netzeitung.deDie Hölle sucht den Superstar

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Columbine, Erfurt, Blacksburg: dass die Bilder sich gleichen, ist kein Zufall. Der Tötungswahn wird zur Imagefrage, meint Sophie Albers .

Cho Seung-Hui ist der aktuelle Fall eines jungen Menschen, der sich im Wahn schwer bewaffnet gegen seine Mitmenschen wendet, um möglichst viele mit in den Tod zu nehmen - und der dabei meint, einen gerechten Krieg zu führen. Er ist vor allem auch einer, dem es darum ging, dabei gesehen zu werden.

Deshalb hat er seine «Schlacht» ordentlich dokumentiert: Nach den ersten Morden auf dem Campus der Virgina Tech in Blacksburg schickte Cho ein sorgfältig vorbereitetes Multimedia-Paket an den US-Sender NBC: mit einer Stellungnahme von 1800 Wörtern und 48 Fotos. Dann ging er weiter töten. Der Sender öffnete das Paket erst einen Tag später.

«Ihr hattet hundert Milliarden Möglichkeiten und Wege, den heutigen Tag zu verhindern. Ihr habt mich in die Ecke getrieben», heißt es da. «Ihr habt mir keine andere Chance gelassen. Die Entscheidung war eure. Jetzt habt ihr Blut an den Händen, das nie wieder abgeht.» Die 32 Menschen, die Cho hingerichtet hat, hatten keine Wahl. Daran wird auch diese Schuldzuweisung nichts ändern. Cho war es, der die größte aller Entscheidungen auf Erden für sie fällte: die für den Tod. Und das ist durch nichts zu entschuldigen.

Es wird sie immer geben
Die Liste von Tötungsaktionen solcher Art ist lang. Es hat Attentate wie dieses immer gegeben und wird sie immer geben. Und wenn die Aufregung sich bald gelegt hat - denn sie legt sich immer - wird wie immer als einziger Schluss übrig bleiben, dass die Menschen «besser aufeinander aufpassen müssen».

Allerdings hat Chos Vorgehen eines sehr deutlich gemacht: Die Gesellschaft wählt die Waffen.

Die Wahl der Waffen
Die Bilder vom Täter von Blacksburg erinnern an die von Columbine oder auch an Robert Steinhäuser aus Erfurt. Und das mit Absicht. Während die solchen Tragödien folgende Debatte über «Killerspiele» und den Verfall der Werte fast schon auf Autopilot durch die Medien wabert, laufen die Bilder, die Cho uns so vorausschauend zur Verfügung gestellt hat, über alle Kanäle. Mal mit Schusswaffe, mal ohne, mal Filmszenen nachstellend. Er hat das Bild, das die Welt nun von ihm hat, selbst gewählt. Wir, die wir es benutzen, geben ihm die Macht, die er sich mit den Morden erkauft hat.

Cho ist posthum ein Star. Und das kann man sogar laut sagen, denn im Netz fanden sich bereits kurz nach dem Mord an 32 Menschen Kommentare, die den «Märtyrer» verehren und in eine Reihe stellen mit den Klebolds dieser Welt.

In seinen letzten Worten, die an den Sender gingen, nennt Cho Eric Harris und Dylan Klebold, die Mörder von Columbine, sogar als Vorbilder. Das hatte auch ein 25-jähriger Todesschütze getan, der im September 2006 in einer Schule in Montréal um sich schoss und eine Frau tötete. 2005 kursierte ein Ego-Shooter im Netz, der den Columbine-Überfall als Vorlage nutzte.

Nach oben offene Steigerungsskala
Die Attentäter beziehen sich mittlerweile aufeinander, sie ordnen sich ein in die Chronologie der Tötungen und verpassen den Morden ein Image. Dabei steigt natürlich auch die Zahl der Opfer, denn die Mediengesellschaft reagiert bekanntermaßen auf «kleinere Vorfälle» mit geringerer Aufmerksamkeit. So entsteht ein sarkastisches Ranking, das sich wiederfindet in den Auflistungen früherer Mordreihen solcher Art, die jedes Mal abgerufen werden, wenn wieder jemand sein Leben über das anderer Menschen gestellt hat. Die Steigerungsskala ist nach oben offen.

Natürlich wird das niemanden davon abhalten, die Bilder und Worte der Mörder zu verbreiten. Aber dann muss man sich über die Wahl der Waffen auch nicht wundern.