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Gefühle: 

Knut tut gut - aber das tut Knut nicht gut

23. Mrz 2007 18:25
Knut im Berliner Zoo
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Eisbärbaby Knut lässt uns all die Geschichten über getötete Babys vergessen. Denn er lebt. Und uns geht es deshalb besser. Ziemlich egoistisch, findet Domenika Ahlrichs

Süß! Schnucklig! Knuddelig! Ja, ja, keine Frage, das alles ist der kleine Eisbär Knut. Besonders, wenn er so unsicher in die Welt hinaus tapst, wie seit Freitagmorgen vor den Augen Hunderter im Berliner Zoo.

Aber: Das ist das ganz normale Kindchenschema. Die Biologie will es so, dass wir da ganz verzückt reagieren. Und: Hunderte Zuschauer. Haben die nichts besseres zu tun? Vier Beine, weißes Fell, Stupsnase und große dunkle Augen. Viel mehr ist es doch nicht, was die Massen zu sehen bekommen, wenn sie Eisbärbaby Knut erblicken. - Der Kleine ist offensichtlich weitaus mehr.

Er ist ein Geretteter. Er lebt. Anders als das Baby, das in Hamburg aus dem Fenster geworfen wurde. Anders als das Baby, das im Gefrierfach landete. Oder das, das verhungert ist, geprügelt wurde, verwahrloste irgendwo mitten in Deutschland. Bei Knut war da jemand, der ihm half, als die Mutter nichts mehr von ihm wissen wollte, jemand, der ihm vor dem Aufprall bewahrte. Sein Pfleger hat ihm eine zweite Chance gegeben. So wie die Prominenten, die derzeit Kinder aus Afrika und Asien holen, um ihnen ein Leben in Luxus zu geben. Eine Wohlfühlgeschichte.

Und Knut ist vor allem auch das: Unschuld. Hilflosigkeit. Naive Neugier aufs Leben. Schöne heile Welt. Ach, wir abgeklärten Erwachsenen, was gäben wir drum, könnten wir noch einmal durch die Welt tapsen und uns um nichts weiter sorgen als um den nächsten Schritt!

Kurzum, der kleine Eisbär ist ein Wesen, das die Großen in irrationale Verzückung treibt – und die Kleinen reflexartig jubeln lässt. Kinder allüberall in Deutschland malen seit Wochen nur noch Knut-Bilder, dichten Knut-Gedichte und halten Knut-Poster in die Kameras «Knut tut gut».

Auf den Punkt gebracht ist das der wahre Grund für die Knut-Hysterie, die so einigen dieser Tage befallen hat: Was schmeckte süßer, als von einer solchen Rettungsgeschichte zu kosten? Was rührte mehr als dieses muntere Fellbündel, dem so mancher nach dem «artgerechten» Tod trachtete?

Ja, Knut tut gut. Nur tut das alles Knut gut? Momentan wirkt es noch so. Doch wenn der Bär groß geworden ist, und seine Schritte nicht mehr tapsig wirken, sondern gestört, weil er nie das Leben mit den anderen Eisbären lernte, als großes, hilfloses Raubtier vergessen von allen, die jetzt «süüüüüüüüüüüß» rufen, dann stelle ich die Frage noch einmal - und fürchte, dass er eine dritte Chance nicht bekommt.

 
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