Schmusepartys gegen den Alltagsstress
21.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Seit drei Jahren organisiert Doebner in Berlin und Frankfurt regelmäßig Kuschelpartys und bildet Interessierte als Kuscheltrainer aus. Streicheleinheiten bezeichnet die Diplom-Biologin als «Tankstelle für Körper, Geist und Seele». Kuscheln helfe, den Körper zu regenerieren und Anspannungen abzubauen. Sex ist tabu. «Nur Kuschelenergie soll fließen», flötet Doebner den Tuchfühlern zu.
Dietmar L. und Simon B. (alle Namen von Teilnehmern geändert) nehmen zum ersten Mal an einer Kuschelparty teil. Gemeinsam mit fremden Menschen in Yogahosen und weiten Pullovern sitzen der Post-Sachbearbeiter und der Investmentbanker aus Frankfurt auf dem Holzboden des Seminarraums und blicken gespannt in die Runde. «Normalerweise gehe ich abends ins Kino oder ins Café», sagt der Geldexperte und wippt nervös mit seinen Knien.
Olaf S. hat in der Vorstellungsrunde das Wort. «Ich bin Wiederholungskuschler», bekennt der 44-jährige Brillenträger. Er mag es, «Berührungen zu geben und zu empfangen». Lächelnd reicht der große, schlanke Mann das «Kommunikationstier», einen Plüsch-Drachen, an seinen Nachbar weiter. Simon B. wurde durch eine Reportage auf das Kuscheln aufmerksam. «Meinen Freunden habe ich verschwiegen, dass ich hier mitmache», druckst er. «Wer weiß, wie die reagieren würden.»
Bei der «Verwöhn-Übung» sind die Matratzen über den Raum verteilt. Während Olaf S. mit verbundenen Augen auf dem Rücken liegt, sollen ihn zwei daneben Kniende mit Streicheleinheiten verwöhnen. Von wem er «bekuschelt» wird, sieht er nicht. «Jeder kann sagen, was ihm gefällt und wo er lieber nicht berührt werden möchte», weist Doebner an.
Im Anschluss lassen sich die Teilnehmer ineinanderfallen. «Bittet um Erlaubnis, wenn ihr jemanden berühren wollt, und achtet genau auf eure eigenen Grenzen», empfiehlt die Kuschel-Expertin. In der Mitte des Raumes rückt Simon B. mit einer dunkelhaarigen Endvierzigerin und einem Stammkuschler mit lichtem Haarkranz zusammen. Olaf S. liegt mit zwei kichernden Frauen und einem Mann im Fleece-Pulli am Rande des Menschenknäuels.
Meist dauert eine Kuschelparty drei Stunden. Bei Doebner kostet der Eintritt 18 Euro. Die Teilnehmer sind überwiegend Singles im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Zweck der Partys sei es jedoch nicht, einen Partner zu finden, stellt Doebner klar. Eva S. schätzt jedoch die gegengeschlechtliche Nähe: Mit zwei Männern gleichzeitig zu kuscheln, sei eine tolle Erfahrung gewesen. Ihr Kuschelpartner Kai Boll ist ebenfalls begeistert: «Es ist, wie wenn Du nicht merkst, dass Du tierisch Durst hat, und erst beim ersten Schluck fällt Dir auf, was Dir so lange gefehlt hat.» (epd)

