20.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Spezialkräfte der Polizei vor der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Abscheu und Frust trieben einen 18-Jährigen, als er an einer Realschule in Nordrhein-Westfalen um sich schoss. Zuvor attackierte der Ex-Schüler seine Mitmenschen noch einmal im Internet.
Vor seiner Waffen-Attacke auf eine Realschule im nordrhein- westfälischen Emsdetten hat der Täter einen Abschiedsbrief im Internet veröffentlicht. Nach Erkenntnissen der Polizei ist er authentisch.
Demnach waren die Schüsse vom Montagvormittag ein Racheakt: «Das einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin», heißt es in dem Text, in dem auch die Geschwister-Scholl-Schule mit der Abkürzung GSS genannt wird.
«Ihr habt Euch über mich lustig gemacht, dasselbe habe ich nun mit euch getan, ich hatte nur einen ganz anderen Humor», schrieb der Schütze weiter. «Ich will, dass sich mein Gesicht in eure Köpfe einbrennt. Ich will Rache! Ich hasse euch und eure Art. Ihr müsst alle sterben!»
Fanatischer «Counterstrike»-SpielerAuf Fotos seiner Website posiert der junge Mann mit Waffen, darunter auch eine Maschinenpistole. «Ich verabscheue Menschen», heißt es. Der Brief schließt mit den Worten: «Ich bin weg...».
Der 18-Jährige hatte in der Emsdettener Geschwister-Scholl-Schule um sich geschossen und 37 Menschen verletzt. Darunter sind 16 Polizisten, die den Rauch von Gasbomben einatmeten, die der Täter in der Schule gezündet hatte. Fünf Personen trafen Schüsse. Der Hausmeister der Schule und zwei Kinder wurden nach Behördenangaben schwer verletzt.
Bei der Bergung der Leiche habe der Schulschütze 13 Rohrbomben und vier Gewehre bei sich gehabt, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer im ZDF. Eine der Rohrbomben sei in der Nähe des Mannes im 2. Obergeschos der Geschwister-Scholl-Realschule explodiert. Die Sprengstoffexperten der Polizei hatten sich der Leiche wegen der Explosionsgefahr vorsichtig nähern müssen. Die Polizei ging von einer Selbsttötung aus. «Es hat keinen Schusswaffengebrauch durch die Polizei gegeben», sagte Einsatzleiter Hans Volkmann.
Am Dienstag wollen Ermittler den Täter obduzieren lassen. Der Mann sei ein ehemaliger Schüler und im Ort bekannt gewesen, berichtet die «Neue Osnabrücker Zeitung». Wie in Internet- Foren zu lesen ist, zählte er zur Fangemeinde des oft als Gewalt verherrlichend kritisierten Computerspiels «Counterstrike».
Relativ verstörtDer Münsteraner Staatsanwalt Wolfgang Schweer sagte, der Schütze habe allein gehandelt. Bereits vor der Tat sei er auffällig geworden: Gegen ihn lief demnach ein Verfahren wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz, weil er mit einer scharfen Waffe angetroffen worden war. Die Hauptverhandlung vor dem Jugendgericht in Rheine deswegen war für Dienstag geplant.
Bei der Identifizierung des Täters half ein Schüler der Polizei: Er habe den 18-jährigen Schützen getroffen, als dieser auf dem Weg zur Schule war, hieß es. Der Täter hat nach Aussagen des Zeugen «einen relativ verstörten» Eindruck gemacht. Daraufhin habe sich der Schüler an die Polizei gewandt.
«Er trug immer schwarze Klamotten und Springerstiefel», ließen sich Mitschüler zitieren. Sie und Lehrer rückzen den Täter in die Nähe zum Satanskult: «Wir hatten Angst vor ihm.» Der junge Mann soll erst in diesem Jahr seinen Abschluss gemacht haben.
Kein normaler UnterrichtAls der Täter auf dem Schulhof zu schießen begann, hätten die Mitschüler zunächst an Knallkörper gedacht, berichtet die «Neue Osnabrücker Zeitung». Als klar wurde, dass es sich um Schüsse handelte, habe sich ein Teil ins Lehrerzimmer der Schule geflüchtet. Andere hätten das Schulgelände verlassen.
Bereits am Dienstag sollen die mehr als 600 Mädchen und Jungen wieder zur Schule gehen. Allerdings werde es keinen herkömmlichen Unterricht geben, kündigte Nordrhein-Westfalens Schulministerin Barbara Sommer (CDU) an.
Die Kinder und Jugendlichen werden voraussichtlich viele Monate mit der Verarbeitung der Schießerei beschäftigt sein. «Erfahrungsgemäß bleibt das Thema von der psychischen Belastung her ein halbes Jahr vorhanden, weil dieser Zeitraum der Verarbeitung einfach notwendig ist», sagte der Bielefelder Notfallpsychologe Werner Wilk der Nachrichtenagentur dpa. (nz)