WM-Fieber in Kreuzberg: «Als Türken zeigen, dass wir Deutsche sind»:
«Als Türken zeigen, dass wir Deutsche sind»
30.06.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Rückblick: Ein Döner-Imbiss in Berlin-Kreuzberg. Alle Stühle in dem kleinen Raum sind besetzt. Das ist sonst eher selten, aber heute gibt es einen Anlass: Auf einem Fernsehschirm in der Ecke läuft das Achtelfinal-Spiel Deutschlands gegen Schweden. Fast nur Männer schauen zu, alte und junge. Es dauert nur ein paar Minuten, da schießt Lukas Podolski das erste Tor. «Toooor» brüllt es aus Dutzenden Kehlen, die Männer springen auf, Getränke schwappen aus Gläsern.
Wenige Schritte von der Imbisskneipe liegt am Berliner Maybachufer der Türkische Markt. Entlang des Landwehrkanals bieten die Händler auf ihren hölzernen Verkaufstischen Gemüse, Obst, Käse, Oliven auch verschiedene Sorten Tuch. Markisen schützen die Früchte vor der sengenden Sonne. Auf dem Gehsteig zwischen den Ständen und den Häuserfassaden drängen die Kunden entlang, Tüten und Taschen in den Händen.
Auch Coban Mirac ist in der Türkei geboren. «Deutschland soll Weltmeister werden», sagt der Mittzwanziger. «Ich lebe hier, ich esse hier, ich trinke hier.» Auch Kaya-Dögan Nurgun wird am Freitag mitfiebern, wenn Deutschland gegen Argentinien antritt. Sie lebe seit Jahrzehnten in Deutschland, deshalb sei das selbstverständlich. «Ich weiß gar nicht genau, warum. Ich bin hier aufgewachsen und mag dieses Land.»
Unter vielen der Marktstand-Markisen wehen schwarzrotgoldene Flaggen. Unter einer hat Isa Denizkurt Stoffballen ausgebreitet. Kunden prüfen die Ware zwischen den Fingern, der Textilhändler rollt aus, bietet an, schneidet ab oder rollt wieder ein. Denizkurt erzählt beglückt von einem Besuch auf dem Kurfürstendamm nach dem Spiel gegen Polen. Die vielen Türken dort mit Deutschlandflaggen in den Händen «sind gemeinsam mit den Deutschen ausgeflippt». Als Fußballfan fügt er sich in sein Schicksal: «Wir sind hier in Deutschland, die Türkei ist nicht dabei, also halte ich für Deutschland die Daumen.»
Doch die gemeinsame «Teilhabe an den high-spirits» löse die Probleme der Migranten nicht automatisch, sagt Piening im Gespräch mit der Netzeitung. Die Meisterschaft sei «kein Paradies, aber eine Oase», die sich integrationspolitisch nutzen lasse. «Die vier Wochen schaffen ein Hochgefühl, an das man in den Alltagszeiten nach der WM wieder anknüpfen kann».
Doch die große Gemeinsamkeit zwischen Halbmond und Bundesadler ist auch dem Ergebnis der WM-Qualifikation geschuldet. Präsident Yatkin jedenfalls rät dazu, den Nationalstolz der türkischen Zuwanderer nicht zu unterschätzen: «Wenn die Türkei bei der Weltmeisterschaft dabei wäre, würden natürlich die meisten Türken zur Türkei halten!»

