18.11.2007
Herausgeber: netzeitung.de
In Berlin streiten am angestammten Straßenstrich Anwohner mit «aggressiven» Prostituierten. Und nun soll auch noch ein Großbordell entstehen.
Zu den feineren Adressen in Berlin gehörte die Gegend um die Kurfürstenstraße nie. Der Straßenstrich ist nicht zuletzt seit Christiane F. und ihrem Buch «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo», in dem es um ihr Leben als anschaffende Drogenabhängige geht, auch bei szenefremdem Publikum bekannt. Prostituierte werben in der Kurfürstenstraße und auf den umliegenden Bürgersteigen um Kunden - professionell oder um Geld für den Stoff zu verdienen. Rund dreißig Jahre nach Christiane F. empören sich Politiker und Anwohner erneut: Vor einigen Wochen wurden Pläne für ein Großbordell bekannt, ebenso ein neues, aggressives Geschäftsgebaren von Huren aus Osteuropa.
Dabei schienen sich die Prostituierten mit den langen Stiefeln und die Anwohner zwischen Altbauten, Erotik-Kaufhaus, Kindertagesstätte und dem Promi-Café Einstein arrangiert zu haben. Unter den Frauen sind auch sehr junge Mädchen, die im Schatten der lila Leuchtreklame des Sex-Supermarktes «LSD» auf und ab schlendern. Nicht weit entfernt sind der Potsdamer Platz und das Bundesverteidigungsministerium.
Die Leiterin der Kita berichtet von einem regen Treiben vor ihrem Haus. «Frau an Frau, Auto an Auto», fasst Charlotte Marx zusammen. Wenn Väter ihre Kinder abholten, würden sie gierig am Ärmel gezupft. Es kursieren Berichte über Osteuropäerinnen, die vorübergehenden Männer zwischen die Beine greifen oder zu Niedrigpreisen Sex ohne Kondom anbieten. Anwohner bezeichnen die Situation als untragbar, einerseits wegen des zunehmenden aggressiven Verhaltens, andererseits hat das mögliche Großbordell bei vielen die Toleranz überstrapaziert.
Selbstbestimmt arbeitende Frauen«Die Situation ist nicht seit vorgestern so», erklärt Katharina Cetin, Projektleiterin beim Verein Hydra, der in Berlin Prostituierte berät. Das Miteinander im Viertel sei schon viel eher durch das große Sexkaufhaus mit seinem Kabinenangebot gestört worden. Das offensive Werben der Bulgarinnen und Ungarinnen führt Cetin auf kulturelle Unterschiede zurück. Eine Sprachmittlerin sei für Hydra unterwegs, um die Frauen, die im Frühjahr 2007 gekommen seien, zu sensibilisieren. In Teilen sei das gelungen. Woher sie genau stammen, sei unklar. «Es sind selbstbestimmt arbeitende Frauen. Wir haben nicht den Eindruck, dass sie klassisch gehandelt wurden.»
Auch Jörg Krohmer vom Quartiersmanagement Magdeburger Platz spricht von «einer Mentalitätssache», er hat ebenfalls ein Sprachmittlerprogramm aufgelegt. «Die Anwohner dürfen sich nicht verdrängen lassen.» Um eine langfristige Lösung zu finden, müssten nicht nur die neuen und angestammten Huren ernsthaft miteinander reden, auch Bezirksamt, Anwohner und Polizei, fordert Cetin.
«Wir haben eine neue Qualität der Prostitution erreicht», sagt Ekkehard Band (SPD), Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg. «Das ist ein Problem, das aus der Freizügigkeit der Europäischen Union folgt». Ob es ein Großbordell im selben Haus, in dem das «LSD» untergebracht ist, geben wird, soll nach Angaben von Baustadtrat Bernd Krömer (CDU) spätestens Mitte Dezember entschieden werden.
Politiker gefragtIm Gespräch waren auch schon Sperrbezirke für Berlin. Cetin sagt: «Sperrbezirke können die Kriminalität befördern.» Sie verweist auf mögliche Revierkämpfe. Auch Stephanie Klee vom Bundesverband sexuelle Dienstleistungen ist dagegen. Neben Rostock sei Berlin die einzige deutsche Stadt, in der es noch nie Sperrbezirke gab. «Das hat dazu geführt, dass sich Prostitution in ganz Berlin ausgebreitet hat.»
Klee fordert, dass die Politik generell klären müsse, wie sie mit Prostitution in der Hauptstadt umgehen wolle. Soll das älteste Gewerbe der Welt ausschließlich in großen Bordellen oder auch weiterhin in Wohnungen ausgeübt werden? «Am liebsten stecken Politiker den Kopf in den Sand», sagt Klee.
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat kürzlich klar gestellt, «dass es Prostitution gibt, weil es eine Nachfrage danach gibt und nicht, weil es Prostituierte gibt.» Bürgermeister Band fasst seine Ansicht so zusammen: «Ich muss ja die Interessen der Anwohner vertreten und nicht die der Prostituieren». (Leticia Witte und Patricia Driese, dpa)