06.06.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Plakat gegen Zwangsprostitution zur WM
Foto: Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Für Schweden und US-Amerikaner gilt Deutschland wegen der WM schon als «Sündenpfuhl». Doch auch heimische Gruppen engagieren sich gegen Zwangsprostituion.
Von Monika WendelIn Kondom-Kostümen, mit Trillerpfeifen und Notruf-Telefonen machen Frauen zur Fußball-Weltmeisterschaft Front gegen Zwangsprostitution. Denn wie bei großen Messen dürfte das Geschäft mit dem Sex aus Expertensicht auch bei der WM zunehmen. Unklar ist aber, wie viele Frauen ausgebeutet und aus Osteuropa womöglich mit falschen Versprechungen angelockt werden.
Hinweise auf Einschleusungen im großen Stil hat die Polizei nicht. Initiativen, Kirchen, Politiker und Fußballer üben aber den Schulterschluss und rufen zu einem fairen Umgang mit Prostituierten auf.
Im Ausland warnen einzelne Kritiker vor Deutschland als «Sündenpfuhl». Konservative Gruppen in den USA forderten einen Stopp der Prostitution, die in Deutschland 2002 legalisiert wurde. In Schweden, wo Prostitution grundsätzlich verboten ist, entbrannte eine Diskussion, ob die Fußball-WM aus moralischen Gründen boykottiert werden sollte. Nun sollen schwedische Polizisten deutschen Fahndern bei der Fußball-WM im Kampf gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung zur Seite stehen.
Bei vielen Frauenverbänden steht ein Verbot der allgemeinen Prostitution in Deutschland nicht zur Debatte. Der Deutsche Frauenrat betonte, er lehne eine generelle Bestrafung von Freiern und eine «Kriminalisierung» der Prostitution ab. Mit ihren Aktionen zur WM nehmen Frauengruppen ausdrücklich die kriminellen Schattenseiten des Sex-Geschäftes in den Blick.
Bei Razzien in mehreren Bundesländern hatte die Polizei vor kurzem hunderte Bordelle, Clubs und Wohnungen kontrolliert. «Menschenhandel ist verabscheuungswürdig, und wir tun alles, um gegen dieses Phänomen anzukämpfen», sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums.
«Rein, raus?»In den Innenstädten, vor Stadien und Großbildleinwänden wollen Frauenverbände Fans in Feierlaune ansprechen. Auf riesigen Plakaten etwa in Berlin, Hamburg und Leipzig prangt der Spruch «Rein, raus? Sag nein zur Zwangsprostitution». «Der Slogan soll Männer mit dem Bedürfnis nach verfügbarem und gedankenlosem Sex konfrontieren und den Blick für die Menschen dahinter öffnen», berichtete der Dachverband Evangelische Frauenarbeit in Deutschland.
Notruf-TelefonEs gebe Erfahrungen aus dem Ausland, etwa von den Olympischen Spielen 2004 in Athen, wo «massenhaft Frauen angekarrt» wurden, sagt Schwester Lea Ackermann. Sie ist Chefin der Organisation Solwodi, die mit Beratungsstellen und Wohnungen Opfern von Frauenhandel hilft.
Ihre Organisation bietet unter anderem einen 24-Stunden-Telefonotruf zur WM unter der Nummer 08000/111777 an, der mit etwa 20 Ordensfrauen aus sechs Ländern besetzt ist.
Für das Riesengeschäft WM hätten sich Kommunen mit neuen Großbordellen und «Verrichtungsboxen» gerüstet, kritisiert Ackermann. Nach Darstellung der niedersächsischen Beratungsstelle Kobra sind 85 Prozent der Frauen und Mädchen, die käuflichen Sex anbieten, in ihren Herkunftsländern nicht der Prostitution nachgegangen.
«Knigge für Freier»Als Ganzkörper-Kondome verkleidet wollen Sozialarbeiterinnen der Beratungsstelle für Prostituierte, Phoenix, in zahlreichen WM- Austragungsstädten Fair-Play-Regeln für den Umgang mit käuflichem Sex verteilen. Der «Knigge für Freier» ist in vier Sprachen übersetzt. Wenn Fußballfans in Hannover vor der WM-Großleinwand auf den Anpfiff warten, zeigt die Stadt auch noch einen eigens produzierten Spot gegen Menschenhandel.
In der niedersächsischen Landeshauptstadt kamen vor kurzem aber auch gefälschte Flugblätter in Umlauf, die als Information der Verkehrsbetriebe getarnt waren. In Stadtbahnen lagen Zettel aus, mit denen ausländische Gäste vor einem Besuch des Rotlichtviertels gewarnt werden sollten. (dpa)