09.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Transparente vor dem Dresdener Landgericht
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Mit seiner Kletteraktion auf das Dach seines Gefängnisses wollte Mario M. verhindern, dass Videofilme von ihm vor Gericht gezeigt werden, vermutet die Polizei. Er hatte Folterungen an der entführten Stephanie aufgezeichnet.
Mario M. hatte nach Einschätzung der Ermittler ein Motiv für die Flucht auf das Gefängnisdach: Er wollte verhindern, dass pornografische Videoaufnahmen in dem Prozess um die Entführung des Mädchens Stephanie eine Rolle spielen, sagte der Polizeipräsident von Sachsen, Klaus Fleischmann.
Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft hat der Angeklagte seine Folterungen und Vergewaltigungen an dem Teenager immer wieder gefilmt. Das Bildmaterial soll während der Verhandlung gezeigt werden.
Ferner habe Mario M. mit seiner Aktion den Ablauf der Verhandlung stören wollen, sagte Fleischmann weiter.
«Er hielt sich beständig in einer Ecke auf und ließ uns wissen, dass er sich auf die Spitzen eines Zaunes werfen würde, falls er sich dazu gezwungen sehe», sagte Fleischmann. Deshalb habe die Polizei abgewartet und lediglich Psychologen in Sicherem Abstand mit ihm reden lassen. Außerdem sei niemand außer ihm gefährdet gewesen. «Offensichtlich hat er sich sehr wohl gefühlt und das Medieninteresse genossen.»
«Ich bin da»Sachsens Justizminister Geert Mackenroth kündigte an, zu prüfen, wer inner- und außerhalb des Gefängnisses für den Vorfall verantwortlich sei. M. war beim Hofgang am Mittwochmorgen seinen Bewachern entwischt und an einer vergitterten Fensterfront auf ein neun Meter hohes Hafthaus geklettert. Dort hatte er stundenlang gestanden und erst am frühen Donnerstagmorgen unverletzt aufgegeben.
Die Bilder des auf dem Dach stehenden Täters «vermitteln natürlich den Eindruck, hier verhöhnt der Täter sein Opfer und gibt ihm durch Körpersprache zu verstehen: Ich bin da, ich habe Kontrolle», sagte Mackenroth.
Der Vollzug müsse immer darauf achten, dass die Gefangenen unversehrt blieben. Dazu gebe es im Rechtsstaat keine Alternative. «Die Bilder sind für den Freistaat und mich persönlich peinlich», sagte Mackenroth. Die Erregung der Beteiligten könne er verstehen. In der kommenden Woche will er im Landtag über den Vorfall berichten.
«Zum zweiten Mal Opfer geworden»Der Sprecher der Opfervereinigung Weißer Ring, Helmut Rüster, kritisierte die Entscheidung des Gerichts, den Prozess wegen des Zustands von Mario M. nach dessen Stunden auf dem Dach zu unterbrechen: «Ein Mensch, der zu solchen Taten fähig ist und 20 Stunden aufrecht auf dem Dach stehen kann, kann auch im Gerichtssaal sitzen.»
Stephanie sei zum zweiten Mal Opfer geworden, sei wieder dem Täter und seinem Handeln ausgeliefert. Er bestimme erneut über Leben und Wohlbefinden seines Opfers, indem er den Prozess mit seinen Taten verzögere und unterbreche. Unfassbar sei, dass die Justiz mehr auf die Rechte des Täters achte als auf die des Opfers. «So ein Mensch hat kein Anrecht auf Privilegien.» (nz)