Entführungsdrama endet mit Selbstmord
24. Aug 2006 07:40, ergänzt 11:21
Acht Jahre nach ihrer Entführung ist einer jungen Frau in Österreich die Flucht geglückt. Ihr Kidnapper warf sich kurz darauf vor einen Zug. Anhand einer Narbe konnte die Polizei Natascha Kampusch eindeutig identifizieren.
Nach acht Jahren in der Gewalt eines Kidnappers ist die 18-jährige Natascha Kampusch in Österreich wieder aufgetaucht. Sie meldete sich am Mittwoch bei der Polizei in Strasshoff in Niederösterreich, nachdem ihr die Flucht gelungen war. Ihr 44-jähriger Kidnapper nahm sich wenige Stunden später das Leben.
Wie das Bundeskriminalamt in Wiesbaden am Donnerstag mitteilte, wurde die Frau anhand einer Narbe bereits eindeutig identifiziert. Eine DNA-Untersuchung und eine computergestützte Gesichtsanalyse soll nun endgültige Klarheit schaffen. Die Ermittler gehen nach ersten Befragungen des Opfers davon aus, dass die Frau jahrelang in einem drei Mal vier Meter großen Verlies in einer Montagegrube in einer Garage verborgen gehalten wurde. Dort wurde auch ihr Reisepass entdeckt.
Verlies mit schalldichtem Tresor blockiert
Das Versteck, in dem sich Toilette und Bad, ein Hochbett und Regale mit Büchern befanden, sei mit einer Mauer abgeteilt worden, berichtet die Zeitung «Der Standard». Einen Durchgang zu dem Gefängnis habe der Kidnapper mit einem schalldichten Tresor versperrt, wenn er das Haus verlassen wollte.
Natascha Kampusch war im März 1998 im Alter von zehn Jahren auf dem Weg zur Schule in der Nähe von Wien spurlos verschwunden. Sie wurde inzwischen für tot gehalten. Nach der Aussage der Frau leitete die Polizei eine Großfahndung nach dem Täter ein. Der Nachrichtentechniker Wolfgang P. konnte zunächst entkommen, stürzte sich jedoch am Abend nach Polizeiangaben bei Wien-Leopoldstadt vor einen Zug.
Laut Medienberichten war die Polizei dem Mann schon seit einigen Tagen auf der Spur gewesen. Nach Angaben der Kriminalpolizei hatte sich die junge Frau am Mittag aus der Gefangenschaft ihres Entführers befreien können.
Bei guter Verfassung, aber sehr blass
Kampusch verbrachte ihre erste Nacht in Freiheit laut Polizei «an einem sicheren Ort», wo sie von Psychologen betreut wurde. Sie sei in guter körperlicher Verfassung aber sehr blass, sagte ein Polizeisprecher. Die Familie des Opfers bat die Medien um Verständnis dafür, dass sie in den nächsten drei Tagen keine Interviews geben werde.Der Täter hatte das Mädchen nach deren Angaben weitgehend von der Außenwelt isoliert. Sie habe während dieser Zeit lesen und etwas Fernsehen dürfen und sei von Wolfgang P. unterrichtet worden, sagte sie aus. Die Polizei vermutet, dass sie bis zuletzt physischer Gewalt ausgesetzt war und sexuell missbraucht wurde. Den Aussagen des Opfers nach könnte Wolfgang P. außerdem mit Sprengstoff hantiert haben. Hinweise darauf wurden bislang aber nicht gefunden.
Opfer nutzte günstigen Moment aus
Ermittlungsleiter Nikolaus Koch ging davon aus, dass Kampusch die Flucht gelungen sei, nachdem der Umgang des Entführers mit dem Opfer lockerer geworden sei. «Er war nicht mehr so vorsichtig wie am Anfang», sagte Koch. Ab und zu sei die Frau sogar mit Wolfgang P. einkaufen gewesen. Die Ermittler sind überzeugt, dass Natascha Kampusch mehrere Situationen, in denen sie um Hilfe hätte bitten können, nicht ausgenutzt habe, weil sie an dem Stockholm-Syndrom gelitten und sich also mit ihrem Peiniger solidarisiert habe. In einem günstigen Moment, als der Entführer das Haus verlassen habe ohne abzuschließen, sei die Frau dann aber doch weggelaufen.
Die der «Standard» berichtete, Kampusch habe in einem Nachbargarten Zuflucht gesucht, als Wolfgang P. sie einmal nicht eingeschlossen habe. Die Nachbarin habe die Polizei verständigt, als sie auf die völlig verwahrloste Frau aufmerksam wurde.
Kampusch war nach ihrem Verschwinden trotz intensiver Suche in ganz Österreich und in Ungarn nicht gefunden worden. Augenzeugen sagten seinerzeit allerdings aus, die Kleine sei von einem Unbekannten in einem weißen Kleinbus entführt worden.
Entführer 1998 bereits von Polizei überprüft
Die Polizei überprüfte danach erfolglos Hunderte Kleinbusse. Taucher durchsuchten Teiche, von Hubschraubern aus wurde mit Wärmebildkameras vergeblich nach dem Kind gesucht.Der Entführer wurde laut dem «Standrad» im Zuge der Fahndung im April 1998 von der Polizei befragt. Er konnte den Ermittlern damals glaubhaft machen, dass er den Kastenwagen zum Transport von Bauschutt nutzte. Mangels weiterer Verdachtsmomente verzichtete die Polizei auf eine Hausdurchsuchung.
Öffentlichkeit und Polizei standen damals unter dem Eindruck des knapp zwei Jahren zuvor aufgeflogenen Dutroux-Skandals in Belgien. Es wurde befürchtet, dass die Zehnjährige von einem Kinderschänder entführt und ermordet worden sein könnte. (nz)