Neapel versinkt im Müll
28.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Eigentlich gilt Neapel als eine der schönsten Städte Italiens, herrlich gelegen zwischen Vesuv und dem blauen Mittelmeer, zwischen Zitronenbäumen und Bougainville-Sträuchern. Mit diesem romantischen Bild der süditalienischen Metropole scheint es aber fürs erste vorbei zu sein: Es stinkt in «Bella Napoli».
An jeder Ecke türmen sich übel riechende Müllberge, aus zerrissenen Plastiktüten quellen verdorbene Tomaten, Konservendosen, faules Obst und klebrige Safttüten. «Eine Kloake unter offenem Himmel», umschrieb es ein entsetzter Journalist zuletzt.
«Das machen wir so alle drei oder vier Wochen einmal, dann kommt die Polizei und die Stadtverwaltung schaufelt das Zeug schließlich weg», sagt ein wütender Anwohner. Manche Straßen sind bereits zu Einbahnstraßen geworden, weil eine Fahrbahn meterhoch mit Mülltüten vollgestopft ist.
«Gefangene des Abfalls», titelte das Blatt in großen Lettern. Insgesamt 6000 Tonnen «immondizia» (Abfall) liegen in Neapel und Vororten auf den Straßen.
Auch in dem neapolitanischen Vorort San Gennaro Vesuviano liegen überall stinkende Säcke am Straßenrand. Als plötzlich ein Regenguss niedergeht, lösen sich die Abfälle auf, unansehnliche Essensreste vermischen sich mit dem abfließenden Regenwasser.
Auf einem Schild vor dem Hotel «Carmencita» in Anacapri steht zu lesen: «Es sieht hier aus wie in der Dritten Welt, aber wir sind dafür nicht verantwortlich. Wir bitten um Entschuldigung.»
Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino nahm sich diesen kirchlichen Appell zu Herzen und versprach - unter den Protesten zahlreicher Umweltschützer - eine neue Müllverbrennungsanlage für die Stadt.
Aber die Frage bleibt: Wo? Kein Stadtteil oder Vorort will ein solches Endlager beherbergen. Jeder Versuch wurde bisher mit Demonstrationen und Straßenblockaden der Anwohner abgewehrt.
Dabei kostet die Müllabfuhr die Menschen in Neapel viel Geld: Für ein 70-Quadratmeter-Appartement müssen die Bewohner immerhin 196 Euro Müllgebühren im Jahr hinblättern. «Wir zahlen regelmäßig, aber es kommt nur jemand, wenn wir den Müll anzünden», ruft eine Rentnerin zornig.

