18.04.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Als «mit Problemen belastet» haben Dozenten den Studenten Cho beschrieben, der in Blacksburg zum Amokläufer wurde. Viele Kleinigkeiten charakterisieren ihn als Outsider.
Er schrieb Theaterstücke voller Gewaltfantasien, galt an der Universität als Sonderling und wurde durch irgendetwas zum Amokläufer: Was genau den südkoreanischen Studenten Cho S.-H. am Montag dazu veranlasste, 32 Menschen auf dem Campus der Virginia Tech in Blacksburg und dann sich selbst zu erschießen, ist den Ermittlern nicht klar.
Klar scheint jedoch zu sein, dass der spätere Amokläufer vorher schon auffiel, weil es schwierig war, mit ihm zurecht zu kommen. Die Studentin Stephany Derry sagte, sie habe mit Kommilitonen bisweilen darüber gescherzt, dass Cho wohl irgendwann etwas tue, wovon man noch hören werde. Ian MacFarlane äußerte sich in seinem Blog entsetzt über den Inhalt der Theaterstücke seines früheren Mitschülers. Er habe mit anderen Studenten deshalb schon mal darüber spekuliert, ob Cho einmal an der Uni zur Waffe greifen werde.
In seinen Stücken beschrieb der Amokläufer Gewaltfantasien: Figuren griffen sich mit Kettensägen an und warfen mit Hämmern um sich, wie MacFarlane sich erinnert. Chos Stücke wirkten mit ihrer «perversen, makabren Gewalt» bisweilen «wie aus einem Alptraum.» Der 23-Jährige habe den Einsatz von Waffen beschrieben, die er sich selbst nicht einmal hätte vorstellen können.
Auch Dozenten waren beunruhigt: Die Leiterin der Fakultät für Englisch, Carolyn Rude, sagt, die Direktorin der Fachschaft Kreatives Schreiben, die Cho aus einem ihrer Seminare kannte, habe ihn als «mit Problemen belastet» beschrieben. Cho sei an den psychologischen Dienst verwiesen worden. Wann und mit welchem Ergebnis dies geschehen sei, wisse sie nicht. «Er hat Anlass zur Sorge gegeben», sagte Rude. «Beim kreativen Schreiben enthüllen Menschen manchmal Dinge, von denen man nicht weiß, ob sie sich das ausdenken oder ob das vielleicht wahr sein könnte. Aber wir achten alle darauf, solche Dinge nicht zu ignorieren.»
Kommilitonen berichteten, am ersten Tag eines Literaturseminars hätten sich alle Teilnehmer vorgestellt, nur Cho habe nichts gesagt. Auf der Anwesenheitsliste habe er nur ein Fragezeichen eingetragen. «Ist Ihr Name 'Fragezeichen'?», habe der Professor gefragt, erinnerte sich die Studentin Julie Poole. Cho habe darauf kaum reagiert. «Wir kannten ihn eigentlich nur als den Fragezeichen-Typen.»
Fotos unter dem TischWie der Sender CNN berichtet, beobachtete sogar die Polizei Cho vergangenes Jahr sehr genau, weil er eine Frau verfolgt habe. Er sei ihr nachgegangen und habe ihr E-Mails geschrieben.
Dozenten berichten zudem, er habe in Seminaren Fotos von anderen Studenten gemacht - oft unter dem Tisch. Die Polizei habe jedoch nichts tun können, weil es keine direkte Bedrohung gegeben habe, nur lauter kleine Anzeichen eines merkwürdigen Verhaltens.
So habe es auch nichts bewirkt, dass eine Dozentin seine Zeilen so alarmierend fand, dass sie zur Polizei ging.
Feuer gelegtDer Amokläufer habe in jüngster Zeit ein beunruhigendes Verhalten gezeigt, berichtete «The Chicago Tribune» in ihrer Online-Ausgabe. Beispielsweise habe er im Zimmer eines Wohnheims Feuer gelegt. Die Ermittler seien der Auffassung, dass Cho zeitweise Medikamente gegen Depressionen genommen habe, berichtete die Zeitung.
Der Südkoreaner lebte seit 1992 in den USA, seine Eltern arbeiteten in einem Vorort von Washington in einer Reinigung. «Er war sehr ruhig und immer allein», erinnerte sich ein Nachbar, Abdul Shash. 2003 machte er seinen Abschluss an der Westfield High School in Chantilly in Virginia. Auch eines seiner Opfer vom Montag, Reema Samaha, ging auf diese Schule. Die Ermittler konnten zunächst nicht sagen, ob der Amokläufer sie kannte. Nach Angaben der Universität lebte Cho in einem Studentenwohnheim auf dem Campus - einem anderen Wohnheim als dem von ihm überfallenen. Eine Waffe, die Glock-Pistole, kaufte er im vergangenen Monat, legal, da er eine Green Card besaß. Der Ladenbesitzer John Markell sagte, Cho habe 571 Dollar bezahlt. «Er war ein netter, ordentlicher College-Junge. Wir würden keine Pistole verkaufen, wenn wir den Käufer für verdächtig hielten», versicherte er. (Adam Geller, AP)