Amoklauf mit 16 Toten nahe Stuttgart: 

netzeitung.deLehrerin verhinderte in Winnenden Schlimmeres

 Herausgeber: netzeitung.de

Trauer in Winnenden (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Trauer in Winnenden
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Im schwäbischen Winnenden stehen die Menschen nach dem Amoklauf eines 17-Jährigen unter Schock. Kanzlerin Merkel spricht von einem «Tag der Trauer für Deutschland». Trost gibt es nicht - aber die Nachricht von einer mutigen Frau.

Die Geistesgegenwart und der Mut einer Lehrerin haben Schülern in der Realschule in Winnenden das Leben gerettet. Sie unterrichtete in einer Klasse, in die am Mittwochmorgen ein 17-jähriger Ex-Schüler trat, um Menschen zu erschießen, berichtet die Online-Ausgabe des «Tagesspiegel».

Tim K. sei «mit eiseskaltem Gesicht» in den Raum gekommen und habe sofort einige Kinder getötet, sagte ein Sicherheitsexperte dem Onlinedienst. Dann sei der Täter hinausgegangen. Vermutlich habe er seine Waffe nachladen müssen. «Die Lehrerin hat geistesgegenwärtig die Klassentür verschlossen», so ein Sicherheitsexperte. Der Amokläufer habe dann versucht, das Türschloss aufzuschießen, «das ist ihm nicht gelungen».
Unter Schock
Die Menschen in Winnenden stehen unter Schock. In den meisten Häusern sind die Rollladen heruntergelassen. Am Nachmittag stehen nur noch wenige Schaulustige an den Polizeiabsperrungen vor dem Schulzentrum der schwäbischen Kleinstadt. Niemand findet Worte für die schreckliche Tat, die sich hier ereignet hat.

Nach bisherigen Erkenntnissen stürmt der 17 Jahre alte Tim K. um 9.33 Uhr mit einem schwarzen Kampfanzug bekleidet die Albertville-Realschule. Mit einer Pistole der Marke Beretta, die offenbar aus der Waffensammlung seines Vaters stammt, erschießt der mutmaßliche Täter neun Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren sowie drei Lehrer.

Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) sagte später, den Interventionsteams der Polizei habe sich Augenblicke nach dem Notruf ein «grauenvolles Bild» in der Schule geboten. Tim K. war kurz zuvor geflüchtet und hatte einen Beschäftigten des nahegelegenen Krankenhauses für psychisch Kranke erschossen. «Ich habe sechs bis sieben Schüsse gehört. Ich darf meine Station nicht mehr verlassen», berichtete eine Mitarbeiterin der Psychiatrie.

Dreistündige Flucht
Nach dieser Tat zwingt der Amokläufer einen Mann, gemeinsam mit dessen Auto zu flüchten. Auf der Autobahn bei Wendlingen (Kreis Esslingen) lässt er um kurz vor 12.00 Uhr den Wagen und den Fahrer zurück. Dieser informiert die Polizei darüber, dass der junge Mann zu Fuß in Richtung des nahegelegenen Industriegebiets unterwegs sei. Tim K. dringt in ein VW-Autohaus ein, um ein Fahrzeug in seine Gewalt zu bringen und erschiesst dort einen Angestellten und einen Kunden.

Als er das Gebäude verlässt, eröffnet er das Feuer auf Polizisten und verletzt zwei Beamte schwer. Dann richtet er die Pistole auf sich selbst. «Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vor hatte», sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder später bei einer Pressekonferenz in Waiblingen.

Angesehener Unternehmer
Frank Sailer ist Vorsitzender des Fördervereins der Albertville-Realschule. Sein 15-Jähriger Sohn war zum Zeitpunkt des Amoklaufs in der Schule. «Er steht völlig unter Schock», sagt Sailer sichtlich bewegt. «Wie wir alle», fügt er hinzu. Warum Tim K. zum Amokläufer wurde, kann er sich nicht erklären. Nur einen rechtsradikalen Hintergrund, über den in den Medien spekuliert worden sei, schließe er aus, sagt er.

Jürgen Kiesl, Bürgermeister der Gemeinde Leutenbach, zu der Weiler zum Stein gehört, hat Tim K. zwei Mal als Sportler geehrt. Auch die Eltern des Jungen kennt er gut, der Vater ist ein angesehener Unternehmer und laut Polizei Mitglied des Schützenvereins Winnenden. Eine der Waffen fehlte, als die Polizei das Haus in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis) in der Nähe von Winnenden durchsuchte. Auch 50 Schuss Munition waren verschwunden.

«Ich kann mir nicht vorstellen, was diesen Jungen zu der Tat gebracht haben sollte», sagt auch Kiesl. Er will nun sicherstellen, dass die Winnender Schüler von Psychologen betreut werden. «Wir müssen auch dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert», sagt er. «Nach diesem Tag wird bei uns über Monate nichts mehr so sein, wie es war.»

Vor der Albertville-Realschule stehen kleine Grüppchen von Schülern. Jungen und Mädchen, etwa 14 bis 18 Jahre alt. Gesprochen wird wenig. Die Schüler ziehen an ihren Zigaretten, manchmal nehmen sie sich gegenseitig in den Arm. Viele kannten Tim K. Als unauffällig und höflich beschreiben sie ihn. Er sei ruhig, kein Macho, aber auch kein Außenseiter gewesen. «Jemand, mit dem man gerne ausgeht», sagt die 15-Jährige Jasmin. Sie befürchtet, das die Schwester einer ihrer Freundinnen unter den Opfern ist. «Deshalb bin ich hier, um mehr zu erfahren.»

Doch es gibt auch andere Einschätzungen über Tim K.: «Er wurde einfach von niemandem akzeptiert, saß den ganzen Tag eigentlich nur daheim vor dem Computer», sagte Mario H., ein ehemaliger Mitschüler des Amokläufers. Der 17- Jährige sei ein «zurückhaltender, ruhiger Typ» gewesen. «Ich hätte vor ihm andere, ehemalige Klassenkameraden vermutet, als ich den Namen noch nicht gehört hatte», sagte der Jungendliche.

Die Schulleistungen des Amokläufers seien «schlecht bis mangelhaft» gewesen. «Man kann sagen, seit er auf der Realschule war, hat er jedes Jahr so gerade geschafft.» Seit er elf, zwölf Jahre alt war, habe der Amokläufer «diese Spielzeugwaffen, diese Softair» gehabt. Mario H.: «Manchmal auf dem Spielplatz hat er mit anderen aus der Klasse oder aus der Umgebung aufeinander geschossen.»
«So fassungslos»
«Wir erfahren aber überhaupt nichts», beschwert sich eine ältere Frau, die in der Albertville-Schule als Putzkraft beschäftigt ist. Zum Zeitpunkt des Amoklaufs sei sie in der Turnhalle gewesen, berichtet sie. Die Unterricht dort sei vollkommen normal gelaufen, bis die Polizei plötzlich alle Schüler aus dem Gebäude geholt habe. «Ich bin so fassungslos, ich kann nicht einmal weinen», sagt die Frau, deren blaue Augen dennoch feucht schimmern.

Wie die Menschen in Winnenden ist auch die Polizei ratlos. Hauptziel der Ermittlungen sei es aktuell, die Vergangenheit des Täters aufzuarbeiten und ein mögliches Motiv zu finden, sagt ein Sprecher. «Bislang tappen wir vollkommen im Dunkeln. Mehrere Notfallseelsorger und Psychologen sind nach Winnenden gekommen und kümmern sich um Schüler und Eltern, die die schreckliche Tat verarbeiten müssen. »Die Seele der Schule ist verwundet«, sagt der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) vor Journalisten. Die Seelen der Menschen in Winnenden sind es auch.

Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte den Mittwoch einen «Tag der Trauer für ganz Deutschland». Es sei «unfassbar, dass binnen Sekunden Schüler, Lehrer in den Tod gerissen wurden durch ein entsetzliches Verbrechen». Sie hoffe, dass die Angehörigen in dieser schweren Stunde Trost finden könnten. Mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger hat Merkel telefoniert und ihm jede Hilfe zugesagt, die benötigt werde.

Für Angehörige der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte der Albertville-Realschule ist eine Hotline-Nummer beim Regierungspräsidium Stuttgart geschaltet, die mit Schulpsychologen besetzt ist: 0711/904 - 40149, seelsorgerlichen Beistand bietet auch die Telefonseelsorge unter 0800 1110111. (epd/dpa/nz)