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Kongo und das Klischee vom «Herz der Finsternis»

30. Mai 2006 07:18
Flusslandschaft im Kongo
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Joseph Conrad hat mit seinem Roman «Herz der Finsternis» das europäische Afrika-Bild auf eine stereotype Art und Weise beeinflusst. Doch das Land selbst entzieht sich Präzisierungen, sagen Menschen, die im Kongo leben.

Von Marc Engelhardt

Für den Dampferkapitän Marlow ist es eine Fahrt in die Sinnlosigkeit, zu unverständlichen Wirrnissen, zu Stätten brutaler Ausbeutung: Eine Reise in den Dschungel Kongos, ins «Herz der Finsternis». Mehr als hundert Jahre ist es her, dass Joseph Conrad (1857-1924) eine Kongo-Fahrt unter diesem Titel in einem Roman verarbeitet hat. Seine Schilderungen beeinflussen bis heute das Afrika-Bild in Europa. Auch in der Debatte um den Kongo-Einsatz der Bundeswehr wird das «Herz der Finsternis» gerne strapaziert.

Für den polnischen Auswanderer Conrad - eigentlich Józef Teodor Konrad Korzeniowski - ist Kongo das Sinnbild des «dunklen» Kontinents voller Hunger, animalischer Rohheit, Krankheit und Gewalt. «Das still daliegende Wasser, das zum Ende der Welt führen mochte, floss träge unter einem bewölkten Himmel dahin in ein Herz immenser Dunkelheit», schreibt Marlow über den Kongofluss, der ihn zur Kolonie des durchgedrehten Elfenbeinhändlers Kurtz führt. Irgendwann schreit sich Kurtz seinen Abscheu aus dem Leib: «Das Grauen, das Grauen!»

Einfluss auf europäisches Afrika-Bild

Dass diese Düsternis bis heute das europäische Afrika-Bild prägt, wundert den kenianischen Schriftsteller Ngugi wa Thiong'o nicht. «Conrads Roman bedient die Ängste der Europäer, dass Afrika nichts anderes ist als ein gefährliches Niemandsland: Betreten verboten.» Afrika als «Herz der Finsternis» sei die Antithese zu Europa - eine Warnung davor, die westliche Zivilisation in Frage zu stellen. «Wenn es Afrika nicht gäbe, müsste es erfunden werden.»

«Nur nicht präzise werden»

Binyavanga Wainaina, 35 und Star der jungen Literatur-Szene in Kenia, empfiehlt in seinem satirischen Essay mit dem Titel «Wie man über Afrika schreiben sollte»: «Die Worte 'Dunkelheit' oder 'Safari' sind in der Überschrift ein Muss.» Afrika solle als ein einziges Land behandelt werden. «Es ist heiß und staubig, es gibt Tierherden und große, dünne Menschen, die Hungers sterben.» Alternativ sei Afrika heiß und schwül und voller kleiner Menschen, die Primaten verspeisen. «Verschwenden Sie keine Zeit mit präzisen Beschreibungen», rät er.

Sein eigenes Klischee

Doch manche räumen ein, dass das riesige Tropenland Kongo sich vielen Präzisierungen entzieht. «Die Hauptstadt Kinshasa tickt so anders als Europa oder alles, was meine Freunde je gesehen haben, ich habe nie gewusst, wie ich es ihnen erklären soll», sagt ein Arzt, der 17 Jahre lang am Kongo gelebt hat. «In gewisser Weise ist Kongo tatsächlich sein eigenes Klischee, ein chaotisches, unverständliches Land, in dem nichts funktioniert», berichtet der Maler Xavier Verhoest, der in Kinshasa geboren wurde und heute in Kenia lebt.

«Wer Afrika im Westen beschreiben will, kommt an Vereinfachungen nicht vorbei», glaubt Verhoest. Dazu komme das Resultat jahrzehntelanger Unterdrückung und Kolonisierung, in allen Formen der Kunst, auch in der Malerei: «Bis heute machen viele Afrikaner nicht 'ihre' Bilder sondern die Bilder, die der Westen von Afrika erwartet - das Afrika-Klischee verstärkt sich dadurch wechselseitig.» In der Literatur oder Politik sei das nicht anders, so Verhoest.

Abgehackte Hände im Palast

Die Menschen in der Kongo-Region haben so viel Surreales erlebt, dass nichts mehr unmöglich scheint: Der belgische König Leopold II. ließ sich zur Kolonialzeit einst die abgehackten Hände widerspenstiger Sklaven in seinen Palast schicken. Jahrzehnte später benannte Diktator Mobutu Sese Seko das unabhängige Land in Zaire um, trug eine Leopardenfellmütze und rief seine Untertanen auf, ihre Mitmenschen auszurauben, um zu überleben.

Gorillas und Nashörner

Im kongolesischen Dschungel arbeitet heute Markus Radday, Forstexperte der Umweltstiftung WWF. Er versucht, in dem von Unruhen und Kriegen zerrissenen Land bedrohte Tierarten zu retten. Das ostafrikanische Breitmaul-Nashorn ist vielleicht schon ausgerottet. Der Gorilla steht kurz davor. Wegen der anhaltenden Kämpfe kann das keiner so genau sagen. Wilderei ist ein großes Problem.

Verrottende Dampfer

«Ich war in Bumba, früher mal eine bedeutende Stadt - heute ist jede Verbindung zur Außenwelt gekappt, die gut 250.000 Einwohner haben gar keine andere Wahl, als den Wald zu plündern», sagt Radday. Soldaten und Rebellen ziehen mit ihren Automatik-Waffen los. Die Kongo-Dampfer, nicht nur zu Conrads Zeiten die Hauptverkehrsmittel in einem Land von der Größe Westeuropas mit nur 500 Kilometer Straßen, fahren nicht mehr. Sie verrotten in Kinshasa. Keiner weiß, warum sie nicht repariert werden.

Enklaven wie Bumba, die sich wie die Kolonie des durchgedrehten Kurtz jeder Kontrolle entziehen, sind vielleicht ein Grund dafür, dass nicht nur Radday das «Herz der Finsternis» nach wie vor als zutreffende Beschreibung empfindet. «Des Menschen Geist», schreibt Conrad in seinem Buch, «ist zu allem fähig.» Im Kongo mit seinen ungezählten Tragödien bestätigt sich das täglich aufs Neue. (epd)

 
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