24.01.2006
Herausgeber: netzeitung.de
«Entlassungsproduktivität» ist Unwort 2005
Sprachwissenschaftler haben das «Unwort des Jahres» gewählt. Ihre Rüge trifft die Umschreibung von unternehmerischem Erfolg durch Jobabbau.
«Entlassungsproduktivität» ist das «Unwort des Jahres» 2005. Das gab die Jury aus Sprachwissenschaftlern am Dienstag in Frankfurt am Main bekannt. Der betriebswirtschaftliche Begriff verschleiere «die meist übermäßige Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten», begründete das fünfköpfige Gremium seine Entscheidung.
«Gammelfleisch» häufig genanntUnter «Entlassungsproduktivität» wird die Steigerung der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens durch Personalabbau verstanden. Der Begriff spielt unter anderem in der aktuellen Metalltarifrunde eine Rolle. Auch andere Begriffe aus der Wirtschaft wie «Smartsourcing» und «Qualitätsoffensive» hatten als Favoriten gegolten. Die Jury hatte vergangene Woche mitgeteilt, dass 1891 Zuschriften mit 1073 unterschiedlichen Formulierungen eingegangen seien.
Die eingereichten Wörter stammen aus den Bereichen Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Technik, Wissenschaft, Kulturinstitutionen und Medien. Am häufigsten waren «Ehrenmord», «Gammelfleisch», «Parasiten» und «Schwampel-Koalition» genannt worden. Von «Parasiten» war laut Berichten in einem Papier des Arbeitsministeriums im Zusammenhang mit Empfängern von Sozialleistungen die Rede; das Ministerium hatte den Vorwurf allerdings zurückgewiesen.
«Sachlich grob unangemessen»Jury-Sprecher Horst-Dieter Schlosser hatte am vergangenen Wochenende den Begriff «Ehrenmord» als seinen Favoriten genannt. Im Februar hatte ein 19-jähriger Türke seine Schwester in Berlin-Tempelhof auf offener Straße erschossen. Die Anklage wirft ihm vor, die 23-jährige Hatun Sürücü wegen des in seinen Augen zu westlichen Lebensstils getötet zu haben.
Die Jury aus fünf Fachleuten für Sprache entscheidet jedoch nicht nach der Häufigkeit der Einsendungen, sondern wählt einen Begriff, der «sachlich grob unangemessen» ist und «möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzt». Das Unwort wurde zum 15. Mal bestimmt. Im Vorjahr lautete es «Humankapital».
«Heuschrecke» gerügtAuch Kursmakler und Wertpapierhändler der Düsseldorfer Börse wählen jedes Jahr das Börsen-Unwort des Jahres. Für das Jahr 2005 wurde «Heuschrecken» auserkoren. Der vom früheren SPD-Vorsitzenden und heutigen Arbeitsminister Franz Müntefering geäußerte Satz über die «anonymen Finanzinvestoren, die wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen herfallen, sie abgrasen und weiterziehen», zeichne ein völlig falsches Bild von dieser Investorengruppe, teilte die Börse Düsseldorf am Dienstag mit.
Mit dieser Bezeichnung werde eine ganze Branche verunglimpft, hieß es. Vor allem die geschäftlichen Strategien ausländischer Beteiligungsgesellschaften und Hedgefonds gerieten in Verruf. Dass Gewinnmaximierung im Vordergrund stehe, sei durchaus legitim, betonten die Experten an der Düsseldorfer Börse. Das rechtfertige aber nicht die vereinzelt rüden Methoden. Der Begriff sei dennoch in jedem Fall irreführend, weil diese Investoren selten in Schwärmen aufträten. 2004 war «Seitwärtsbewegung» das Börsen-Unwort des Jahres. (nz)