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Hessen erzieht Jugendtäter in Sibirien

17. Jan 2008 19:56
Für Erziehungsmaßnahmen in Sibirien muss man sich warm anziehen
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Hartes Programm für jungen Gewalttäter: Das Gießener Jugendamt lässt einen 16-Jährigen in einem russischen Dorf leben. Zwischen Holzofen und Plumpsklo soll er seine Aggressionen abbauen.

Um einen aggressiven Jugendlichen vor einer kriminellen Karriere zu bewahren, hat ein hessisches Jugendamt den 16-Jährigen für neun Monate nach Sibirien geschickt. Der Junge lebe unter einfachsten Verhältnissen in dem russischen Dorf Sedelnikowo, bestätigte der Gießener Jugend- und Sozialdezernent Stefan Becker.

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Wegen seines aggressiven Verhaltens musste der 16-Jährige mehrmals die Schule wechseln, war aus einer Jugendhilfeeinrichtung geflohen und hatte sogar seine Mutter angegriffen. «Das ist auch für uns eine etwas ungewöhnliche Maßnahme», räumte Becker ein.

Der Sibirien-Aufenthalt des bislang nicht vorbestraften 16-Jährigen aus Gießen begann bereits im vergangenen Sommer. Mit seinem Betreuer lebe der Jugendliche in einem kleinen Haus, das weit von westlichen Standards entfernt ist. «Die Toilette ist im Garten. Es ist ein Plumpsklo», erzählt Becker. Bei Tiefsttemperaturen von minus 40 Grad müsse er in die drei Kilometer entfernte Schule laufen, wo ihm sein russisch sprechender Betreuer helfe, dem Unterricht zu folgen. In dem Dorf rund 300 Kilometer nördlich der westsibirischen Großstadt Omsk leben demnach nur 5.000 Menschen.

Junge gilt als «krankhaft aggressiv»

«Der Junge ist kein Schläger, sondern krankhaft aggressiv», erklärte Becker. Sibirien sei der Jugendliche von störenden Einflüssen abgeschnitten und gezwungen, sich mit seinem Betreuer und dem Leben auseinanderzusetzen. «Wenn er kein Holz hackt, ist die Bude kalt. Wenn er kein Wasser heranschafft, kann er sich nicht waschen», beschrieb Becker die Lebensbedingungen vor Ort. Fernsehen, Internet oder Handy gibt es nicht.

Pädagogische Auslandseinsätze umstritten

Es handele es sich jedoch nicht um eine Sanktion, sondern um eine freiwillige pädagogische Maßnahme, betonte der Sozialdezernent. Nach der Einschätzung des Jugendamtes habe der Jugendliche bereits große Fortschritte gemacht.

Die Gießener Behörde ist nicht das einzige, die sogenannte intensivpädagogische Auslandsmaßnahmen einsetzt. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) sind derzeit etwa 600 junge Intensivtäter außerhalb Deutschlands untergebracht. Doch die Aufenthalte sind umstritten: Kritiker werfen den Jugendämtern vor, Betroffene aus Kostengründen in teils fragwürdige Auslandsprojekte abzuschieben. Die Kosten des Sibirien-Aufenthaltes lägen mit rund 150 Euro pro Tag nur bei einem Drittel einer Betreuung im Heim. Becker hingegen sah in den finanziellen Vorteilen nicht den Ausschlag für die gewählte Erziehungsmethode. (dpa/AP/nz)


 
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