13.03.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Ausgestellte Gewehre auf der Waffenmesse in Nürnberg
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Trotz des Amoklaufs in Winnenden ist die Stimmung auf der weltweit größten Waffenausstellung nur wenig getrübt. Es herrscht «Business as usual» - lediglich ein Waffendiebstahl bringt etwas Unruhe ins Geschäft.
Unbekannte haben Donnerstagabend an einem Stand der Nürnberger Waffenmesse 15 Gewehre gestohlen. Die mehrere hunderttausend Euro teuren Sammlerstücke eines österreichischen Herstellers seien handgerfertigte Einzelstücke und teilweise mit Silber-Ziselierungen versehen gewesen, sagte eine Polizeisprecherin.
Die teuren Raritäten seien voll funktionstüchtig, die passende Munition hätten der oder die Täter allerdings nicht angerührt, so die Sprecherin. Es würden aber mehrere Messer und Manschettenknöpfe fehlen. Die Ermittler der Kripo haben sofort mit der Untersuchung des Falles begonnen.
Die weltweit größte Waffenmesse war am Freitag mit einer Gedenkminute für die Opfer des Amoklaufes von Winnenden eröffnet worden. Von Betroffenheit ist aber wenig zu spüren: Nur zwei Tage nach dem Amoklauf von Winnenden mit 16 Toten herrscht am Freitag auf der weltweit größten Fachmesse für Schusswaffen IWA in Nürnberg «Business as usual».
«Vollkommen degenereierte Gesellschaft»«Das hier ist eine ganz normale Waffenmesse», sagt Marius Gehr, Besitzer eines Waffengeschäftes in Regensburg. Der 52-Jährige inspiziert mit seinem 21-jährigen Sohn Johannes und Freund Thomas Neumaier gerade ein großes schwarzes Sturmgewehr. Mit Blick auf das Blutbad vom Mittwoch erklärt Neumaier: «Wenn einer mit einem Auto ins Straßencafe fährt und damit Menschen tötet, setze ich mich am nächsten Tag doch auch wieder hinters Steuer.»
Der 17-jährige Tim K. sei ein «kranker Geselle» gewesen, sagt er. Was er in Winnenden angerichtet habe, sei Ausdruck einer «vollkommen degenerierten Gesellschaft», in der sich die Eltern nicht mehr um ihre Kinder kümmerten und zuließen, dass diese zunehmend vereinsamten. Die Waffenindustrie treffe jedenfalls keine Schuld. «Einen Amoklauf kann man nie verhindern», erklärt Gehr. Erst recht nicht durch noch schärfere Waffengesetze, wie es nun wieder diskutiert werde.
Die Stimmung ist «ein bisschen gedrückt»«Wir haben doch ohnehin das schärfste Waffengesetz der Welt», sagt auch Hobby-Jäger Frank-Peter Müller. Die Gesetze müssten eben auch eingehalten werden, kritisiert der 52-Jährige aus Leipzig, der hauptberuflich Schießstände baut, sich aber nichts so sehr wünscht, wie Vollzeit-Jäger sein zu können.
Gemeinsam mit seinem Kollegen Alexander Wolf besucht er die Nürnberger Waffenmesse regelmäßig. In diesem Jahr sei die Stimmung «vielleicht ein bisschen gedrückt», findet Wolf. Richtig schlecht sei sie aber nicht. «Natürlich hat jeder von uns den Amoklauf im Hinterkopf», sagt er.
Ein komisches Gefühl, gerade jetzt auf einer Waffenmesse zu sein, habe er aber nicht. Schließlich hätten die Eltern des 17-jährigen Schützen die Hauptverantwortung für das Massaker zu tragen und nicht die Waffenhersteller oder -händler. Es sei ein Unding, dass der Vater die Tatwaffe nicht wie vorgeschrieben im Waffenschrank, sondern unter seinem Kopfkissen im Schlafzimmer aufbewahrt habe und offensichtlich gleichzeitig jedes Warnsignal seines labilen Sohnes ignoriert habe. «Das alles ist traurig, traurig. Aber alle Waffen abzuschaffen, ist Schwachsinn. Der Mensch findet immer eine Möglichkeit, sich gegenseitig zu schaden», sagt Müller.
«Es ist nicht an der Zeit für Erklärungen»Für Carlo Ferlito, General Manager des Herstellers Beretta, übersteigt das Massaker von Winnenden jedes Vorstellungsvermögen. «Wir fragen uns, warum das geschehen ist», sagt er. Jede weitere Stellungnahme seines Unternehmens lehnt er aber ab. «Jetzt ist es nicht an der Zeit für Erklärungen, sondern Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfer auszudrücken.» Das alles sei eine Tragödie, sagt er.
Beim großen deutschen Waffenhersteller Walther will dagegen niemand auch nur ein Wort zu den Ereignissen in Baden-Württemberg verlieren. Stattdessen verweist ein Mitarbeiter auf den Herstellerverband. Dessen Präsident Olaf Sauer hatte bei der offiziellen Eröffnung der Messe am Morgen die Betroffenheit der Branche rasch abgehandelt. Nach einer Schweigeminute für die Opfer und einigen Sätzen des Bedauerns kehrt er rasch zum Tagesgeschäft zurück. «Business as usual» eben. (Brigitte Caspary, dpa/nz)