun ist es ihm doch zu viel. Ein Wochenmarkt - auf den er seit Jahren selbst gerne geht - ist von einer Platzseite auf die andere gezogen und hat seine Buden ausgerechnet unter Thierses Fenster aufgebaut. Prompt beschwerte sich der Politiker beim Stadtrat über die mangelnde Einbeziehung der Bürger. Allerdings nicht als einfacher Anwohner. Sondern auf offiziellem Briefpapier als Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Erst im November hatte Thierse mit umstrittenen Äußerungen zum Umgang von Altkanzler Helmut Kohl (CDU) mit seiner schwer erkrankten und inzwischen gestorbenen Frau Hannelore für Aufsehen gesorgt.
Auf dem Briefkopf prangt nicht seine Privatadresse, sondern der Bundesadler mit dem Zusatz «Vizepräsident des Deutschen Bundestages». Damit wendet sich der 64-Jährige an den zuständigen Bezirksstadtrat gegen die Verlegung des trubeligen samstäglichen Wochenmarktes. «Ich halte den Vorgang für ein Paradebeispiel kommunaler «Demokratie»», heißt es in dem Brief, der der Deutschen Presse-Agentur dpa vorliegt. «Die Bürger wurden also getäuscht», demokratische Gremien seien nicht angemessen einbezogen worden. «All das halte ich für höchst befremdlich!» Die «Berliner Zeitung» hob den Brief von Mitte Januar am Freitag auf die Titelseite.
Thierse selbst sprach am Freitagnachmittag von einem Versehen: «Die Verwendung des Briefbogens ist der Eile geschuldet und also ein Versehen», erklärte er der dpa laut einer Sprecherin. «In der Sache geht es darum, dass die Anwohner der Knaackstraße nicht gefragt wurden beziehungsweise ihnen etwas anderes zugesagt als dann entschieden wurde», monierte Thierse.
Der Politiker lebt seit mehr als 30 Jahren in dem belebten und über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Szeneviertel. Er hatte sich selbst schon als «Urgestein von Prenzlauer Berg» bezeichnet und sich immer wieder für die Belange seines Wahlkreises engagiert. So machte er sich vor drei Jahren für eine Kiezwährung stark, um den Handel zu unterstützen, und ließ sich auf dem Platz neben der bronzenen Käthe- Kollwitz-Figur fotografieren.
Thierse weiß nicht, wo er freitagabends parken soll«Regelmäßig mache ich Kiez-Spaziergänge und nehme an Diskussionsveranstaltungen mit Vereinen und Initiativen teil», steht auf Thierses Internetseite. Der Wochenmarkt vor der Haustür, der wöchentlich tausende Anwohner und Berlin-Besucher anlockt, stört Thierse nun aber wohl doch. Die betroffenen Bürger hätten «ganz praktische Probleme», schreibt Thierse in dem Brief an den Stadtrat. «Wohin parkt man Freitagabend sein Auto um, wer bezahlt die Strafe fürs Abschleppen (...)?», sorgt sich der Bundestagsvize, der allerdings meist mit seinem Dienstwagen gebracht wird.
Der Markt sei nicht willkürlich verlegt worden, betont Stadtrat Jens-Holger Kirchner. «Ein Teil der alten Marktfläche wurde verkehrsberuhigt, außerdem war es in dem bisherigen Gebiet auch aus sicherheitstechnischen Gründen zu eng.» Daher beschloss Kirchner im Januar die Umsiedlung. Die Bürger fragte er wie bei anderen Entscheidungen über die Nutzung von öffentlichem Straßenland nicht. «Das muss ich auch nicht», unterstreicht er.
Thierse ist sich der Schwierigkeit seiner Mission bewusst: «Nun weiß ich natürlich, dass man bei Behörden als Wichtigtuer, Miesmacher, Spielverderber gilt, wenn man sich beschwert», schreibt Thierse. Die Ämter sollten aber «Dienstleister für die Bürger sein und sie nicht vor vollendete Tatsachen stellen.» (Von Aliki Nassoufis, dpa)