Acht Jahre Martyrium von Nachbarn unbemerkt
Die Fahrbahn vor der Heine Straße 60 ist an diesem Donnerstagmorgen weiträumig abgesperrt. Nachbarn führen ihre Hunde Gassi, Jogger laufen an den Eisengittern vorbei, werfen einen flüchtigen Blick auf das gelbe Haus, hinter dessen Mauern der 44- jährige Wolfgang Priklopil mehr als acht Jahre lang sein Entführungsopfer versteckte. Wie konnte es geschehen, dass hier niemand etwas von dem Verbrechen bemerkte? Selbst die Mutter des Kidnappers nicht, die die kleine Natascha Kampusch aus Wien- Donaustadt bei einem Besuch sah, aber den Ausreden des Sohnes glaubte. «Es ist eine Tragödie», klagt eine 80-jährige Passantin im Vorübergehen: «Hier kümmert sich keiner um den anderen!»
Ein brutaler Kinderschänder vom Typ des Belgiers Marc Dutroux, war Priklopil offenbar nicht. Zwar lässt er sich von dem Kind jahrelang mit «Gebieter» anreden, aber er versorgt das Mädchen mit Nahrung, bringt ihr Bücher und auch Videokassetten, die er dann fein säuberlich in einem Regal neben ihrem Klappbett aufstellt. Jahrelang sieht Natascha kein Tageslicht. Die Wände sind schalldicht. Schreien ist zwecklos. Möglicherweise nimmt er das verzweifelte Mädchen, das er durch die Isolation völlig an sich gebunden hat, sogar zu einem Einkauf mit. Dies aber ist nur eine Vermutung der Polizei. Die junge Frau leidet nach Aussagen der Polizei an einem schweren Stockholm- Syndrom, einer durch die Auswegs- und Hoffnungslosigkeit bedingte Bindung des Entführungsopfers an den Täter.
Wiener Psychologen meinten am Donnerstag, das Trauma der Natascha Kampusch, die durch die jahrelange Isolierung ihre Kindheit verlor, sei heilbar. Doch die Therapie des Mädchens, so die Traumatherapeutin Eva Münker-Kramer, werde Jahre dauern. Das wirkliche Tatmotiv des Entführers wird nach seinem Selbstmord nicht mehr zu klären sein. Dazu der Kriminalpsychologe Rudolf Egg (Wiesbaden): «Sein Hauptmotiv dürfte wohl gewesen sein, jemanden zu haben, der bei ihm bleibt und ihn nicht verlässt. Möglicherweise war er ein Mensch, der sehr einsam war.» (dpa)

