Neapel versinkt im Müll
28. Jul 2006 14:42
 |  Müll droht Epidemien auszulösen | Foto: dpa |
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Faulige Tomaten, verdorbenes Obst und klebrige Safttüten: In Neapel türmen sich die Abfälle. Verzweifelte Bürger verbrennen Müll inzwischen auf eigene Faust.
Von Carola FrentzenEigentlich gilt Neapel als eine der schönsten Städte Italiens, herrlich gelegen zwischen Vesuv und dem blauen Mittelmeer, zwischen Zitronenbäumen und Bougainville-Sträuchern. Mit diesem romantischen Bild der süditalienischen Metropole scheint es aber fürs erste vorbei zu sein: Es stinkt in «Bella Napoli».
An jeder Ecke türmen sich übel riechende Müllberge, aus zerrissenen Plastiktüten quellen verdorbene Tomaten, Konservendosen, faules Obst und klebrige Safttüten. «Eine Kloake unter offenem Himmel», umschrieb es ein entsetzter Journalist zuletzt.
Bürger verbrennen Abfälle selbst
Die Region Kampanien rund um Neapel weiß einfach nicht mehr wohin mit den Abfällen: Es mangelt an Verbrennungsanlagen und dem nötigen Platz. Aufgebrachte Bürger greifen unterdessen bereits zu Eigeninitiativen, um sich des lästigen Mülls zu entledigen: Wenn der modrige Abfallberg zu hoch wird, lassen sie ihn einfach in Flammen aufgehen. «Das machen wir so alle drei oder vier Wochen einmal, dann kommt die Polizei und die Stadtverwaltung schaufelt das Zeug schließlich weg», sagt ein wütender Anwohner. Manche Straßen sind bereits zu Einbahnstraßen geworden, weil eine Fahrbahn meterhoch mit Mülltüten vollgestopft ist.
Warnung vor Epidemien
Dazu kommt die ungewöhnlich große Sommerhitze. Manche Experten befürchten bereits, dass sich Epidemien unter den Neapolitanern ausbreiten könnten.
 |  'Gefangene des Abfalls' | Foto: dpa |
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«Jedes Wohnhaus hat seinen eigenen Baum, wo die Abfälle abgeladen werden, jedes Viertel hat sein eigenes Inferno an Gerüchen, an Fliegen und an Dioxin vom letzten Brand», schrieb die Zeitung «La Repubblica» zuletzt. Selbst im Meer vor dem Vesuv schwimmen die Plastiksäcke bereits. «Gefangene des Abfalls», titelte das Blatt in großen Lettern. Insgesamt 6000 Tonnen «immondizia» (Abfall) liegen in Neapel und Vororten auf den Straßen.
Ferieninseln Capri und Ischia betroffen
Auch die vorgelagerten Urlaubsinseln Capri, Ischia und Procida sind bereits betroffen: «Bitte entschuldigen Sie das unansehnliche Bild auf den Straßen, aber die Müllabfuhr kommt einfach nicht mehr», versucht der Hotelbesitzer der «Residence Tirreno» auf Procida den Besuchern die Lage zu erklären. Auch in dem neapolitanischen Vorort San Gennaro Vesuviano liegen überall stinkende Säcke am Straßenrand. Als plötzlich ein Regenguss niedergeht, lösen sich die Abfälle auf, unansehnliche Essensreste vermischen sich mit dem abfließenden Regenwasser.
Auf einem Schild vor dem Hotel «Carmencita» in Anacapri steht zu lesen: «Es sieht hier aus wie in der Dritten Welt, aber wir sind dafür nicht verantwortlich. Wir bitten um Entschuldigung.»
Auch der Vatikan protestiert
Selbst der Vatikan hat sich schon eingeschaltet. Der Erzbischof von Neapel, Kardinal Crescenzio Sepe, predigte jetzt: «Diese Stadt ist ein Geschenk Gottes, man sollte den Duft des Meeres riechen, stattdessen gehe ich durch die Stadt und kann sie kaum wiedererkennen. Wir müssen die Stadt äußerlich säubern, damit sie auch von innen rein wird.» Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino nahm sich diesen kirchlichen Appell zu Herzen und versprach - unter den Protesten zahlreicher Umweltschützer - eine neue Müllverbrennungsanlage für die Stadt.
Aber die Frage bleibt: Wo? Kein Stadtteil oder Vorort will ein solches Endlager beherbergen. Jeder Versuch wurde bisher mit Demonstrationen und Straßenblockaden der Anwohner abgewehrt.
Dabei kostet die Müllabfuhr die Menschen in Neapel viel Geld: Für ein 70-Quadratmeter-Appartement müssen die Bewohner immerhin 196 Euro Müllgebühren im Jahr hinblättern. «Wir zahlen regelmäßig, aber es kommt nur jemand, wenn wir den Müll anzünden», ruft eine Rentnerin zornig.
«Faszination der Pizza-Stadt im Müll begraben»
Das romantische Bild von «Bella Napoli» ist in Schmutz und Moder versunken. Der neapolitanische Regisseur Pasquale Squitieri bringt es auf den Punkt: «Die ganze Faszination der Stadt der Pizza und der Mandolinen liegt im Müll begraben.» (dpa)