WM-Fieber in Kreuzberg: «Als Türken zeigen, dass wir Deutsche sind»: 

netzeitung.de«Als Türken zeigen, dass wir Deutsche sind»

 Herausgeber: netzeitung.de

Türkische Deutsche schwenken selbstverständlich die deutsche Fahne (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Türkische Deutsche schwenken selbstverständlich die deutsche Fahne
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Hunderttausende Türken werden am heutigen Freitag beim Spiel der DFB-Elf gegen Argentinien für Deutschland fiebern. Auf Straßen und in Amtsstuben Berlins ist zu erfahren, warum. Eine Reportage.

Von Tilman Steffen

Rückblick: Ein Döner-Imbiss in Berlin-Kreuzberg. Alle Stühle in dem kleinen Raum sind besetzt. Das ist sonst eher selten, aber heute gibt es einen Anlass: Auf einem Fernsehschirm in der Ecke läuft das Achtelfinal-Spiel Deutschlands gegen Schweden. Fast nur Männer schauen zu, alte und junge. Es dauert nur ein paar Minuten, da schießt Lukas Podolski das erste Tor. «Toooor» brüllt es aus Dutzenden Kehlen, die Männer springen auf, Getränke schwappen aus Gläsern.

In Kreuzberg leben Zehntausende türkische Zuwanderer und deren Nachkommen, seit drei, manchmal vier Generationen. Mehr als zwei Millionen sind es in ganz Deutschland. Allerlei Kneipen und Imbisse flaggen in diesen Tagen in Kreuzberg schwarz-rot-gold, die Tür eines Billigladens ziert der Bundesadler.

Herzen für Deutschland
Dass die Türken für die deutsche Nationalelf fiebern, liegt nicht nur daran, dass die Türkei bereits in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft ausschied und dadurch nicht mehr bejubelt werden konnte. Es gebe eine Million Kinder türkischer Migranten in Deutschland, «für die ist Deutschland die erste Heimat», sagte Taciddin Yatkin, Präsident der Türkischen Gemeinde Berlin, der Netzeitung. «Wir fühlen uns hier als fester Bestandteil, deshalb schlagen unsere Herzen für Deutschland.» Lediglich die erste und zweite Migrantengeneration betrachte Deutschland als die zweite Heimat und die Türkei als ihre eigentliche.

Wenige Schritte von der Imbisskneipe liegt am Berliner Maybachufer der Türkische Markt. Entlang des Landwehrkanals bieten die Händler auf ihren hölzernen Verkaufstischen Gemüse, Obst, Käse, Oliven auch verschiedene Sorten Tuch. Markisen schützen die Früchte vor der sengenden Sonne. Auf dem Gehsteig zwischen den Ständen und den Häuserfassaden drängen die Kunden entlang, Tüten und Taschen in den Händen.

Bin hier aufgewachsen
Fatma Seker zieht einen Rollwagen hinter sich her. Seit 30 Jahren lebt sie hier, sagt die Frau, deren Haar ein Kopftuch verhüllt. Sie sei kein wirklicher Fußballfan, aber dennoch für Deutschland. «Ich lebe hier, und ich lebe mit den Deutschen zusammen», begründet sie ihre Sympathie für Klinsmanns Team.

Auch Coban Mirac ist in der Türkei geboren. «Deutschland soll Weltmeister werden», sagt der Mittzwanziger. «Ich lebe hier, ich esse hier, ich trinke hier.» Auch Kaya-Dögan Nurgun wird am Freitag mitfiebern, wenn Deutschland gegen Argentinien antritt. Sie lebe seit Jahrzehnten in Deutschland, deshalb sei das selbstverständlich. «Ich weiß gar nicht genau, warum. Ich bin hier aufgewachsen und mag dieses Land.»

Unter vielen der Marktstand-Markisen wehen schwarzrotgoldene Flaggen. Unter einer hat Isa Denizkurt Stoffballen ausgebreitet. Kunden prüfen die Ware zwischen den Fingern, der Textilhändler rollt aus, bietet an, schneidet ab oder rollt wieder ein. Denizkurt erzählt beglückt von einem Besuch auf dem Kurfürstendamm nach dem Spiel gegen Polen. Die vielen Türken dort mit Deutschlandflaggen in den Händen «sind gemeinsam mit den Deutschen ausgeflippt». Als Fußballfan fügt er sich in sein Schicksal: «Wir sind hier in Deutschland, die Türkei ist nicht dabei, also halte ich für Deutschland die Daumen.»

Kein Paradies, aber Oase
Auch allgemein bringt die Weltmeisterschaft die Türken näher an die Deutschen heran, wie Gemeinde-Präsident Yatkin betont. «Wir haben wenige Gemeinsamkeiten, aber über den Fußball kann man sich kennen, Sport verbindet. Er ist wichtig zum Abbau von Vorurteilen.» Auch für Berlins Integrationsbeauftragten Günter Piening ist das Turnier «eine große Party mit einem großen Gemeinschaftsgefühl». Daran habe es in den letzten Jahren gefehlt.

Doch die gemeinsame «Teilhabe an den high-spirits» löse die Probleme der Migranten nicht automatisch, sagt Piening im Gespräch mit der Netzeitung. Die Meisterschaft sei «kein Paradies, aber eine Oase», die sich integrationspolitisch nutzen lasse. «Die vier Wochen schaffen ein Hochgefühl, an das man in den Alltagszeiten nach der WM wieder anknüpfen kann».

Es den Deutschen zeigen
Auch der Gardinenhändler Ayhan Yalcin sieht das so. Sein Laden liegt hinter einem unscheinbaren Schaufenster direkt am Türkischen Markt am Kanal. Die Sympathien zwischen Türken und Deutschen habe ihn geradezu überrascht, sagt der in Deutschland geborene Sohn türkischer Eltern. «Es ist das erste Mal, seit Türken in Deutschland leben, dass die Türken mal so richtig zeigen können, dass sie auch Deutsche sind.»

Doch die große Gemeinsamkeit zwischen Halbmond und Bundesadler ist auch dem Ergebnis der WM-Qualifikation geschuldet. Präsident Yatkin jedenfalls rät dazu, den Nationalstolz der türkischen Zuwanderer nicht zu unterschätzen: «Wenn die Türkei bei der Weltmeisterschaft dabei wäre, würden natürlich die meisten Türken zur Türkei halten!»