29. Mrz 2007 16:51
Warum saufen sich Jugendliche bis ins Koma? Viele finden es einfach nur cool. Die tödliche Gefahr, die das so genannte Kamptrinken birgt, sehen die Wenigsten.
Die tödliche Gefahr durch «Koma-Saufen» wird Medizinern zufolge nicht nur von Jugendlichen stark unterschätzt. Ein solcher Exzess kann auf mehrfache Weise tödlich sein, wie der Präsident der europäischen Alkoholforschungsgesellschaft, der Heidelberger Professor Helmut K. Seitz, sagt. Allein eine alkoholbedingte starke Unterzuckerung des Körpers könne zum Tod führen. Bei alkoholbedingten Notfällen müssten Mediziner immer den Blutzucker messen und eventuell Glukose spritzen. So werde aber nicht immer verfahren, erläutert Seitz. Schnelles Trinken von sehr viel Alkohol kann außerdem das Atemzentrum im Gehirn lahm legen und auf diese Weise zum Tod führen. Der Rechtsmedizin-Professor Fritz Pragst von der Charité erklärt: «Die Schutzmechanismen des Körpers werden beim Sturztrunk überfordert; einem wird nicht übel wie beim langsameren Trinken von viel Alkohol.» Das sei lebensgefährlich.
Der 16-Jährige hatte sich nach Angaben von Begleitern während des Schlafs erbrochen und war plötzlich blau im Gesicht angelaufen. Das weise auf ein Ersticken hin, sagt Pragst. Alkohol reize die Schleimhaut von Speiseröhre und Magen. Beim Erbrechen während des Schlafs im Rausch kann Erbrochenes in die Lunge gelangen. Professor Seitz sagt, chronische Trinker hätten bereits bis zu sechs Promille Alkohol im Blut überlebt. Dagegen seien Gehirn und Leber bei Jugendlichen - ebenso wie bei alten Menschen - sehr empfindlich und bauten den Alkohol nicht so schnell ab wie regelmäßige Trinker.
Dieser Problematik widmet sich der erste Lehrstuhl für Suchtforschung an der Universität Heidelberg. Professor Karl Mann ist zugleich Sprecher der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Suchtforschungsverbünde. Er fordert ein Verbot des so genannten Flatrate-Saufens, bei dem Lokale für einen pauschalen Preis unbegrenztes Alkoholtrinken anbieten. Die Wirte müssten für die Folgen verantwortlich gemacht werden, sagt Mann. Die Erfahrung zeige, dass es erfolgreicher sei, die Umstände als das Verhalten der Suchtgefährdeten zu ändern. Die Fachleute sprechen von Verhaltensprävention und Verhältnisprävention. «Es sollte rigoroser durchgegriffen werden», meint der Wissenschaftler.
Was Jugendliche zu Alkoholexzessen treibt, ist nach Ansicht Manns eine «Gemengelage»: Das günstige Angebot der Lokale sei reizvoll, die Jugendlichen wollten vor anderen demonstrieren, wie stark sie seien, und es herrsche ein Gruppenzwang, wie er auch für das Wett-Trinken an Colleges in den USA typisch sei. Professor Mann betont, das Gehirn sei erst mit 17 bis 18 Jahren ausgereift: «Dadurch ist das Zellgift Alkohol noch zusätzlich besonders schädlich.» Gehirnzellen sterben dann unwiederbringlich ab. Vor einem Alter von 16 bis 18 Jahren sollte man möglichst gar kein Alkohol trinken, empfiehlt Mann.
Deswegen gehen Überlegungen auf EU-Ebene dahin, das Mindestalter für Alkoholkonsum auf 16 bis 18 Jahre heraufzusetzen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, hat sich positiv dazu geäußert, sieht aber die bestehenden Jugendschutzvorschriften als ausreichend an. Nach Angaben der Hauptstelle für Suchtfragen gibt es unter den Jugendlichen gegensätzliche Trends. Die einen konsumierten weniger und bewusster Alkohol, andererseits nehme starkes Trinken in Gruppen zu, sagt die Sprecherin Christa Merfert-Diete. Verbote brächten nichts, meint sie, denn Risikoverhalten gehöre zum Jugendalter. Vielmehr müssten Erwachsene Regeln für das Trinkverhalten der Jugendlichen aufstellen und kontrollieren. Sie kritisiert, dass Alkoholkonsum in der Werbung und Gesellschaft als cool dargestellt werde. Dabei wirke auch das Vorbild von Stars und Sportlern.
Der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht eine Zunahme extremen Alkoholkonsums bei Jugendlichen aus wohlhabenden Familien und bei Frauen. «Die legale Droge ist attraktiv geworden für gut situierte Jugendliche, für Leistungsträger», sagt der Bielefelder Professor in der Berliner «Tageszeitung». Entsprechend gebe es an Gymnasien eine besonders starke Verbreitung. Der Konsum sei insgesamt aber nicht angestiegen. (Von Inge Treichel, AP)