netzeitung.de«Herdprämie» steht zur Wahl als Unwort 2007

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Der Streit um die Kleinkindbetreuung trieb 2007 sprachliche Blüten. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der Streit um die Kleinkindbetreuung trieb 2007 sprachliche Blüten.
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Rentnerschwemme», «Ich-AG» und «Peanuts» waren schon Unwörter des Jahres. Jetzt muss die Jury wieder entscheiden, welche sprachliche Entgleisung im Jahr 2007 die schlimmste war. Was würden Sie denn wählen?

Ob Frauen als Gebärmaschinen, «klimaneutrale Flüge» oder Dieter Bohlens Kommentar über das «epileptische Singen» eines Kandidaten bei «Deutschland sucht den Superstar» – die Liste der bei der «Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres» eingegangenen Vorschläge ist lang geworden. Am Montag war Einsendeschluss, am Dienstag in einer Woche verkündet die Jury in Frankfurt am Main ihre Entscheidung, was denn nun der in ihren Augen schlimmste sprachliche Missgriff des vergangenen Jahres war.

850 unterschiedliche Vorschläge liegen der Jury vor, darunter «Vorratsdatenspeicherung» oder die «Herdprämie». Die Wortschöpfung beleidige Mütter, die ihre Kinder zu Hause erziehen wollten, erklärte der Frankfurter Germanist Horst Dieter Schlosser, der Sprecher der Jury. Gute Chancen sieht er auch «Bundestrojaner» als «Umschreibung für amtliche Viren in privaten Computern für Online-Durchsuchungen».

Gesucht werden einzelne Wörter oder Formulierungen aus der öffentlichen Kommunikation, die «die Erfordernisse sachlicher Angemessenheit und humanen Miteinanders besonders deutlich verfehlen», wie es in der Satzung des Gremiums heißt. Die Rüge als «Unwörter» verstünden sich in erster Linie als Anregung zu mehr sprachkritischer Reflexion, so die Jury. Sie sucht bereits seit 1991 jährlich das Unwort des Jahres. Neben vier Wissenschaftlern gehören zur Jury in diesem Jahr auch die beiden Journalisten Sonia Mikich («Monitor») und Hans Leyendecker («Süddeutsche Zeitung»).
Unwörter des Jahres
1991:
Ausländerfrei (fremdenfeindliche Parole in Hoyerswerda)

1992:
ethnische Säuberung (Propaganda-Formel im Krieg auf dem Balkan)

1993:
Überfremdung (Scheinargument gegen Zuzug von Ausländern)

1994:
Peanuts (abschätzige Bezeichnung der durch Immobilien-Pleitier Jürgen Schneider entstandenen Schadenssumme, verwendet vom damaligen Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper)

1995:
Diätenanpassung (Beschönigung der Diätenerhöhung im Bundestag)

1996:
Rentnerschwemme (falsches, Angst auslösendes Naturbild für einen sozialpolitischen Sachverhalt)

1997:
Wohlstandsmüll (Umschreibung arbeitsunwilliger wie arbeitsunfähiger Menschen, verwendet vom damaligen Nestlé-Chef Helmut Maucher)

1998:
sozialverträgliches Frühableben (zynisch wirkende Ironisierung, verwendet als Mittel ironischer Kritik vom Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar)

1999:
Kollateralschaden (Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit, Nato-offizieller Terminus im Kosovo-Krieg)

2000:
national befreite Zone (zynisch heroisierende Umschreibung einer Region, die von Rechtsextremen terrorisiert wird)

2001:
Gotteskrieger (Selbst- und Fremdbezeichnung der Taliban- und Al-Qaeda-Terroristen)

2002:
Ich-AG (Reduzierung von Individuen auf Börsenniveau als Aktiengesellschaft)

2003:
Tätervolk (grundsätzlich inakzeptabler Kollektivschuldvorwurf)

2004:
Humankapital (degradiert Menschen zu nur noch ökonomisch interessanten Größen)

2005:
Entlassungsproduktivität (Gewinne eines Unternehmens, nachdem zuvor zahlreiche für «überflüssig» gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden)

2006:
freiwillige Ausreise (Behördenterminus, wenn abgelehnte Asylbewerber aus deutschen Abschiebe-Haftanstalten nach «Beratung» in ihre Herkunftsländer zurückkehren, wobei die Freiwilligkeit in vielen Fällen zweifelhaft ist)

Quelle: Sprachkritische Aktion «Unwort des Jahres»


Für das Web ediert von Matthias Breitinger